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Lew Smorgon: „Stalin ohne Hosen“ und andere Geschichten

Von   /  24. Dezember 2014  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

In der Galerie „Borey“ stellte kürzlich der bekannte Petersburger Bildhauer Lew Smorgon seine Geschichtensammlung „Warum ich nicht Schumacher wurde“ vor. Statt aus dem frisch gedruckten Buch zu lesen, begann er dem Publikum die Anekdoten und Erinnerungen gleich live zu erzählen.  Beide Seiten konnten nicht genug davon kriegen – er als begnadeter Erzähler und die faszinierten Besucher, die immer noch eine Geschichte hören wollten.

Genau so ist es mit dem Buch – es liest sich genüsslich, und wer es liest, muss der Leiterin der Galerie „Borey“ recht geben, die das schriftstellerische Talent Smorgons lobte, das neben jenem als Bildhauer lange unentdeckt bliebt. Als 85-Jähriger hat Smorgon fast ein ganzes sowjetisch-russisches Jahrhundert miterlebt und erscheint seiner Umgebung mit seinem markanten Kopf und der ebenso markanten Nase selbst wie die eindrückliche Skulptur einer Epoche.

Meister auf allen Gebieten der Skulptur

Als Jugendlicher hat er Krieg und Evakuation miterlebt, nach dem Krieg absolvierte er die Leningrader Muchina-Akademie und arbeitete als Kunsthandwerker beim Wiederaufbau Russlands mit. Bei dieser angewandten Kunst lernte er, mit fast allen Materialien meisterhaft umzugehen – sei es Gips, Glas, Stein, Keramik, Eisen, Bronze usw. Von Stuckaturen über Kinderspielzeuge bis hin zu Büsten und ganzen Standbildern hat er in seinem Leben fast alles geformt, was drei Dimensionen besitzt.

Als sowjetischer Künstler und Mitglied der Künstlerunion kannte er die Arbeit gemäss Partei-Auftrag, doch hat er dabei immer seine ganz individuelle Linie verfolgt und hatte darum auch keine Existenzkrise in der Zeit danach. Eine seiner jüngsten und bekanntesten Skulpturen ist das Denkmal an der Kronwerkskaja Uliza für die Luftschützerinnen Leningrads, die während der Blockade 1941-44 die Zivilbevölkerung vor Bombenangriffen schützten, Opfer aus den Trümmern bargen und Blindgänger entschärften – eine oft tödliche Aufgabe.

Entblösster Generalissimus

Smorgon genoss seinen Auftritt und gab eine Anekdote nach der anderen genüsslich zum besten. Etwa die makabere Geschichte des berühmten sowjetischen Bildhauerkollegen Abraham Malachin, der in den Nachkriegsjahren den Auftrag für ein Stalin-Denkmal erhielt und dies fast mit seinem Leben bezahlte. Nachdem er sich lange mit der Gestaltung der „richtigen“ Pose für den „Vater der Sowjetvölker“ gequält hatte, entschloss er sich dazu die lebensgrosse Lehmfigur von Grund auf neu aufzubauen. Dafür trug er Schicht für Schicht des Oberkörpers ab, bis der Generalissimus gewissermassen „nackt“ nur mit Hut vor ihm stand.

Zur selben Zeit entschloss sich die Parteikomission zu einem Augenschein im Künstleratelier und stiess dabei auf den entblössten Diktator, dem Malachin zur besseren Orientierung einen Stock auf der Höhe des Schambeins in den Lehm-Leib gesteckt hatte. Malachins Inhaftierung und Verurteilung wegen seiner scheinbaren Verunglimpfung Stalins konnte nur durch Intervention des Künstlerverbandes bei Partei und Geheimdienst abgewendet werden, denen man Malachins ideologische Integrität sowie die technische Notwendigkeit von Stalins Entblössung beweisen musste.

Der potente Hengst von Fürst Dolgoruki

Eine weitere Perle aus der Geschichtensammlung ist „Die Eier des Pferds von Fürst Juri Dolgoruki“. Darin wird geschildert wie der Bildhauer Sergei Orlow 1948 zum 800-Jahre-Jubiläum Moskaus auf Stalins Befehl das Standbild von Fürst Juri Dolgoruki anfertigen musste. Neben einer Kompanie Soldaten standen ihm dabei ein Veterinär und ein Zoologe zur Seite, welche die Anatomie des Pferdes genauestens überwachten – die Geschlechtsorgane des Hengstes eingeschlossen.

Als sich die Skulptur bereits gegossen, aber noch verbarrikadiert an ihrem Standort befand, besichtigte eine Kunstkomission das Werk. Unglücklicherweise stiess deren Leiterin beim Eintritt in das Gerüst als erstes auf den Hinterteil des Pferds und seine riesigen, wenn auch anatomisch völlig korrekten Hoden, und befahl empört, sie kurzerhand abzusägen. Doch nun befand sich an der Stelle ein Loch, das sich trotz aller Kunstgriffe nicht retouchieren liess. Nun mussten neue „Eier“ her – einfach etwas kleiner, die kurzerhand angesetzt wurden und in der Abrechnung als „Porträt-Skulptur“ aufgeführt wurden.

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  • Veröffentlicht: 3 Jahren vor auf 24. Dezember 2014
  • Von:
  • Zuletzt geändert: Dezember 24, 2014 @ 11:01 am
  • Rubrik: Aktuell, Kultur

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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