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Kunst aus wirren Zeiten – die Eremitage zeigt die Sammlung „Genossenschaft für proletarische Kunst“

Von   /  9. April 2009  /  Keine Kommentare

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„Die Genossenschaft für proletarische Kunst“ – mit dieser umfassenden Ausstellung fördert die Eremitage rare Schätze deutscher Druckgrafik zwischen Symbolismus und Expressionismus zu Tage. Gleichzeitig beleuchtet sie ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte: die Revolutionsjahre 1919-21, in denen Deutschland am Rand eines Bürgerkriegs stand.

Von Eugen von Arb

Chaotisch und düster aber gleichzeitig auch vital und voller Idealismus waren die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg als es in ganz Europa gärte. Die alte Welt war zerfallen, das Zarenreich, die Donaumonarchie und das Deutsche Reich hatten sich in Luft aufgelöst. Die Russische Revolution war daran, sich im Nachkriegseuropa fortzusetzen und sich zur Weltrevolution auszuweiten.

Auch das deutsche Reich wurde von 1918 bis 1921 von Aufständen und Putschversuchen erschüttert – Münchner Räterepublik – Ruhrkampf – Spartkakusaufstand. Doch sämtliche Ansätze eines sozialistischen Umsturzes wurden von den konservativen Kräften im Keim erstickt und mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg die beiden wichtigsten Köpfe der linken Bewegung ermordet.

Die Revolution beschäftigte die Künstler

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In dieser Zeit beschäftigte die Revolution auch viele Kunstschaffende, die nach der Erneuerung von Mensch und Gesellschaft suchten und mit den linken Idealen sympathisierten. Begeistern liess sich auch der Krefelder Antiquar und Kunsthändler Friedrich Wilhelm Brass, der ihre Werke sammelte und die «Genossenschaft für proletarische Kunst» gründete. 1920 bereiste eine sowjetrussische Delegation unter dem Vorsitzenden der Komintern Grigori Sinowjew Deutschland. Auf dieser Reise wurde Sinowjew von seinem Schwager, dem Berufsrevolutionär Ilja Ionow begleitet, der in Petrograd für das Verlagswesen zuständig war.

Russlands Kunst braucht kein Vorbild

Bevor die russischen Agitatoren wegen eines politischen Skandals wieder aus dem Land komplementiert wurden, kaufte Ionow in Berlin praktisch die gesamte Sammlung der «Genossenschaft für proletarische Kunst». Sie sollte den Grundstock für eine Sammlung zeitgenössischer deutscher Kunst im Eremitage-Museum bilden. Die junge Sowjetregierung meinte, darin eine Art Vorbild für eine neue proletarische Kunst Russlands gefunden zu haben.

Doch wie sich erwies, brauchte Russlands Kunst diese Vorbilder nicht – der Konstruktivismus, der sich schon vor der Revolution formiert hatte und die Gegenständlichkeit ablehnte, wurde zur staatlichen Kunstdoktrin erhoben. Auch ins Profil des sozialistischen Realismus, der später unter Stalin aufkam, passte die Proletarierkunst nicht. Ähnlich wie die Nazis klassifizierten auch die Stalinisten diese Kunst als krank und degeneriert und verboten sie kurzerhand.

Vergessen und in den Archiven verschwunden – zum Glück

Damit geriet die Sammlung Brass in Vergessenheit und verschwand in verschiedenen Leningrader Archiven – was im Rückblick gesehen ein Glücksfall war. Denn während in Hitlerdeutschland tausende expressionistischer Kunstwerke vernichtet wurden, blieb die Petersburger Sammlung weitgehend erhalten und konnte von der Eremitage in einer einzigartigen Geschlossenheit rekonstruiert werden.

Die Ausstellung im Zwölfsäulensaal zeigt dicht gehängt 170 Exponate aus insgesamt 260 ermittelten Werken. Sie stammen aus den Beständen der Eremitage, der Bibliothek und dem Museum der Akademie der Künste und aus privaten Sammlungen. Letztere Gruppe wurde laut Michail Dedinkin, dem Kurator der Ausstellung, von der Eremitage aufgekauft. In Deutschland hingegen stiess der Kunsthistoriker nur auf wenige Fundstücke aus dem Nachlass von Brass, und auch dessen Name ist dort kaum mehr ein Begriff.

Grosz: Militarismus und Kriegsgreuel

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Thematisch und stillistisch ist die Sammlung schwer unter einen Hut zu bringen. Symbolismus, Kubismus, Dadaismus, Expressionismus – Werke fast aller Kunstströmungen jener Zeit sind darin vertreten, die zusammen ein faszinierendes Abbild ihrer Epoche ergeben. Den politischen Hintergrund stellt die düstere Serie „Gott mit uns“ mit der Georg Grosz damals für einen landesweiten Skandal sorgte. Militarismus, Kadavergehorsam, Kriegsgreuel und Brutalität von Reichswehr und Freikorps werden darin mit schockierender Direktheit angeprangert.

Karl Liebknecht als „Erleuchter“

Dazu gesellen sich die Werkreihen weniger bekannter Künstler. In Arnold Schmidt-Niechols Litografien-Gruppe mit Liebknecht -Porträts wird der Politiker durch grelle Farben und zu einem strahlenden „Erleuchter“ verklärt. Rosa Luxemburg hingegen ist in Gedanken versunken. In Erich Jakob Josef Godals Revolutionszyklus (Farblithographie) wird der Klassenkampf in seiner ganzen Härte dargestellt – Deutschland brennt.

Massenarmut, Hohn und Spott des Grosskapitals gegenüber Kriegsopfern sind die Motive in den Litografien und Linoldrucken von Karl Holtz. Damit erhält die Ausstellung einen ausserordentlich starke politische Note, was durchaus im Sinne ihres Kurators ist. „In Deutschland wird der politische Aspekt expressionistischer Kunst heute noch viel zu wenig berücksichtigt – das ist nicht richtig“, meint Dedinkin dazu.

Fesselnde Ausstellung voller neuer Impulse

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Im „unpolitischen Teil der Ausstellung ist das „Star-Trio“ des Expressionismus Erich Heckel, Otto Mueller und Carl Schmitt-Rottluff vertreten, allerdings überwiegend mit Arbeiten aus der Vorkriegszeit. Mensch, Natur und Glauben stehen bei vielen Künstlern im Mittelpunkt – besonders stark Wolff Gustav Heinrichs Schwangeren-Zyklus und Karl Opfermanns Bibelmotive.

Sie und ein gutes Dutzend weiterer Künstler können in dieser fesselnden Ausstellung entdeckt werden – für die Kunstgeschichte hält sie zweifellos eine Masse neuer Impulse bereit und wird im Fall einer Tournee nach Deutschland auf Begeisterung stossen. Zwar bestehen noch keine Abmachungen, aber laut Dedinkin hat die Hamburger Kunsthalle bereits ihr Interesse angemeldet.

Bis am 21. Juni. Eremitage, Dvorzowaja nab. 34. Eintritt: 100-350 Rubel. Tel. 710-90-79.

Fotos: Eugen von Arb/SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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