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Kultur: „Der eherne Sitzer“ – Schemjakins Peter der Grosse ist eine Touristenattraktion

Von   /  12. Mai 2009  /  Keine Kommentare

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Michail Schemjakins Peter der Grosse regt zum Denken und Schmunzeln an. Die seltsame Figur steht für die Schwäche der Grossen und jene Menschlichkeit, die in Schemjakins Werk einen wichtigen Platz einnimmt.

Von Eugen von Arb

Auch bei noch so prominenter Platzierung kommt es leicht vor, dass man in dieser Stadt völlig acht(ungs)los an einem Standbild vorbeispaziert – das ist beim Peter dem Grossen in der Peter- und Paulsfestung ausgeschlossen. Schon von weitem glänzt einem der blank gewienerte Glatzkopf des bronzenen Stadtgründers entgegen, und nach dem „Sieh mal!“ kommt hier auch gleich das „Denk-mal!“.

Wie alle anderen, die ihn zum ersten Mal sehen, bleibt man für einen Moment irritiert stehen und betrachtet den Fürsten in seiner ganzen Hässlichkeit: Statt eines edlen Ritters mit athletischer Statur sitzt vor einem ein Koloss. Zwischen seinen mächtigen Schultern liegt – wie im Nachhinein angenäht – ein Köpfchen ohne Haare, dessen übergroße Augen geradeaus starren. Nicht die edlen und fähigen Hände eines Gründervaters, eines genialen Herrschers und Strategen hat er, sondern eklige, lange Spinnenfinger.

Schmunzeln und Kopfschütteln

Die meisten nehmen das mit Humor, der eine oder andere muss schmunzeln, weil ihm vielleicht „Emil und die Detektive“ in den Sinn kommt, in dem der Romanheld das Denkmal seiner Heimatstadt mit einer roten Nase und einem Schnurrbart verunziert. Andere schütteln ungläubig den Kopf oder beschweren sich bei ihren Begleitern über die Frechheit, einen so großen Mann in solch unwürdiger Weise darzustellen. Dann muss die Reiseleiterin vermittelnd eingreifen – man dürfe das nicht so sehen, viel wichtiger sei die künstlerische Umsetzung der Persönlichkeit Peters des Grossen und so weiter… Aber eigentlich wissen auch sie nicht so recht, was sie sagen sollen, denn Peter wird dadurch ja auch nicht schöner.

„Der eherne Sitzer“

Nur eines ist klar, seine Hässlichkeit macht ihn menschlich, und er verliert jene Unnahbarkeit idealisierter Herrscherbilder – ein Mensch mit Stärken und Schwächen eben. Der beste Beweis dafür sind all die Touristen, die sich mit Vergnügen in seinen Schoss setzen und fotografieren lassen. Es ist ein Denkmal, das man berühren kann, ohne angeschnauzt zu werden, wovon seine blank gewetzten Hände zeugen. Trotz seiner Jugend besitzt das Denkmal darum bereits Kultcharakter und wird von der Bevölkerung liebevoll mit Übernamen bedacht. So zum Beispiel: „Peter der Vierte“, weil es schon so viele Denkmäler seiner Person gibt, oder „Der eherne Sitzer“, in Anspielung auf den „ehernen Reiter“, das Denkmal am Newaufer.

Denkmal einer kurzen liberalen Epoche

Man kann den Peter auch als Denkmal für die kurze liberale Epoche in der Stadtgeschichte sehen, für die seine Entstehungsjahr 1991 steht. Zu dieser Zeit erhielt die Stadt mit dem Rechtsprofessor Anatoli Sobtschak einen Reformpolitiker zum Bürgermeister, der noch heute als Vertreter einer weltoffenen und kultivierten Politik gilt. Er ermöglichte unter anderem die Errichtung von Michail Schemjakins Skulptur.

Für den verstoßenen Untergrund-Künstler war es eine symbolische Rückkehr in seine Heimat, die er 1971 verlassen musste. Als Zeichen des Widerstandes erschien der Bildhauer in Uniform und Soldatenstiefeln, in denen er gegen den Rhythmus von Militärmusik marschierte. 1943 geboren, besuchte er ab 1957 die Repin-Kunstakademie, von der er nach zwei Jahren ausgeschlossen wurde. Danach schlug er sich als Gelegenheitsarbeiter und Untergrund-Künstler durch, wurde verhaftet und psychiatrisch zwangsbehandelt.

Macht und Nationalstolz stehen wieder im Vordergrund

Zusammen mit dem Philosophen Wladimir Iwanow verfasste er den „Metaphysischen Synthetismus“, der eine neue Art von Ikonenmalerei und das Studium religiöser Kunst aller Zeiten und Kulturen zugrunde liegt. Für dieses Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Ehrendoktorwürde der Universität San Francisco. In den USA, wo er heute noch lebt, machte der vielseitige Künstler Karriere.

Heute besitzt er auch in Petersburg eine Werkstatt und finanziert verschiedene Projekte für sozial Benachteiligte. Zwar wird Schemjakin als international erfolgreicher Künstler in Russland hofiert, und seine Skulpturen stehen unter anderem auch in Moskau und Kaliningrad. Aber es ist zu bezweifeln, ob man heute seinen Zar Peter noch an solch prominenter Stelle platzieren würde. Ein Denkmal, das weder Macht noch Nationalstolz verkörpert – zwei Dinge, die im heutigen Russland leider wieder sehr in den Vordergrund gerückt sind.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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