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Kommentar: Viel Reproduktion, wenig Reflexion nach 100 Jahren Oktoberrevolution

Von   /  16. November 2017  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Man hätte das Datum leicht übersehen können – den 7. November, den 100. Jahrestag der grossen Oktoberrevolution. Ausser einigen ewiggestrigen Kommunisten feierte an diesem Tag niemand. Stattdessen herrschte schlappe Ratlosigkeit. Das war einerseits richtig – denn zu feiern gab es angesichts der heute bekannten Verbrechen des Sowjetregimes nicht viel.

Andererseits wäre es angesichts der Millionen Opfer sicher angebracht gewesen, wenn es von offizieller Seite ein Zeichen der Trauer gegeben hätte, Schliesslich wird den Opfern des Weltkriegs oder der Leningrader Blockade jährlich mit mit pompösen Ansprachen, Paraden und Kranzniederlegungen gedacht. Stattdessen herrschte das grosse Schweigen. Es schien, dass man zu laute Worte über die Opfer vermeiden wollte, weil sich sonst womöglich die Frage nach den Tätern aufgedrängt hätte.

In dieser Haltung durchlebte Russland das ganze Jahr. Natürlich wurden viele Veranstaltungen und Ausstellungen zum Revolutionsjahr organisiert, doch meistens wurde dabei das historische Geschehen reproduziert, statt über Vergangenheit und Zukunft reflektiert. Das hätte Not getan, denn in (zu-)vieler Hinsicht gleichen sich 1917 und 2017: Wirtschaftlicher Boom und Modernisierung einerseits, innenpolitische Treibhausatmosphäre und aussenpolitische Konflikte andererseits.

Wer also Lehren ziehen möchte, könnte dies leicht tun – doch würde das bedeuten, dass man Verantwortung in der eigenen Geschichte übernehmen müsste. Dazu ist kaum jemand in Russland bereit. Viel einfacher ist es, in Fernsehserien die alten Verschwörungstheorien über Lenin, seine Hintermänner und Sponsoren aufzukochen – dann ist auch gleich die Frage nach den Schuldigen für das Debakel gelöst – sie sind allesamt Juden oder Ausländer, aber keinesfalls Russen. Opfer sein, ist eben viel einfacher.

So zeigen die Museen historische Uniformen, Panzerwagen und Revolutionstransparente, statt die alten Mythen zu hinterfragen und Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen. Erstaunlich ist, wie sehr man erneut der grafischen Versuchung der Sowjetpropaganda erliegt und Museumssäle reihenweise mit Agitationsplakaten „zukleistert“. Sie hängen in wehmütigem Kontrast neben den Familienporträts der letzten Zarenfamilie. Omnipräsent auch Eisensteins Streifen mit dem inszenierten Sturm auf den Winterpalast, der in Wirklichkeit nie stattgefunden hat. Wer an die Lügen der Vergangenheit glaubt, für den bleibt auch die Zukunft eine Illusion.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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