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Konstantin Simun: Es wird wieder Krieg

Von   /  5. Mai 2012  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Die russische Siegesfeier ist jedes Jahr eine gewaltige Inszenierung, in der die Guten und die Bösen des Zweiten Weltkrieges genannt und die Sowjetunion und die Rote Armee verherrlicht werden. Echte Zeugen gibt es immer weniger, nur wenige können noch direkt erlebtes aus der „grossen“ und grässlichen Zeit erzählen, und das Fest wird immer mehr zu einer Formalität und einem Mix der Mythen. Mit der Ausstellung von Konstantin Simun gibt das Städtische Skulpturenmuseum andere Signale (siehe Fotogalerie unten).


Der 1934 geborene Leningrader Bildhauer Konstantin Simun hat den Krieg zwar nur als Junge erlebt, doch lässt ihn der Geist jener Zeit in der Evakuierung in der Kirower Region nicht mehr los. „Ich war zwar kein Sohn eines Regiments, aber doch der Sohn meiner Mutter“, pflegt er dazu zu sagen. „Wahrscheinlich habe ich wegen des Krieges zu malen begonnen.“

Als einer der wenigen Künstler der Sowjetgeneration stellt er dieses Thema ohne Schuldzuweisung oder Heroisierung dar. Diese Horizonterweiterung geschah wohl auch dank seinem Umzug 1998 nach Boston in den USA. Simun differenziert und wird bisweilen ganz schön bissig.

Marschall Schukow – eine Kriegsmaschine

Den grossen Marschall Schukow, der von vielen als ein über alles erhabener Kriegsgott gesehen wird, lässt er statt wie gewohnt auf einem Pferd auf einem Messer reiten. Wer unter die riesige Klinge gerät, für den gibt es kein Entrinen, ob Freund, ob Feind. Eine eiskalte Kriegsmaschine.

„Der Fleischwolf“, ein Fleischwolf, durch den sogar Metalldrähte gedreht werden, spricht dieselbe Sprache. Alle und alles konnten in diesem Krieg zerdrückt, zerschnitten und zermantscht werden – selbst die härtesten Knochen wurden zu Mehl zerstampft.

Der Stahlhelm – ein idealer Blumentopf

Dann wieder wird er fast poetisch, indem er einen verrosteten Stahlhelm – unverkennbar ein deutscher – in einen Topf mit Zimmerpalme verwandelt. Beides steckt in diesem Helm, der bei Narwa ausgegraben wurde: das Grauen vermoderter Gebeine, die noch zu zehntausenden in der russischen Erde stecken und der einfache Schritt zum Frieden. Wie leicht ist es, dieses Symbol des Schrecken in etwas Nützliches und Freundliches zu verwandeln.

Diese Mehrdeutigkeit ist auch in seinem berühmten Denkmal „Der gebrochene Ring“ zu finden, das an der „Strasse des Lebens“ beim Ladogaer See aufgestellt wurde. Einerseits symbolisiert das Monument den Durchbruch durch den deutschen Blockadering und die Befreiung, gleichzeitig wird dieser würgende Ring zu einer rettenden Brücke des Lebens. Seine jüngste Werkreihe „Krieg“ trägt denselben Geist – aus blutrot tropfenden Kerzen hat Simun eine Brücke konstruiert, die gleichzeitig wie das tödliche Geflecht von Stacheldraht aussieht.

Der Schwanz ist ab – Autsch!

Dann tut es weh – vor allem den Männern – ein Penis wird zersägt. Eine rundes Sägeblatt, das normalerweise in eine Trennscheibe gespannt wird, ist daran ein Glied mit Hakenkreuz abzuhauen. Eine brutale und makabre Plastik, aber gleichzeitig eine mit viel Tiefgang. Ist der Krieg nicht etwas Männliches, das Soldatentum die Bestätigung des männlichen Ego für viele. In der Mitte der Scheibe prangt das Foto mit dem Rotarmisten auf dem Reichstag – der Deutsche wird vom Russen entmannt. Punkt.

Solcherlei Scheiben gibt es viele – wie Schellackplatten liegen sie neben einem alten Plattenspieler. Wieder reitet Schukow auf einer von ihnen. Er reitet über Grabkreuze. Die Schallplatte als Trägerin von Sieg und Siegeslüge, als Verführerin und Verschleierin der Wirklichkeit. Im Kopf beginnen die zuckersüss-verlogenen Lieder Klavdia Shulshenkos und ihrem deutschen Gegenstück Marika Röck zu spielen – es wird wieder Krieg.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

Die Ausstellung wird am 8. Mai um 13. Uhr eröffnet und dauert bis am 15. Juni 2012. Ausstellungssaal des städtischen Skulpturenmuseums, Newski Prospekt 179/2. Eintritt 50-100 Rubel. Тel. 314-12-14. www.gmgs.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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