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Marseillaise auf der Ulitsa Marata – die Frankomanie der Russen

Von   /  14. Juli 2012  /  Keine Kommentare

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Von Luisa Schulz

In Russland ist man wahrscheinlich noch frankophiler als Deutschland. Es ist fast schon eher eine Frankomanie als eine Frankophilie. So feierte heute auch Petersburg die Prise de la Bastille. Auf der Ulitsa Marata vor dem französischen Café „Jean Jacques“ spielte eine Blaskapelle den ganzen Nachmittag so laut die Marseillaise und andere Chansons, dass die ganze Straße bebte. Mit der Deutschlandhymne könnte man sich das kaum vorstellen. Warum eigentlich scheinen die Russen unsere Nachbarn immer etwas lieber zu mögen, als die Deutschen?

Cuisine und Beauté

Die Musiker der Blaskapelle, die neben dem Café spielt, sind keine Franzosen, sondern Russen. Das merkt man an der Montur nicht der Sansculottes, sondern der Zarenbrigade, aber vor allem am Temperament, mit dem sie die Marseillaise wie einen Höllenritt spielen. Es sind hier nicht die französischen Expats, die die Fête nationale feiern, sondern die Russen selbst. Das Restaurant „Jean Jacques“ gehört zu einer langen Reihe von frankophilen Adressen, die in Piter nur so aus dem Boden schießen, von den Caféketten „Busche“ und „Café du Nord“, die der Cusine des Landes gewidmet sind über Modegeschäfte bis zu denDrogerien „Riv Gosch“ und „L’Etual“, die seinem legendären Schönheitssinn Tribut zollen.

Andere Länder, etwa Deutschland,können im Bereich Lifestyle deutlich weniger punkten, da gibt es gerade mal die Kneipenkette „Jäger Haus“ und ein paar deutsche Schuhläden. Woher die Ulitsa Marata ihren Namen hat, weiß übrigens keiner so genau, vielleicht von Marats Bruder, der eine Zeit lang in Petersurg wohnte, denn der Revolutionär selbst war kein einziges Mal in der Stadt. Wahrscheinlich wurde er einfach aus Frankophilie beehrt. Und all das, obwohl an russischen Schulen fast nur Englisch oder Deutsch gelehrt wird, kaum Französisch. Woher also kommt diese mythomanische Liebe für das Land am anderen Ende Europas?

Historische Frankophonie

Die Frankophilie in Russland ist kein neues Phänomen. Um das zu bemerken, braucht man nur einen Klassiker der russischen Literatur aufschlagen. Nicht nur wird dort ständig Französisch gesprochen. Vor allem ist die französische Sprache immer ein Zeichen von Aristokratie, Bildung, Raffinement. Eugen Onjegin zeichnet sich durch seine perfekte Beherrschung des Französischen aus, während sich in Gogols „Hochzeit“ der unentschlossene Kapilotadow fragt, ob er wirklich ein Mädchen heiraten soll, das kein Französisch kann. Ganz anders die Darstellung der deutschen Sprache, etwa bei Gontscharov oder Dostojevskij, die eher für eine gewisse kleingeistige Rationalität und emotionale Beschränktheit steht.  Immerhin Tolstoi wird nachgesagt, die Vogue der Frankophonie eher kritisch gesehen zu haben. So platzt seinem alter ego Levin in Anna Karenina der Kragen, weil seine Schwägerin Dolly mit ihren Kindern nur Französisch spricht. Ihm nach sollten die Russen zu ihrer russischen Natur stehen.

Puschkin selbst sagte einmal, die Verehrung des Französischen sei wohl der Hauptgrund für die Verspätung der russischen Nationalliteratur gewesen. Die russische Aristokratie war spätestens seit Mitte des 18. Jahrhunderts größtenteils bilingual: Französisch war die Hauptsprache in der Familie, der romantischen Korrespondenz, den Salons und den Pensionaten. Bis dato war die Zweitsprache der Adligen vor allem Deutsch gewesen. Während die Deutschen schon unter Peter dem Großen in Russland Fuß gefasst hatten, kamen die Franzosen erst unter Katharina der Großen. Katharina, trotz deutscher Herkunft selbst sehr frankophil, hatte einen französischen Leibarzt, holte sich französische Buchhändler und Lehrer ins Land und führte bekanntlich mit Voltaire Korrespondenz. So wurde das Deutsche als Modesprache vom Französischen verdrängt. Im Siècle des Lumières wohl auch einfach die wichtigere europäische Sprache.

Vive la Révolution – Frankophilie im 19. Jahrhundert

Interessant ist dagegen die Popularität Frankreichs bei der russischen Intelligentsia des 19. Jahrhunderts, Napoleons großem Fauxpas zum Trotz. Ihr Interesse an Frankreich ist eher politischer Art. Französische Denker wie Fourier oder Saint Simon oder Proudhon genießen dabei zwar  kein größeres Ansehen als die deutschen Idealisten wie Hegel, Schelling und ihre Schüler. Aber Frankreich hat vor Deutschland den entscheidenden Vorsprung der Revolution.

Wie Isaiah Berlin in seiner Chronik „Russische Denker“ beschreibt, schickte man die Adeligen für ihre Grand Tour zwar bewusst nach Deutschland und nicht in nach Frankreich, um sie nicht auf falsche Gedanken zu bringen. Diese Taktik schlug aber vollkommen fehl. Denn in Deutschland wurde zu dieser Zeit die französische Revolution viel mehr romantisiert als im bereits desillusionierten Frankreich. Ein bisschen sind also sogar die Deutschen schuld an der russischen Frankophilie.

Politische Fronten und Frankreich-Romantik gegen den Kommunismus

Dass die Russen sich im 20. Jahrhundert mehr mit den Franzosen verbunden fühlten, als mit den Deutschen, erstaunt wenig. Die Fronten der zwei Weltkriege haben sicher  ihre Spuren im kollektiven Bewusstsein hinterlassen. Frankopholie war da geradezu ein Voodoo-Zauber  gegen die teutonische Bedrohung. Unterhält man sich heute vor allem mit jüngeren Russen über Frankreich, hat man aber nicht den Eindruck, dass ihre Frankophilie vor allem Kriegsbündnisse reflektiert.

Eher scheint man darin immer noch eine gewisse Revolte gegen den kommunistischen Drill heraushören. Ein bisschen diesen „Atlantis“-Traum, dem Andrei Makine mit seinem Frankophilie-Roman Das französische Testament ein Denkmal gesetzt hat. In der Sowjetunion war sie eine Revolte : diese Romantik eines Landes mit breiten, kastaniengesäumten Avenuen, in dem Präsident Felix Faure in den Armen seiner Mätresse stirbt, alle Frauen „petite pomme“ raunend in die Kameras lächeln, ein Dandy namens Marcel Proust sich Weintrauben und ein Glas Wasser bestellt, ein Victor Hugo ein Gedicht über ein Kind schreibt, der dem Schießkommando entrinnen kann und es nicht tut… Verklärte französische Feinfühligkeit als Revolte gegen kommunistische Konformität.

Russophilie in Frankreich

Trotz allem scheint es verwunderlich, dass die Russen frankophiler sein sollten als etwa die Deutschen, wo sie doch viel weiter von Frankreich entfernt sind, in der Mehrzahl überhaupt nie dort waren. Aber vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis. Neben den Russen sind ja gerade die Japaner als besonders frankophil bekannt. Vielleicht kann man ein Land umso besser lieben, je weiter man davon entfernt ist.

Im Übrigen ist die Affinität zwischen Russland und Frankreich beidseitig. Im Café „Jean Jacques“ sitzt auch ein Franzose, der erzählt, er wohne seit 27 Jahren in Russland und liebe es genauso schicksalhaft wie Frankreich. Vielleicht ist der Fehler der Deutschen einfach, dass sie Russland selbst nie genug geliebt haben. Das würde jedenfalls zum russischen Klischee der Deutschen passen, wie es Gontscharow geprägt hat, für dessen Bilderbuch-Deutschen Stolz Gefühle eine „terra incognita“ sind…

Trostpflaster Germanophilie

Für Deutsche gibt es immerhin den Trost, dass man in Petersburg auch unerwartet oft auf „Germanophilie“ trifft. Ob es die Tatsache ist, dass russische Schüler manchmal sogar Deutsch statt Englisch Fremdsprache lernen, am Granitblock der deutschen Wirtschaft, am verlockenden deutschen Lebensniveau, oder doch immerhin ein bisschen an der Petersburger Prägung durch die Deutschen (viel mehr als durch die Franzosen, aber lassen wir diese gar zu deutsche Pedanterie) – dem deutschen schwachen Selbstbewusstsein tut es gut, wenn man auf die Nennung seines Herkunfslands auch mal ein „cool“ zu hören bekommt, nicht immer nur ein „koschmar“.

 

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