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Kunst durchs Guckloch – Petersburg hat eine „Türengalerie“

Von   /  6. Mai 2009  /  Keine Kommentare

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Seit drei Jahren zeigt Jewgenia Konowalowa in ihrer kleinen Galerie zeitgenössische Petersburger Künstler. Die Tür ist der Eingang zu ihrem Zuhause und zu ihrem Leben, das ganz der Kultur gewidmet ist.

Eugen von Arb

In Russland haben Türen einen besonders starken Symbolgehalt. Hier, wo es noch immer ein Privileg ist, seine eigenen vier Wände zu besitzen, symbolisieren sie vor allem die Grenze zwischen öffentlichem Leben und Intimsphäre, zwischen Heimat und Heimatlosigkeit. Dementsprechend boomt der Immobilienmarkt mit rasch steigenden Preisen.

Eine der wenigen, die sich am momentanen Kampf um „die eigene Tür“ nicht beteiligt, ist Jewgenia Konowalowa. Sie kam 1986 aus dem südrussischen Wolgograd nach Leningrad und hat bis heute keinen festen Wohnsitz, außer der theoretischen Niederlassung im Studentenheim, in dem sie damals registriert wurde.

Sie ist stets auf der Wanderschaft und lebte mehrere Jahre in einem Abbruchhaus. Als sie und ihre Mitbewohner eines Tages auf die Strasse gesetzt wurden, nahmen sie ihre Tür mit. „Wir kamen nachhause und sahen, dass das Haus durchsucht und alle Türen aufgebrochen worden – da wollte ich wenigstens die Tür mitnehmen“, erzählt sie. Sie beschloss, die Tür zu einem Teil ihres Lebens zu machen und eine Idee umzusetzen, die ihr schon lange im Kopf herum gegangen war: die Türengalerie.

Der Türspion funktioniert verkehrt rum

Im legendären Petersburger Kulturzentrum „Puschkinskaja 10“, wo sie in den Neunzigerjahren während vier Jahren einen Atelierraum unterhielt, fand sie im Treppenhaus einen Standplatz.
Noch bevor die kleine Galerie eröffnet worden war, erregte die Tür großes Aufsehen. „Es war lustig – ich traf immer wieder Leute, die dachten, hinter der Tür sei wirklich ein Wohnraum“, meint Konowalowa schmunzelnd.

Tatsächlich macht die solide Eisentür mit robustem Riegel einen seriösen Eindruck. Befände sie sich nicht in einem Kulturzentrum, müsste man dahinter mindestens einen pensionierten Milizgeneral vermuten. Doch schon wer sich den Türspion näher besieht, muss misstrauisch werden – er ist nämlich verkehrt montiert, innen ist außen! Wer hindurch blickt, bekommt in der Fischaugenperspektive einen Teil der Ausstellung im Innern zu sehen, die von Leuchtröhren beleuchtet wird.

Viele drängen in die kleine Tür

Das Konzept der kleinen Galerie ist schnell erklärt: Konowalowa zeigt vor allem Arbeiten zeitgenössischer Künstler, und das im Abstand von drei bis vier Wochen. Da sie viel in der Petersburger Kunstszene unterwegs ist, lernt sie immer wieder Leute kennen. „Ich habe keine Probleme, Ausstellungen zu organisieren, der Andrang ist groß“, so Konowalowa.

„Ursprünglich wollte ich vor allem Objekte und Installationen zeigen, weil die Tür zusammen mit dem Lift selbst so etwas wie eine Installation bilden“, erklärt sie. „Aber momentan sind solche Kunstwerke eher in der Minderheit – ich möchte mich eben nicht zu stark festlegen.“ Schon denkt Konowalowa darüber nach, die Galerie mit Filmvorführungen zu erweitern, aber dann müsste sie ständig anwesend sein. Im Moment öffnet und schließt das Personal des Kulturzentrums ihre Tür.

Das Tagebuch der Grossmutter ausgestellt

Eine der ersten Ausstellungen in der Tür war das Tagebuch ihrer ukrainischen Großmutter, das sie geerbt hat. Diese stammt aus einer Bauernfamilie und hatte nur drei Jahre die Schule besucht. Ihre Notizen schrieb sie in einer krakeligen Schrift in einen Abreißkalender. „Das interessanteste daran ist, dass darin einfache Dinge, wie Einkäufe, Preise, das Wetter oder ihr Wohlbefinden, neben wichtigen Ereignissen, wie zum Beispiel dem Tod von Freunden oder Verwandten vermerkt sind“, erklärt Konowalowa.

Diese persönliche Geschichte wiederum kontrastiert mit dem Datum und den offiziellen Feier- und Gedenkdaten der Sowjetunion – etwa dem Todestag Lenins oder der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg auf dem Kalenderblatt. Eine besonders interessante Chronik ergibt der Kalender von 1990 – einem Schicksalsjahr der untergehenden Sowjetunion.

Vom Maschinenbaukombinat an die Kunstakademie

Auch Konowalowas Lebenslauf ist stark geprägt von der Zeit des Umbruchs. Sie durchlief ursprünglich eine Ausbildung als Computertechnikerin und trat ihre Arbeit in einem der großen Maschinenbaukombinate in Wolgograd an. „Aber ich habe keinen einzigen Tag auf meinem Beruf gearbeitet“, erzählt sie lächelnd. „Wir haben die ganze Zeit Plakate und Anweisungstafeln für die Fabrikbelegschaft gemalt.“ Nach Petersburg gelangte sie auf Einladung von Freunden, und er gefiel ihr so gut, dass sie blieb.

Während vier Jahren besuchte sie die konservative Repin-Kunstakademie als Hörerin in verschiedenen Malklassen. Als reguläre Studentin, wäre sie niemals angenommen worden, zu sehr schlug sie aus der Art. „Bei offiziellen Besuchen versteckte man meine Bilder.“ Danach setzte sie ihr Künstlerleben fort – einige Tage pro Monat als Putzfrau und Wohnungshüterin fürs Brot, die übrige Zeit malend. Der Schritt zur Galeristentätigkeit war für Konowalowa ein logischer. „Nachdem ich lange für mich gearbeitet hatte, wurde mir bewusst, dass es wichtig ist, sich auch zu zeigen – darum begann ich Ausstellungen zu organisieren“, erklärt sie. „Außerdem macht es einfach Spaß!

Kunst und Künstler sind auf dem Rückzug

Die Türengalerie ist ihre Antwort auf den Platzmangel für Kunst in Petersburg. War es in den Neunzigerjahren noch einfach Räume für die Kunst zu finden, so ist es heute fast unmöglich. Heute unterhält Konowalowa ein Atelier in einem Industriegebäude, das jedoch nur begrenzt zugänglich ist. Kunst und Künstler sind in der Kulturhauptstadt auf dem Rückzug. Auch Konowalowas zweites Projekt ist eine Nische: eine Treibhaus-Galerie. „Darin leben die Künstler, die gehegt und gepflegt werden müssen wie Pflanzen und Blumen.“


Galerie „Dver“, Kulturzentrum „Puschkinskaja 10“, Puschkinskaja ul. 10, Eingang: Ligovski Prospekt 53 (siehe Karte unten). Eintritt frei.


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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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