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Kommentar: Stalins heilsame Spritzfahrt ins historische Fettnäpfchen

Von   /  7. Mai 2010  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Das Theater um den unseligen Autobus, der nun schon seit drei Tagen Stalins Porträt auf dem Newski-Projekt spazieren fährt, das erst übermalt, dann wieder freigeputzt wird, spiegelt exakt das Bild Stalins in der russischen Gesellschaft. Zwar hatte die Petersburger Stadtregierung sich klar für eine Absenz des Generalissimus während der Siegesfeier entschieden, doch stellte sich dieser Beschluss lediglich als politisch korrekt heraus – nicht mehr.


Das Stalin-Bild auf dem Bus und die unbeholfene Reaktion der Obrigkeit zeigen klar und eindeutig: Noch heute glaubt ein grosser Teil der Russen an die  „Verdienste“ des „Vaters der Völker“. Nicht alle, aber viele. Dabei geht es nicht nur um die Verleugnung des stalinistischen Terrors, über die sich Opfer und Angehörige von Opfern des Stalin-Terrors entsetzen. Viele halten den Diktator für einen überragenden militärischen Führer – für den Gröfaz Russlands gewissermassen. Es wäre an der Zeit, diese historisch erwiesene Lüge aus der Welt zu schaffen.

So wie heute belegt ist, dass Hitlers (Fehl-)Entscheidungen als „genialer“ Oberkommandierender der Wehrmacht ganz wesentlich zu deren Untergang beigetragen hat, weiss man, dass die katastrophalen Verluste und Opfer der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg zu einem grossen Teil dem Dilletantismus Stalins anzulasten sind.

Der Schwächezustand der Roten Armee 1941 wurde zum grössten Teil durch die brutalen Säuberungen im russischen Offizierskorps ab 1938 verursacht, denen die erfahrensten Kader zum Opfer fielen. Übrig blieben Stalins Lieblinge, wie Timoschenko, die nach völlig veralteten Strategien planten und sich gegenüber dem deutschen Angriff als unfähig erwiesen. Geniale Heerführer wie Rokossowski mussten von Stalin aus dem NKWD-Gefängnis an die Front geholt werden, wo sie gefoltert worden waren. Der heute hoch verehrte Schukow riskierte damals seinen Kopf, um seine Entscheide gegen Stalin durchzusetzen.

Die Lüge vom Generalissimus Stalin gehört zusammen mit anderen groben Unwahrheiten in den Papierkorb: Ebenso die These, Russland habe erst ab 1941 als Opfer am Krieg teilgenommen, obschon die Rote Armee Polen zwei Wochen nach der Wehrmacht überfallen hat und danach über Finnland und das Baltikum herfiel. Und ebenso die Mähr, nach der die Sowjetunion die Hauptlast beim Sieg über Hitlerdeutschland getragen habe und ohne die massive materielle und nachrichtendienstliche Unterstützung Englands und der USA überlebt hätte.

Der Morast aus Mythen und Ignoranz über diese Epoche muss beseitigt werden – dazu sind jedoch nicht nur Wissen, sondern auch Konflikte und Diskussionen nötig. Politkorrektes Schweigen trägt nur zur weiteren Verdrängung dieser dunklen Themen bei. Vielleicht hat darum die peinliche Fahrt des Stalin-Busses ins Fettnäpchen auch ihr Gutes. Sie hat zu einer eifrigen Debatte geführt, und das ist alles, was Russland zu diesem Jubiläum braucht.

Bild: Wikimedia Commons

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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