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Kommentar: Mangelndes „Russland-Know-How“ der Schweiz

Von   /  14. Juli 2008  /  Keine Kommentare

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eva.- Als eine Stadt „für die Künste“ hatte Bundesrätin Doris Leuthard Petersburg bezeichnet. Für Investoren sei die Stadt kein Top-One-Standort, da sie zu teuer geworden sei. Diese Beurteilung ist nicht nur reichlich oberflächlich, sondern sie entspricht genau jenem Image, das Leningrad bereits zu Sowjetzeiten von Moskauer Seite aufgezwängt worden war – eine Kulturhauptstadt, nicht mehr. Nach dem alten Sowjet-Schema scheint auch ein grosser Teil der übrigen Russlandreise der Schweizer Delegation abgelaufen zu sein: Lange, pompöse Empfänge bei den Mächtigen, viele Worte, wenig Konkretes – in ihrer ganzen Pracht liessen sich die Schweizer von den Russen ihre Superlativen und Potjemkinschen Dörfer vorführen, kaum ein Schritt abseits der ausgetretenen Pfade.

Demtentsprechend altbekannt lautet die Beurteilung der Situation: Korruption, Bürokratie, zu wenig Rechtssicherheit – eigentlich alles Dinge, über die jeder aufmerksame NZZ-Leser in der Schweiz unterrichtet ist, weil diese Zeitung die enorme Entwicklung Russlands schon schon vor vielen Jahren erkannt und einen extra Wirtschaftskorrespondenten nach Russland entsannt hat. Der Schweizer Regierung scheint die Art von „Aufklärung“ zu fehlen, sonst hätte sie längst gemerkt, dass es zwischen den beiden Magneten Moskau und Petersburg eine ganze Reihe aufstrebender Provinzstädte gibt, in denen die Zeit nicht stehen geblieben ist: Nowgorod Veliki, Pskow, Twer, … Sie liegen alle im Bereich der guten Infrastruktur der Grossen, bieten aber wesentlich tiefere Standortkosten. Gerade die kleine Schweiz mit ihrem „Kantönligeist“ sollte eigentlich ein Gespür für die wachsende Bedeutung dieser Provinzstädte haben.

Die Delegation machte zwar einen Abstecher nach Jekaterinburg – den sie als günstigen Standort für mutige Investoren empfahl. Die Stadt ist sicher billiger als Moskau und Petersburg, doch liegt sie rund 1900 Kilometer entfernt von der nächsten Schweizer Vertretung und dem Moskauer „Business Hub“ – relativ einsam für einen Schweizer Unternehmer. Er kann nur seine deutschen Kollegen beneiden, die sich in Jekaterinburg an ein Konsulat wenden können. Auch in dieser Stadt wachsen die Kosten, darum müsste die Schweiz jetzt handeln und dort mindestens ein Honorarkonsulat mit Visums-Befugnis einrichten, wenn sie nicht der Entwicklung hinterhinken will. Wäre die Schweiz im Wirtschaftswunderland Russland besser vertreten, würde sich sicher auch ihr „Russland-Know-How“ rasch verbessern und sie könnte gegenüber den „Apparatschiks“ wesentlich selbstbewusster auftreten.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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