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Kommentar: Stalingrader Kakerlaken

Von   /  6. Februar 2013  /  Keine Kommentare

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Von Andrej Iwanowski, Redaktionsleiter bei Ria Novosti

Die Stadt Wolgograd darf und soll ab jetzt sechs Tage im Jahr – am Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg, am Tag des Kriegsbeginns, am Tag des Sieges in der Stalingrader Schlacht etc. – wieder „Stalingrad“ heißen, haben die Stadtväter der Millionenstadt an der Wolga beschlossen.


Meine Meinung: Dieser Beschluss ist heuchlerisch, hinterlistig, gemein, scheinheilig, feige, widerlich, geschmacklos, lächerlich und dumm. Und sehr, sehr traurig.

Ein feiger, hinterlistiger, scheinheiliger Versuch, das Jubiläum des Sieges in der Stalingrader Schlacht als Vorwand zu nehmen, um den Kakerlaken Stalin am Schnurbart wieder ans Tageslicht zu zerren. Vorerst nur für sechs Tage im Jahr – um zu sehen, wie es dem Kakerlaken heute so geht. Wie viele Leute ihn heute immer noch widerlich finden. Vielleicht sind es gar nicht mehr so viele. Vielleicht sind es inzwischen genug Leute, die wieder bereit sind, Ehrfurcht gegenüber dem Kakerlaken zu empfinden. Oder einfach Furcht.

Die Leningrader Blockade wird immer so heißen, obgleich die Stadt längst nicht mehr so heißt. Niemand würde heute vorschlagen, Sankt Petersburg wieder Leningrad nennen zu lassen, weil die Stadt die 900 Tage lange Blockade heldenhaft überstanden hat.

Die Stalingrader Schlacht wird immer so heißen. Nur so wird sie in allen Geschichtslehrbüchern genannt. Seit 1961 heißt aber die Stadt Wolgograd. 365 Tage im Jahr. 24 Stunden am Tag. Es gibt die Stalingrader Schlacht. Die Stadt Stalingrad gibt es nicht.

Im Juni 1991 fand in Leningrad ein Referendum über die Umbenennung in St. Petersburg statt. 54 Prozent stimmten dafür, 42 dagegen. Ein nicht gerade überwältigender Sieg der Petersburg-Befürworter, wie man sieht.

Es wäre wohl viel anständiger für die Wolgograder Stadtväter, heute ein ähnliches Referendum in ihrer Stadt zu initiieren, statt den Kakerlaken durch das Hintertürchen hineinkriechen zu lassen. Denn dieses Ungeziefer vermehrt sich bekanntlich sehr rasch.  Es ist aber lichtscheu. Ein Referendum könnte mehr Licht in diese Frage bringen.

Bild: Wikimedia Commons

www.rian.ru

 

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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