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Kommentar: Russlands „goldene Jugend“ wird erwachsen – und baut Totelschaden

Von   /  8. April 2010  /  2 Kommentare

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Von Eugen von Arb

Zwei Jahrzehnte nach dem politischen Umbruch in Russland vollzieht sich ein Generationenwechsel – die Kinder der russischen Oligarchie werden erwachsen und übernehmen das Steuer. Der beste Beweis dafür sind die spektakulären Autounfälle, in die die „Solotaja Molodjosch“ (goldene Jugend) verwickelt ist.

Das jüngste Beispiel ist der Crash des Oligarchensohns Michail Matwijenko, der nach durchzechter Nacht mit seinem Wagen ein Schaufenster am Newski Prospekt rammte. Das Klischee passt perfekt: der protzige schwarze Range Rover, der Nachtklub, das freche Auftreten des 24-Jährigen, der die Polizisten mit dem Namen seines Namensvetters und Gouverneurinnen-Sohns Sergei Matwijenko einzuschüchtern versuchte…

Auch sein Werdegang und Lebenswandel passen ins Bild: Michail Matwijenko war nur zum Osterurlaub in seiner Heimat, wo er als Businessman mehrere Firmen verwaltet. Ansonsten lebt er in London – dort ist er Student.

Verblüffend ist die Ähnlichkeit mit der Raserei, die im vergangenen Jahr zwei Söhne des aserischen Oligarchen Telman Ismailow zusammen mit dem der Sohn eines russischen Oligarchen und einem weiteren unbekannten Lenker mit ihren Luxus-Sportwagen im Zentrum von Genf veranstalteten. Sie blieben unbeschadet, während ein unbeteiligter Autofahrer beim anschliessenden Unfall schwer verletzt wurde.

Schockierend ist nicht nur die Verantwortungslosigkeit, mit der sich diese jungen Menschen durchs Leben bewegen. Mindestens ebenso erschreckend ist die übrige künstliche Welt, die um sie herum aufgebaut wurde. Nach diesem Unfall wurde bekannt, dass die Raser Studenten an der Staatlichen Moskauer Universität MGU sind, die in Genf eine ausländische Filiale der juristischen Fakultät unterhält.

Die Töchter und Söhne der Reichen und Mächtigen Russlands wachsen demnach nicht nur mit Kindermädchen hinter den Sicherheitszäunen von Oligarchen-Datschen auf. Auch ihre Ausbildung erhalten sie nicht in der Heimat, sondern in künstlichen Elite-Hochschulen im Ausland, die speziell für Menschen ihrer Gesellschaftsklasse gegründet wurden.

In wenigen Jahren werden viele von ihnen die Nachfolge an der Spitze der Wirtschafts- und Machtimperien ihrer Väter und Mütter in Russland antreten. Aber werden sie dazu im Stande sein, in einem Land, dem sie völlig entfremdet sind oder das sie gar nie gekannt haben? Wird sich nicht jenes traurige Kapitel der russischen Geschichte wiederholen, das die Oktoberrevolution vorbereitete?

Für den katastrophalen Untergang des Zarenreichs machen heute viele Historiker die völlig weltfremde Erziehung der russischen Elite verantwortlich. Der einzige Zar, der genügend Humanität und politische Weitsichtigkeit besass, um die dringend notwendige Reform und Liberalisierung Russlands einzuleiten, war Alexander II. Sein Erzieher und Berater Wassili Schukowski hatte ihm sein Land und sein Volk gezeigt, das er 1861 von der Leibeigenschaft befreite.

Welche Vorbilder haben die Kinder der Macht von heute? Natürlich werden sie  schon früh mit den Spielregeln der Macht vertraut gemacht, erhalten die bestmöglichen materiellen Voraussetzungen und werden zweckmässig verheiratet. Aber diese Dinge lassen sich mit den Luxuskarossen der jungen Raser gleichsetzen – sie besitzen Kraft und Geschwindigkeit, aber ohne Orientierung bauen sie Totalschaden.

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Oligarchensöhne an Raserei mit Unfall in Genf beteiligt

Namensvetter von Gouverneurssohn Matwijenko rast am Newski in Schaufenster

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. Heinrich sagt:

    Diese Kapitalisten-Youngsters verprassen nicht nur das meist fragwürdig erworbene Geld ihrer Eltern, sondern beschädigen das Ansehen Russlands. Doch ahmen sie nicht lediglich die Verschwendung ihrer Eltern nach? – Wie sehr viele Deutsche wünschte ich, dass nicht nur bei uns im ‚ Westen‘ , sondern auch in einem demokratischen Russland die Ergebnisse volkswirtschaftlicher Anstrengung möglichst allen Bürgern zugute kommen. Freiheit darf nicht zu protziger Willkür entarten, sondern muss mit sozialer Verantwortung geübt werden.
    Mit Interesse und Sympathie verfolge ich im Internet die offene Berichterstattung russischer Zeitungen, aber auch von „Russia to-day“ im Fernsehen. Offene Kritik ist ein Indiz für Demokratie – Glückwunsch!

  2. realsatire sagt:

    Da kann einem ja Angst und Bange werden wenn dieser Kindergarten Herr über die Milliarden wird.
    Nicht das es die Schweizer oder Deutschen Internatszöglinge unbedingt anders oder Besser machen – nur haben die auch weniger Geld und damit weniger „Durchschlag“ egal was sie machen.

    Mal sehen ggf. bringen sie es ja auch in guter russischer Tradition in Baden Baden oder Monte Carlo durch. Das wäre dann ja wieder eine Reminiszenz an die Zarenzeit….

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