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Kommentar: Lenin im Dornrösschenschlaf

Von   /  23. Januar 2014  /  Keine Kommentare

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Von Andrej Iwanowski, Ria Novosti

Lenins Dornröschen-Schlaf im Kristallsarg auf dem Roten Platz dauert nun seit 90 Jahren an. Ursprünglich, unmittelbar nach seinem Tod im Januar 1924, wurde ein Provisorium aus Holz errichtet, damit die Tausenden von untröstlichen Arbeitern, Bauern und Rotarmisten Abschied vom Führer des Weltproletariats nehmen können.

Nicht nur jene Arbeiter, Bauern und Rotarmisten – auch ihre Kinder und Enkelkinder haben längst Abschied von Lenin genommen. Nicht nur jene Proletarier – auch ihre Kinder haben inzwischen größtenteils das Irdische gesegnet. Lenin liegt aber auf dem Roten Platz – nicht mehr in einem hölzernen Provisorium, sondern in einem Marmorpalast, der noch Jahrhunderte durchstehen kann.

Mittlerweile hat Lenin auch seine Schöpfung – den ersten Arbeiter- und Bauernstaat Sowjetrussland – um einige Jahrzehnte „überlebt“. Regelmäßig macht seine Leiche wie zu Sowjetzeiten in speziellen Bädern eine Verjüngungskur durch, wird frisch einbalsamiert und in einen neuen Anzug gekleidet.  Jedes Jahr streiten russische Politiker darüber, ob es vielleicht doch langsam Zeit ist, die Leiche – gemäß Lenins Vermächtnis – „neben der Mutter“ in Sankt Petersburg zu begraben. Immer wieder enden aber die Diskussionen mit der Schlussfolgerung: „Nein, die Zeit ist noch nicht reif dafür“.

Eine Ironie der Geschichte: Die Stadt, wo Lenins Mutter beigesetzt ist, hat jahrzehntelang Leningrad geheißen und davor Petrograd, jetzt heißt sie aber wieder wie zu Zarenzeiten ganz schön monarchistisch: Sankt Petersburg. Fast an jedem russischen Ort – ob eine Großstadt oder ein Kaff – findet man aber immer noch einen Leninplatz oder eine Leninstraße oder beides plus ein Lenindenkmal, schlimmstenfalls eine Leninbüste.

Kurz nach dem Ende der Sowjetunion wurde ein Projekt diskutiert, wonach Lenins Leiche auf eine Weltreise geschickt werden sollte, damit sie vor der endgültigen Beisetzung gründlich abrahmt. Die Idee wurde verworfen. Lenin liegt weiterhin einfach so herum. Eintritt frei. Ein Verlustprojekt in jedem Sinne.

Spätestens seit Solschenizyn in Russland veröffentlicht und frei verkauft wird, muss  das Land wissen, dass Lenin kein gemütliches Großväterchen und kein großherziger Revolutionsritter war, sondern nicht zuletzt ein Henker. Längst werden über Lenin keine Filme gedreht, in denen er in heldenhafter Statur auftritt, sondern höchstens Komödien, in denen er als Karikatur agiert. Eine Witzfigur ist er ohnehin seit eh und  je.

Nicht viele erinnern sich noch daran, dass Stalin nach seinem Tod 1953 in einem ähnlichen Glassarg neben Lenin im Mausoleum liegen durfte. 1961 ließ jedoch Nikita Chruschtschow Stalins Leiche hinter dem Mausoleum begraben. Die Welt ging danach nicht unter.

Im Januar 2024 wird sich Lenins Todestag zum 100. Mal jähren. Stark anzunehmen ist, dass Lenin auch dann noch immer in seinem Kristallsarg liegen wird. Oder wird er bis dahin etwa „wachgeküsst“? Die Klon-Technologien entwickeln sich ja rasant – völlig ausschließen würde ich das also nicht.

Bild: Eugen von Arb/SPB-Herold

www.rian.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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