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Lenfilm – Russlands Hollywood erneut in der Krise

Von   /  9. Februar 2009  /  2 Kommentare

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Die drei großen Petersburger Filmstudios Lenfilm, Lennautschfilm und Chronika haben die schwersten Jahre überstanden und sehen mit veränderten Perspektiven, neuen Aufgaben und vorsichtigem Optimismus in die Zukunft. Trotz Teilprivatisierung spielen Aufträge von staatlicher Seite eine wichtige Rolle im Budget der Unternehmen. Die Wirtschaftskrise stellt die Studios nun vor neue Probleme.

Eugen von Arb

Wer die Klassiker des Sowjetfilms kennt, der erinnert sich in den meisten Fällen an die Sichel tragende „Kolchosbäuerin“, die sich im Vorspann der Moskauer MosFilm-Produktionen dreht. Fast ebenso häufig tragen die Filme das Siegel der LenFilm-Studios, den ehernen Reiter im Licht zweier Scheinwerfer. Die Geschichte des Studios beginnt bereits 1896 als der Kaufmann und Mäzen Georgi Alexandrow an der Stelle, wo sich heute das Lenfilm-Studio befindet, das Restaurant „Aquarium“ eröffnete.

Zu diesem Lokal gehörten auch ein Park und eine Theaterbühne, auf denen unter anderem Künstler wie der berühmte Bass Feodor Schaliapin auftraten. Hier fanden die ersten öffentlichen Filmaufnahmen in Russland statt. 1918 wurde die Bühne bereits unter sozialistischer Ägide in die Leningrader Filmstudios umgewandelt, und ab 1934 hiessen sie „Lenfilm“.

Beste Sherlock Holmes-Verfilmung

Die bekannteste Filmproduktion von Lenfilm aus sozialistischer Ära sind die Verfilmungen von Conan Doyles „Abenteuer von Sherlock Holmes und Doktor Watson“. Das Werk des Regisseurs Igor Maslennikow mit den beiden brillanten Schauspielern Wasili Liwanow (Holmes) und Witali Solomin (Watson) in den Hauptrollen wurde sogar in der Heimat des Meisterdetektiven als beste Verfilmung anerkannt. In den Neunziger Jahren erlangte die Filmreihe „Besonderheiten der russischen Jagd“, „Besonderheiten russischer Fischerei“ des Regisseurs Alexander Rogoschkin große Popularität.

Den wenigsten ist jedoch bekannt, dass es in Leningrad außer Lenfilm noch zwei weitere grosse Filmstudios gibt: Sie heissen Lennautschfilm und Chronika und hatten in der Sowjetunion fest zugeteilte Aufgaben. Während Lenfilm Spielfilme produzierte, beschäftigte sich Lennautschfilm mit populärwissenschaftlichen Filmen. Dazu gehörten Natur- und Tierfilme, Produktionen über wissenschaftliche Projekte sowie Instruktionsfilme zu den unterschiedlichsten Themen, von der Evakuierung aus der Metro bei Unfällen bis hin zur richtigen Handhabung von Feuerlöschern. Das Chronika-Studio produzierte bis ins Fernseh-Zeitalter die Leningrader Wochenschau, in der das aktuelle Geschehen dokumentiert wurde. Auch heute erstellt die Chronik für Stadt und Fernsehen eine Filmchronik.

Umgebaut, digitalisiert und geschrumpft

Alle drei Studios erlebten die Privatisierung in den Neunzigerjahren, alle drei haben sie überlebt, wenn auch unter Opfern. Konkret bedeutete das für alle eine massive Verkleinerung des Betriebs, sowohl bei den Angestellten, wie auch bei der Produktion. Produzierte Lennautschfilm beispielsweise früher mit 800 Mitarbeitern 170 Filme pro Jahr, so erarbeiten heute rund 100 Mitarbeiter im selben Zeitraum 30 Filme. Viele Mitarbeiter, zum Beispiel Regisseure, die früher fest angestellt waren, werden heute nur noch im freien Arbeitsverhältnis beschäftigt.

Gleichzeitig mit der russischen Wirtschaftskrise hatten die Studios den technologischen Riesenschritt von der analogen zur digitalen Filmtechnik zu bewältigen – was mit zusätzlichen riesigen Investitionen verbunden war. Die Situation bezeichnet Lennautschfilm-Direktor Wladimir Baschin als „vorsichtig optimistisch“. Man habe zwar noch längst nicht alle Schwierigkeiten überwunden, doch gebe es immerhin reale Zukunftsperspektiven. Wie in anderen Ländern arbeiten die Studios heute auf Honorarbasis und müssen ihr Bett nach dem Markt strecken.

Noch heute ist der Staat wichtiger Auftragsgeber

Obschon es den Staat als einzigen und allmächtigen Auftraggeber nicht mehr gibt, spielt er weiterhin eine wichtige Rolle. Einerseits sind die jungen staatlichen Fernsehkanäle „Rossia“ und „Kultura“ wichtige Abnehmer für Spiel- und Dokumentarfilme, andererseits gibt es für Lennautschfilm ein weiteres sehr aktuelles Betätigungsfeld: die Bildung. „60 Prozent der russischen Bevölkerung unterrichtet oder wird in irgend einer Form unterrichtet – das ist ein riesiges Potential“, erklärt Baschin. Konkret meint er damit die neuen Filmreihe von Lennautschfilm über Russlands Musik und Literatur, die vom Staat finanziert wird.

Neben der Verbreitung dieses Materials auf DVD setzt das Studio auf das Internet, über das russische Bildungsinstitutionen eine Großzahl von Filmen und Lehrmitteln beziehen können – vorausgesetzt sie besitzen eine leistungsfähige Internetverbindung. Zwar sind heute viele russische Schulen noch nicht genügend vernetzt, doch Baschin ist optimistisch, dass sich dies dank massiver staatlicher Programme bald ändern wird. Mehr Kopfzerbrechen bereitet ihm die Verteilung der Gelder: „Für die Ausrüstung der Schulen mit Computern sind 98 Prozent des Budgets vorgesehen, für ihre Vernetzung zwei Prozent – für den Inhalt bleibt also nichts übrig, diese Verteilung ist falsch“, kritisiert der Direktor. Er ist jedoch zuversichtlich, dass zusätzliche Mittel für Bildungsfilme geben wird. Aber auch Lenfilm hat die Wirtscjaftskrise zugesetzt, und es kam zu weiteren Kürzungen und Entlassungen, schreibt Fontanka.ru.

Ein Filmmuseum voller Legenden

Neben seinen Neuproduktionen verfügt Lennautschfilm über ein weiteres Potential – sein riesiges Archiv mit über 7000 Filmen. Zwar verursacht dieses gigantische Filmmagazin erst einmal Kosten, denn das kostbare Material muss vor dem Verfall geschützt und auf neue Träger überspielt werden. Doch gleichzeitig liegen hier cineastische Kostbarkeiten verborgen, die in neuen Produktionen verwendet werden können. Ein kleines, firmeneigenes Museum gibt Auskunft über die aufopfernde Arbeit der Regisseure und Kamera-Operateure. Lennautschfilm blieb als einziges Filmstudio während der gesamten Dauer der Leningrader Blockade 1941-44 in der Stadt und dokumentierte die schreckliche Hungerperiode – eine gefährlicher Job, bei dem Dutzende von Mitarbeitern ums Leben kamen.

Auch das Firmengelände selbst geriet mehrmals unter Beschuss. Eine zerschlissene Reporterkamera erinnert neben einer Namenstafel an jene Zeit und ihre Opfer. Weiter vorne erwecken Puppen in Raumfahrtanzügen die Zeit der ersten Flüge ins All zum Leben. 1957, nur drei Wochen nach dem Abschuss des ersten sowjetischen Satelliten machte der Regisseur Pawel Kluschanzew mit seinem Film „Der Weg zu den Sternen“ in der ganzen Welt Furore. 1961 schockierte er mit seinem authentischen Raumflug-Trickfilm die Zuschauer – „die Leute waren völlig baff, weil sie glaubten die Aufnahmen seien echt“, erzählt Tamara Zanko, Redakteurin bei Lennautschfilm. Der Legende nach führten die Dreharbeiten für diesen Streifen zu einer kleineren internationalen Krise. Denn als das Studio die Raketenstarts im Grenzgebiet zu Finnland drehte, hielten sie die Nachbarn für militärische Raketentests und mobilisierten ihre Truppen.

Tierfilmer Ledin und die weisse Bärin

Einer weiteren Figur, die zum Markenzeichen des Studios geworden ist, wird hier gedacht: der Tierfilmer Juri Ledin, der während Jahrzehnten in der Tundra und am Polarkreis die spektakulärsten Tierfilme für das sowjetische Publikum drehte. Über sein berühmtestes „Lebens-Projekt“ drehte Lennautschfilm 2006 einen Film. „Die weiße Bärin“ erzählt die Geschichte der Eisbärin Aika aus dem Zoo im ukrainischen Nikolajew, die von ihrer Mutter abgestoßen und von Ledin und seiner Familie grossgezogen wird.

Als sie erwachsen wird, versucht Ledin die Bärin in die Natur zurückzuführen, was misslingt. „Sie war bereits ein volles Mitglied der Menschenfamilie geworden“, erklärt Zanko, die das Drehbuch zu dieser Geschichte verfasst hat. Doch Ledin gelingen während seiner Reise mit der Bärin zum Polarkreis sensationelle Bilder der dortigen Tier- und Pflanzenwelt. Der Film über Ledin und seine Bärin wurde mehrmals ausgezeichnet gehört zu den ersten erfolgreichen Neuproduktionen des Studios mit Archivmaterial.

Zankapfel Lenfilm-Archiv und -Liegenschaften

Leider führt der reiche Schatz an Archivmaterial immer noch zu Streitigkeiten über dessen Vermarktung die Verteilung der Einnahmen. Im Mai 2008 unternahm das russische Kulturministerium einen Vorstoss, um die drei grössten Filmstudios Mosfilm, Lenfim und das Gorki-Filmstudio zu vereinigen, was unter Petersburger Cineasten lauten Protest auslöste. Im Juni wurden diese Pläne bis auf weiteres fallen gelassen, schreibt Fontanka.ru.

Immerhin beschloss Lenfilm im Oktober, sein Trickfilmarchiv „Sojusmultfilm“ einem zentralen russischen Filmarchiv anzugliedern. Auch die zentral gelegenen grossen Liegenschaften des einst mächtigen Lenfilm-Studios sorgen für Schlagzeilen. In einem Gerichtsverfahren versucht die jetzige Lenfilm-Leitung Gebäude am Kamenostrowski-Prospekt sowie Datschen-Siedlungen und ein ehemaliges Pionier-Lager zurück zu erhalten, die der vormalige Direktor 2005 für umgerechnet vier Millionen Dollar verkauft hatte.

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Lenfilm erhält Krisenhilfe von der Stadt

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. Conny Krautwurst sagt:

    Very honoured ladies,
    dear Sirs,

    is there somehow the possibility to get the film „the white bear“ from Juri Ledin ???

    I have with a good friend an internet-forum about polar bears and have a very great interest to the story of „Aika“.

    About a positive response, we would appreciate extraordinary.

    Many greetings from Conny K.
    (Hamburg / Germany)

  2. Rena.Berlin sagt:

    Liebe Tier- und Filmfreunde in St.Petersburg,

    kann man eine DVD des Films “ Die weiße Bärin“ von Juri Ledin in Deutsch irgendwo kaufen?

    Bärige Grüße,
    Rena aus Berlin

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