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Kommentar: Russland erhöht den Druck auf den Telegram-Messenger

Von   /  28. Juni 2017  /  Keine Kommentare

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Von Max Reiter

Alexander Scharow, Chef der mächtigen Telekommunikations-Aufsichtsbehörde RosKomNadsor hat am 23. Juli den Telegramm-Begründer Pavel Durov aufgefordert, seiner Behörde gemäss geltendem Gesetz Auskunft und Zugriff auf die Kundendaten zu gewähren. Am nächsten Tag veröffentlichte der Inlandsgeheimdienst FSB, dass die Terroristen welche in St. Petersburg das Bombenattentat auf die Metro verübten, via Telegram kommunizierten. Wenn verschiedene Staatliche Behörden so koordiniert auf ein Thema setzen, bedeutet das meist, dass bald ein Verbot oder eine Blockade im Netz erfolgt.

Die Fehde zwischen dem Erfinder von Telgram und den russischen Behörden hat dabei schon ein paar Jahre Tradition. Durov ist der ehemalige Inhaber des  beliebten sozialen Netz Vkontakte (VK), dem russischen Facebook. Bevor er seine Anteile an VK verkaufte, wurde er privat und geschäftlich zum Ziel von Einschüchterungsversuchen durch Behörden und Geschäftskonkurrenten, denen er sich nur durch Abgabe der Kontrolle über VK und die Flucht ins Ausland entziehen konnte. Er hat dabei trotz verdienter Millionen ein sehr schlechtes Geschäft gemacht und diese neue Erfahrung und nicht wenig Geld in die Entwicklung des absolut privaten Messenger Projekts Telegram investiert.

Das Projekt, einen Messenger für sichere und private Kommunikation mit einfacher Bedienung zu erstellen hat vor diesem Hintergrund Priorität bei Pavel Durov und seiner mit Ihm bei VK abgewanderten Kerntruppe. In der Tat ermöglicht der Messenger dank des eingesetzten Verschüsselungsverfahrens eine weitgehend abhörsichere Kommunikation. Nur meist wird dieser Cryptomodus gar nicht eingeschaltet.

Doch seit knapp über einem Monat gibt es die Option, auch kostenlose Telefonate via dem Messenger zu führen. Dank 4er Icon Symbole auf dem Bildschirm kann jeder Anwender sehr einfach prüfen ob er gerade sicher telefoniert. Sind diese bei beiden Telefonierenden identisch, ist die Verbindung sicher. Jedes Telefonat ist dann auch automatisch ein verschlüsseltes. Solche innovativen einfachen Techniken in der breiten Anwendung sind nicht nur russischem Geheimdiensten ein Dorn im Auge. Sie verhindern die gewohnte und per Gesetz festgeschriebene Möglichkeit alle Anwender überall und jederzeit digital zu durchleuchten.

Der Messenger Telegram wiedersetzt sich also erfolgreich dem seit Snowden bekannten „ubiquen“ Zugriff. Er stellt das Brief und Telefongeheimniss über den Wunsch alle Kommunikation zu analysieren und gegebenenfalls durch das Wissen von allem und jedem potentielle Täter zu erkennen. Nur wissen wir inzwischen das Jeder und Jede sehr leicht áuf die schwarzen Listen kommt und selten jemand von dort gestrichen wird.

Was bei der amerikanischen National Security Agency (NSA) ein Skandal ist, wird in Russland per Gesetz vorgeschrieben. Alle Provider, Telefonanlagen, Internetdienste haben technische Möglichkeiten vorzuhalten das die Anwender abgehört bzw. ihre Daten vom Staat analysiert werden können. Vor diesem Hintergrund ist auch die Änderung der Gesetze zu verstehen, welche das Speichern von Kundendaten russischer Staatsbürger im Ausland verbietet. Das Gesetz hat neben der Internetwirtschaft vor allem aber auch die normalen global aufgestellten Firmen in Bedrängnis gebracht da deren IT und Kundendaten meist zentral gelagert wurden.

Seit 2014 verdienen sich IT-Berater eine goldene Nase damit, diese Firmen und ihre Netze fit für das russische Gesetz zu machen, sprich den Teil der russischen Kunden auch physikalisch wieder nach Russland und unter die hiesige Überwachung zu bringen. Firmen, welche das nicht akzeptieren, werden irgendwann gesperrt. So ist das durchaus sinnvolle Business Netzwerk LinkedIn seit Anfang des Jahres blockiert.

Aber auch WhatsApp, Viber, Skype, Facebook und viele andere der beliebten internationalen Kommunikationslösungen sind ebenfalls noch nicht gesetzeskonform. Sie sind aber so beliebt, dass deren Abschaltung mit Sicherheit das Gefühl der staatlichen Bevormundung wie zu Sowjetzeiten hervorrufen würde. Oder, noch schlechter, die Daten fließen bereits.

Zurück zum Konflikt zwischen Telegram und RosKomNadsor: Auf die Anfrage von RosKomNadsor antwortet Pavel Durov, er finde es doch sehr paradox, dass sich die Behörde auf ein unabhängiges Unternehmen wie seines „einschieße“, obwohl es im Gegensatz zu seinen Konkurrenten nicht unter der Kontrolle der USA laufe.

Eine Sperrung ist auch technisch nicht einfach zu bewerkstelligen. Ein Messanger ist keine Webseite oder IP Adresse, die einfach blockiert werden kann. Telegram wird mit Sicherheit eine Blockade technisch aushebeln können und unter Umständen den Konflikt verstärken. Facebook und Co werden sich sicher auch über die kommerzielle Hilfe seitens der Russischen Behörden freuen.  Bleibt abzuwarten ob sich die Behörde zum Abstellen durchringt. Das orchestrierte Anziehen der Schrauben in der Öffentlichkeit legt diesen Schritt nahe.

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