Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Kommentar: Mordfall Starowoitowa – die zweite Runde, eine Nullrunde?

Von   /  15. September 2009  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email

Von Eugen von Arb

Die Ankündigung der Petersburger Justiz, den Mordfall Galina Starowoitowa nach der Verhaftung des Mafioso Michail Gluschenko neu aufzurollen, hat für Aufsehen gesorgt. Im Prozess von 2005 waren zwar der Mörder der Politikerin und Menschenrechtlerin und der Organisator des Attentats, nicht aber ihre Auftragsgeber verurteilt worden. Jetzt sind sowohl die Angehörigen des Opfers, wie auch eine breite Öffentlichkeit der Meinung, dass die Verhaftung des Hauptverdächtigen Gluschenko eine Chance zur vollständigen Aufklärung genutzt werden kann und muss.


Im Prinzip müsste das auch der Linie Präsident Medwedews entsprechen, der als Jurist eine gründliche Reform des russischen Justizapparats auf seine Fahnen geschrieben hat. Fast zeitgleich mit der Verhaftung Gluschenkos wurden im Juli die bekannte Menschenrechtlerin Natalia Estimirowa und kurze Zeit später zwei weitere Aktivisten in Tschetschenien ermordet.

Medwedew versprach eine lückenlose Aufklärung – so wie es bereits Wladimir Putin 2006 im Mordfall Anna Politkowskaja getan hatte. Allerdings bot die russische Justiz im Fall Politkowskaja bisher ein Trauerspiel – während der Hauptverdächtige noch immer auf freiem Fuss ist,  musste nach einem anderthalbjährigen  holprigen Verfahren eine ganze Reihe Verdächtiger wieder frei gelassen und das Verfahren neu eröffnet werden. Für russische Politiker ist es mittlerweile zur peinlichen Gewohnheit geworden, bei westlichen Auslandbesuchen an die blutigen Schandflecken erinnert zu werden.

Mit dem Mafioso Gluschenko ist der Petersburger Polizei hingegen ein wirklich grosser Fisch ins Netz gegangen. Aber schon bevor die Akte Starowoitowas neu aufgeschlagen wird, ergeben sich berechtigte Zweifel an der Ernsthaftigkeit der neuen Untersuchung. Gluschenkos Verhaftung im Juni durch die Petersburger Polizei kam völlig überraschend und geschah gewissermassen in Eigenregie. Davor lebte er trotz seines massiven Sündenregisters jahrelang völlig unbeheligt von russischen Gerichten und Interpol im Ausland und wurde erst festgenommen, als er versuchte, einen neuen Pass zu beantragen. Von einem ausgesprochenen politischen Willen den Fall zu lösen, kann demnach keine Rede sein.

Gleich nach seiner Verhaftung wurde bekannt, dass er neben dem Fall Starowoitowa noch wegen der Beteiligung an einem weiteren brutalen Mordfall mit drei Opfern auf Zypern verdächtigt wird – ein völlig „unpolitischer“ Morde mit reinem Mafia-Hintegrund. Der Fall Starowoitowa hingegen ist höchst politisch, denn er betrifft nicht allein Gluschenkos Rolle in mafiösen Kreisen, sondern auch seine Rolle als Ex-Duma-Abgeordneter der Schirinowski-Partei LDPR.

Die Spur führt somit direkt in höchste Regierungskreise. Zwar hat sich seit den „wilden Neunzigern“ auch dort einiges verändert, aber sicher möchte auch dort niemand den Namen der Partei oder den eigenen in eine schmutzige Affäre verwickelt sehen. Werden sich die russischen Ermittler an ein solches „Wespennest“ wagen, oder wird man sich darauf beschränken, Gluschenko wegen des Zypern-Mords den Prozess zu machen? Das wäre das die bequemste Lösung, denn allein diese Verfahren würden soviel Staub aufwirbeln, dass der Fall Starowoitowa wiederum in Vergessenheit geraten könnte.

Bild: Geehrt und vergessen? Ein Platz und ein Standbild im Zentrum Petersburgs erinnern an die Politikerin und Menschenrechtlerin Galina Starowoitowa. (Foto: Eugen von Arb/SPB-Herold)

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Mordfall Starowoitowa: Angehörige fordern Wiederaufnahme von Ermittlungen

Der Fall Gluschenko zieht weite Kreise – jetzt will auch die zypritotische Polizei den Ex-Parlamentarier verhören

    Drucken       Email
  • Veröffentlicht: 9 Jahren vor auf 15. September 2009
  • Von:
  • Zuletzt geändert: September 15, 2009 @ 2:18 pm
  • Rubrik: Aktuell

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

MAKSA – expressive Kunstbrückenbauerin zwischen Hamburg und Petersburg

mehr…