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Kommentar: „Intourist“ lebt – neue russische Visa-Bestimmungen gegen Individualtouristen

Von   /  27. Januar 2015  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Wer noch vor dem Mauerfall aufgewachsen ist, erinnert sich noch daran, wie damals die Visumsanträge der Ostblockstaaten ausgefüllt werden mussten – das war vielleicht kompliziert! Auf dem russischen Fragebogen mussten ausser dem Arbeitgeber mögliche Verwandte in der UdSSR, eine Namensänderung oder Emmigration aus der Sowjetunion angegeben werden.

Zur Ein- und Ausreise mussten das Transportmittel und im Fall einer Reise mit dem Auto der Grenzposten und das KFZ-Kennzeichen genannt werden. Natürlich war auch ein kleines Feld für die einladende Privatperson oder die „Dienststelle“ freigestellt, wo man Name und Adresse der Personen hineinquetschen musste, die man besuchte.

Irgendwann um die Jahrhundertwende wurde die sowjetische „Anketa“ auf grauem sowjetischem Papier durch ein neues Antragsformular ersetzt, wo der grösste Teil der obigen Fragen fehlte. Es waren „die guten Jahre“, in denen West und Ost Vertrauen zueinander aufbauten und die Menschen dieser Länder frei reisen konnten. Es war die Stunde für westliche Individualreisende, die endlich die früher verschlossenen Regionen Russland entdecken konnten – Worte wie „verboten“, „geheim“ und „geschlossen“ schienen der Vergangenheit anzugehören.

Das Wort „Intourist“ war verpönt – es war ein Synonym für das Reisen in der Masse, bei dem man nur das zu sehen bekam, was vom Regime vorgeschrieben wurde – Kreml – Eremitage – Bernsteinzimmer und retour. Neben der Besichtigung der „Zuckerseiten“ der UdSSR, hatten die Reiseleiterinnen und Reiseleiter gleichzeitig die Aufgabe, die politische Meinung der Touristen zurecht zu rücken und sie von individuellen „Seitensprüngen“ abzuhalten. Das alles schien für immer der vorbei zu sein – Wanderer, Radfahrer und andere bunte Vögel „eroberten“ Russland auf ihren Individual-Touren von Petersburg bis Kamtschatka.

Nun werden all jene, die sich eine eigene Meinung über Russland und seine Menschen bilden wollen, wieder an die kurze Leine genommen – mit den neuen Visa-Bestimmungen (siehe Artikel) rückt Russland wieder näher an das Sowjet-Regime heran. Das wiederum erhöht die Bürokratie – und gibt dem Reisewilligen ein unangenehmes Gefühl von Überwachung, genau jenes Gefühl, das einen früher auf Schritt und Tritt im Ostblock verfolgt hat.

Der Verband russischer Reiseunternehmer (ATOR) sieht die Massnahme gelassen und erwartet laut ihrem Vizepräsidenten Wladimir Kantorowitsch keinen negativen Einfluss auf die Touristenzahlen. Im Verhältnis zu den Gruppenreisen machten Individualreisende eine absolute Minderheit, deren Ausbleiben kaum spürbare Folgen haben werde, meinte er. Übersetzt heisst dies, dass man kaum finanzielle Einbussen erwartet. Dass damit jedoch einseitiges Reisen und gleichgeschaltetes Denken gefördert wird, daran denkt niemand. Um so bitterer wirkt diese Einschränkung angesichts dessen, dass noch vor wenigen Jahren alle von der Aufhebung der Visumspflicht gesprochen hat. Aber das waren andere Zeiten. Intourist lebt!

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.gazeta.ru

Der Artikel zum Kommentar:

Russisches Visum wird wieder “sowjetischer”

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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