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Magische Orte: Geruch des Ostens auf dem Witebsker Bahnhof

Von   /  13. Dezember 2009  /  3 Kommentare

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Von Eugen von Arb

Wie in einem Film mit Nebelmaschine werde ich in einen dünnen Dunst eingehüllt als ich die Halle des Witebsker Bahnhofs betrete – ich ziehe eine Nase voll ein : Kohle. Aus zwei Zugskompositionen in altsowjetischem Militärgrün steigt der Rauch wie aus Riesenzigarren auf. Altersschwache Samoware in den Waggons werden damit gefeuert.


Das ist der Geruch von Grenzübertritten in den Osten. Er erinnert mich an nächtliche Grenzkontrollen, knirschendes Uniformleder, klappernde Taschenlampen im Zugskorridor. Sie kommen! Coupetüren werden aufgerissen werden, Lichtschalterknipsen, Gähnen, fragende Kinderstimmen und beruhigende Antworten der Eltern. In die Stille fährt das Seufzen der Zugsbremse.

Nach dem leichten Schreck, das Warten, das leichte Frösteln – als wäre es jenseits der Grenze plötzlich kälter geworden – das Schläfrigwerden bis man die Beamten gar nicht mehr wahrnimmt. Routinierte Stimmen werfen das Wort „Passkontrolle“ in die Abteile, Uniformhosen und klopfende Stempel auf dem lädierten Pass, den man gerade zusammengeschrumpelt aus der warmen Hosentasche gezerrt hat. Und über allem der Kohlemief.

Solche Grenzen gibt es nicht mehr, solche Züge auch nicht. Nur der Witebsker Bahnhof hat von der Geschichte eine Sondergenehmigung bekommen. Kein Wunder – von hier fahren die Züge in das politische Vakuum – Orscha, Minsk, Gomel, Kischiniew – Weissrussland und Moldawien. Für ein Dutzend Züge, die in Abständen von vielen Stunden ein- und abfahren, wird ein ganzer Bahnhof betrieben. Wie Ozeanriesen von Übersee gleiten sie in den Hafen, gezogen von schmutzigen Loks. Ein Zug Soldaten stapft vorbei.

Da tritt die russische Bahnpost auf die Bühne, und alles passt zusammen: der holprige Boden, der mickrige Handwagen mit dem übergrossen, unförmigen Leinensack, der jederzeit in aller Richtungen fallen könnte. Der Arbeiter schiebt, ohne hinzuschauen, man selber möchte fluchen! Auch der Bahnhofsgründer Franz Anton von Gerstner von 1837, der in Bronze erstarrt mit Spielzeuglok in der Hand dasteht, hätte wohl seine Meinung zum Geschehen.

Wie Statisten stehen die grellbunten Telefonkartenverkäufer mit ihren lächerlichen Ständen im Dunst am Ende der riesigen Halle und holen mich in die Gegenwart zurück. Benommen finde ich den Wartesaal.

Schwarze Bahnpolizisten und Passagiere schauen Krimi, ungewöhnlich brutal. Ein Mann liegt zusammen geschlagen in der Küche und wird immer wieder getreten, noch einmal und wieder. Warum wird er nicht längst ausgeblendet, fragen die Blicke. Dösende Gestalten in den Bänken wachen auf. „Mein Freund kommt mit dem Zug aus Gomel 12.04“, werde ich lügen, falls ich kontrolliert werde. Aber meine Antwort interessiert hier niemanden.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

3 Kommentare

  1. mm sagt:

    Viel dank für die schönen Bilder..
    Immer wenn ich am Bahnhofvorbei Richtung Nach Hause fahre wundere ich mich was aus dem alten Nebengebäude das als der „Zarenbahnhof“ Richtung Pawlowsk / Zarskoe Selo geworden ist. Der kleine Seitenbahnhofspalast scheint tip top renoviert – aber kann mann da auch mal „reinriechen“ ?

  2. eva sagt:

    Hingehen und „reinriechen“ – es lohnt sich!

  3. regina sagt:

    höchst interessant.danke

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