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Kommentar: Pseudo-Kontrollen und Pseudo-Sicherheit in Russland

Von   /  7. Januar 2014  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Noch immer ist Russland geschockt über die beiden Bombenattentaten, die sich kurz vor Neujahr im südrussischen Wolgograd ereigneten und mehr als 30 Menschenleben kosteten. Der junge Polizist, der in der Eingangshalle des Wolgograder Bahnhofs den Attentäter untersuchen wollte und ihn dadurch vermutlich zwang, die Bombe zu zünden, ist mittlerweile mit höchsten Ehren beerdigt worden. Immer wieder wird betont, dass die Bombe ohne sein Eingreifen noch mehr Menschen getötet hätte.

Niemand spricht davon, dass der Zugriff wohl ein ziemlicher Zufall war. Denn hierzulande weiss jedermann, dass seit dem Bombenattentat am Moskauer Flughafen Domodedowo von 2011 zwar jeder grössere Bahnhof mit Metalldetektoren und Röntgengeräten wurde, dass die Kontrollen aber bereits kurz danach nur noch sehr schlampig durchgeführt wurden. So auch in St. Petersburg, wo die Metalldetektoren an den Bahnhöfen oft völlig verwaist dastanden. Erst nach den Explosionen in Wolgograd wachten überall wieder Bahnpolizisten stramm auf ihrem Posten.

Dasselbe Bild gilt für die Metro, wo seit 2011 millionenschwere Sicherheitstechnik aufgestellt worden ist. Wie Fontanka.ru schreibt, müssen hier pro Stunde 30 Personen kontrolliert werden – eine typisch russische Formallösung. Ebenso formal ist auch die Auswahl der „verdächtigen“ Personen. Es werden praktisch ausnahmslos Personen asiatischen oder kaukasischen Aussehens herausgepickt, die vermutlich tagtäglich durchleuchtet und schikaniert werden.

Niemandem käme es in den Sinn, dass ein Attentäter auch ein Russe sein könnte, der in einen Nadestreifenanzug gekleidet seine Bombe in einer Laptoptasche hereintragen könnte. Das, obwohl für das Bahnhofsattentat in Wolgograd bereits der zum Islam konvertierte Russe Pawel Petschjonkin aus der Wolga-Region verantwortlich gemacht wird. Wenig gefragt wird auch danach, wieviel die Sicherheitstechnik gekostet hat und wie effizient sie angewendet wird. Sie hat auf dem Wolgograder Bahnhof womöglich Schlimmeres verhindert, aber im Fall der zweiten Bombe, die im Trolleybus versteckt war und ferngezündet wurde, hat sie überhaupt nichts gebracht hat.

Schon seit vergangenem März läuft eine Untersuchung gegen die Verantwortlichen für die Ankäufe der Detektoren auf den Bahnhöfen. Es wird vermutet, dass die Auftragsvergabe gezinkt war und ein Grossteil der Ausrüstungen zu bis sechsfach überhöhten Preisen gekauft wurde. Diese kriminelle Praxis ist in Russland zwar weitverbreitet, doch wäre es in diesem Fall besonders tragisch, denn es geht um die Sicherheit – ein besonders wunder Punkt, so kurz vor der Olympiade in Sotschi. Dabei geht es weniger um das unterschlagene Geld – denn Sicherheit lässt sich nicht kaufen. Es geht vielmehr um eine masslose Gleichgültigkeit in jenen Kreisen, die die Bevölkerung schützen sollten – eine Gleichgültigkeit, die tödlich sein kann.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.fontanka.ru

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Die Bombe in Domodedowo wurde zur “Geldbombe” im Sicherheitsgeschäft

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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