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Kommentar: Stalins Henker bekommen ein Gesicht

Von   /  29. November 2016  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb
Der Vorgang ist unglaublich: In einer Zeit, in der man in Russland wieder Stalin-Denkmäler enthüllt und Organisationen, die sich mit der Aufklärung von Verbrechen des NKWDs beschäftigen, vom Staat in Ecke gedrängt werden, nennt plötzlich jemand Namen – die Namen von Stalins Henkern.

Über die stalinistischen Verbrechen, die Massenmorde und das Gulag offen zu sprechen, ist trotz der wachsenden Behinderung durch den Kreml bis heute möglich. Doch bis jetzt war dieses Grauen, das in praktisch jeder russischen Familie ihren Schrecken hinterlassen hat, anonym. In einer unglaublichen Arbeit hat die Organisation „Memorial“ Riesenmengen an Daten über den sowjetischen Repressionsapparat zusammengetragen. Im Rahmen der Aktion „Die letzte Adresse“ wurde auch begonnen, den Millionen von Opfern ein Gesicht zu geben.

Die unzähligen Täter blieben jedoch bis heute im Dunkeln, und mit einer Anweisung von Präsident Putin wurden die geheimen Archive des NKWD auf weitere Jahre dem Zugriff der Öffentlichkeit vorenthalten.

Wie eine Bombe schlug darum die Nachricht über den 34-jährigen Denis Karagodin aus Tomsk ein, der die Namen jener Menschen ermittelte und veröffentlichte, die vor 78 Jahren seinen Urgrossvater Stepan Karagodin verurteilten und erschossen. Wie zehntausende andere Opfer des stalinistischen Terrors war dieser als „Spion“ auf die Aburteilungsliste des Standgerichts geraten und wenige Monate nach seiner Verhaftung völlig unschuldig hingerichtet worden. Seine Familie, die noch Jahrzehnte gehofft hatte, er sei am Leben, erfuhr erst nach Stalins Tod in der amtlichen Rehabilitierung von Karagodins Tod. Ebenso betroffen machte die Öffentlichkeit die Reaktion der Enkelin eines der genannten Henker, die sich öffentlich für die Tat ihres Grossvaters bei Karagodin entschuldigte. Karagodin bedankte sich bei ihr und sprach sie von jeder Schuld frei.

Als wären die beiden Ereignisse aufeinander abgestimmt gewesen, veröffentlichte die Organisation „Memorial“ zur selben Zeit eine Datenbank mit knapp 40.000 Namen von NKWD-Mitgliedern aus den Jahren 1935-39. Die Namen waren anhand von Unterlagen der Personalabteilung des Innenministeriums zu Versetzungen, Beförderungen und Auszeichnungen zusammengestellt worden. In dem Verzeichnis sind nicht nur die Namen der NKWD-Beamten, sondern auch Dienstort und Rang festgehalten.

Die Tatsache, dass die Webseite von „Memorial“ in kürzester Zeit nach der Bekanntgabe wegen der vielen Anfragen zusammenbrach, beweist, wie gross das Interesse in der Bevölkerung ist. So stark wie eine Pflanze, die den härtesten Beton sprengt, ist der Hunger nach Wahrheit in den Seelen der Menschen nach Jahrzehnten von Schweigen und Lügen. Die meisten werden den Mördern und Peinigern ihrer Vorfahren vergeben können. Doch ist nicht ausgeschlossen, dass sich Opfer oder ihre Kinder Klagen anstrengen, um wenigstens einige wenige der Täter noch im Greisenalter auf die Anklagebank zu bringen.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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  • Veröffentlicht: 12 Monaten vor auf 29. November 2016
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  • Zuletzt geändert: November 29, 2016 @ 12:38 pm
  • Rubrik: Aktuell, Justiz

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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