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Konstantin Simun – der gesprungene Reif

Von   /  26. September 2019  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Der Petersburger Bildhauer Konstantin Simun, Schöpfer des Blockade-Denkmals an der „Strasse des Lebens“, ist im Alter von 86 Jahren gestorben. Er erlebte den Stalinismus hautnah, und durchlebte sämtliche weiteren Phasen des Sowjetregimes und auch sein Ende. Er war mal erwünscht, mal ausgestossen – und verliess schliesslich sein Land, mit dem ihn fortan ein zerbrochener Ring verband.

Als hätte er seinen Kopf selbst geschaffen – den Charakterkopf eines Bildhauers und eines Russen. Sein Gesicht mit langem weissem Bart, prägnanter Nase und grossen ausdrucksstarken Augen konnten mal die Züge eines faszinierenden Zauberers, mal jene eines bedächtigen Philosophen, mal jene eines giftig-frechen Kobolds annehmen. All die Rollen waren ihm geläufig, alle bestens eingeprobt im Spektakel der Geschichte.

Simun durchlebte wie viele KünstlerInnen seiner sowjetischen Generation alle „Wellen“ und „Launen“ der Sowjet-Ära – kalt – warm – lauwarm und eiskalt… Als Sohn eines Zionisten und als künstlerischer Aussenseiter erfuhr er früh genug Willkür und Ausgrenzung durch das System. Im fünften und letzten Studienjahr wurde er wegen „Formalismus“ aus der Bildhauerklasse an der Leningrader Repin-Akademie geworfen.

Leben in vielen Welten

Zwar gelang es ihm später trotz allem, in die Künstlerunion der UdSSR einzutreten – eine unabdingbare Bedingung für den Broterwerb – doch als Künstler, der reflektierte und nicht einfach reproduzierte wie die grosse Masse, blieb er immer ein Aussenseiter. Er entfremdete sich von seiner Heimat und sie von ihm, darum lag die Emigration nahe – 1988 nach Boston, USA. Dort stiess er auf die westliche Kunstwelt, die er in sein Repertoire aufnahm. Spiel und Improvisation von Pop-Art und „Ready-Made“ gesellten sich an die Seite des soliden Schaffens eines akademisch ausgebildeten sowjetischen Bildhauers.

Simun lebte fortan in beiden Welten und sah sein Land und seine Geschichte anders als die meisten seiner KünstlerkollegInnen. Das kam in seiner Schukow-Skulptur zum Ausdruck, die 1995 zum 50. Jahrestag des Kriegsendes schuf. Anstelle einer verherrlichenden Siegespose zeigte er Stalins Marschall als „Menschen-Mäher“ auf einer grossen Klinge posierend. Es versteht sich von selbst, dass dieses Abbild des genialen Strategen Schukow, der nicht nur siegte, sondern dafür seine Männer erbarmungslos im feindlichen Feuer verheizte, keine Chance bei der Mehrheit hatte. Dennoch fand diese unerschrockene Stellungnahme Simuns einige Resonanz in der Gesellschaft.

Mutiges „Wort-Bild“

Ein ebenso klares und mutiges „Wort-Bild“, jedoch weit weniger umstritten und deshalb auch mehrheitsfähig, war das Denkmal des durchbrochenen Blockaderings, der am Anfang der „Strasse des Lebens“ am Ladogasee errichtet wurde und von vielen als Simuns wichtigstes Werk bezeichnet wird. Die beiden schlichten Rundbögen symbolisieren gleichzeitig die Befreiung von den Klammergriffen des Bösen und die Isolation vom Mutterland während der drei furchtbaren Blockadejahre (1941-44). In einem Land, wo bei historischen Gedenkstätten ein übersteigerter Heroismus dominiert, tut diese ruhige und zeitgenössische Formensprache in der Seele wohl.

2012 griff Simun das Kriegsthema in einer Ausstellung im Petersburger Skulpturenmuseum erneut auf. Diesmal waren die Blockade-Brückenbogen aus blutroten angebrannt-, angeschmolzenen Kerzen miteinander verstrebt. Die zynisch-düstere Werkschau präsentierte zwar klare Zitate aus der Geschichte, darunter einen verrosteten Wehrmachtsstahlhelm als Blumentopf. Doch der Unterton schien mehr eine Zukunftsvision als ein Ausklang der Vergangenheit zu sein. Simun erwies sich als Gestalter von erschreckender Hellsichtigkeit.

Die Idee, das Bewusstsein, die Pointe

Er trug viele Seelen unter seinem grauen Bart: Der grosse und brilliante Gestalter, der eine Idee auf den Punkt brachte, der verspielte Improvisator, der nachdenkliche Tüftler. Wer den Bildhauer in seinem Petersburger Atelier besuchte, konnte ihn inmitten seiner „chaotischen Ordnung“ erleben. Ironisch lächelnd konnte er einem dann Objekte wie sein im Vogelkäfig „eingesperrtes“ Vorhängeschloss unter die Nase halten oder plötzlich vor dem Spiegel verharren und sich mit tiefem Ernst betrachten. Mit einem Griff konnte er aus einem Besen oder einem Plastikkanister ein Objekt erstellen, das für ihn denselben Stellenwert hatte wie eine aufwändig hergestellte Plastik aus Bronze oder Marmor. Die Idee, das Bewusstsein, die Pointe waren für ihn alles, was zählte.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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  • Veröffentlicht: 4 Wochen vor auf 26. September 2019
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  • Zuletzt geändert: September 26, 2019 @ 5:52 pm
  • Rubrik: Aktuell, Kultur

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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