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Kommentar: In Trauer vereint – Petersburg am Tag der russischen Einheit

Von   /  6. November 2015  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Was für ein Tag! Der 4. November hätte deprimierender nicht sein können – Kälte, Regen, die volle Herbstdepression. Wer an diesem Tag an den Newski kam, bemerkte die Fahrzeuge der Omon-Sonderpolizei an jeder Ecke – für den Fall wilder „Russischer Märsche“ oder anderer nationalistischer Ausbrüche.


Doch im Gegensatz zu anderen Jahren, in denen sich zum 4. November die Nationalisten und rechtsextremen Gruppierungen irgendwo in der Stadt versammelten, um gegen Ausländer und die Regierung zu wettern und Jagd auf Ausländer und Antifaschisten zu machen, blieb es diesmal ruhig – die Petersburger hatten ganz andere Sorgen: Sie trauerten, und zwar auf ihrem Platz, dem Schlossplatz.

Zu Hunderten pilgerten die Menschen jeden Alters zur Alexander-Säule um Blumen oder Plüschtiere hinzulegen, Kerzen anzuzünden oder einfach still für einen Moment den Opfern des Flugzeugabsturzes über Ägypten vom 1. November zu gedenken. Besonders schockierend für alle sind die vielen Kinder, die aus ihrem kurzen Leben gerissen wurden. Ihnen und ihren Eltern, Verwandten und Freunden sind Zeichungen, Gedichte, Luftballons als Zeichen der Anteilnahme gewidmet. Auf dem Winterpalast die russische Flagge auf halbmast.

Stossseufzer, manchmal auch leises Schluchzen waren beim Gang um das grosse „Grabmal“ zu vernehmen. Manchmal drang ein leiser Kommentar durch die Wand der Trauer – wie zum Beispiel diese Frage: „Brauchte es nun dieses Unglück, damit wir uns vereinen?!“ Ein vielsagender Satz.

Zum einen zeigt er den schwachen Bezug der Russen zu diesem eigenartigen Feiertag, der einerseits an den Sieg über die polnischen Okkupanten 1612, andererseits an die Wunder der Ikone der Kasaner Muttergottes erinnern soll und gleichzeitig als Kompensation für den abgeschafften sowjetischen „Tag der Revolution“ am 7. November eingeführt wurde.

Zum anderen spiegelt er gerade das mangelnde Vertrauen in Einheit und Beständigkeit eines Staats, dessen Volk in seiner Geschichte zu oft nur im Kriegs- und Katastrophenfall zusammenfand. Jüngstes Beispiel dafür war der Nationalstolz, der in Russland zu Beginn der Ukrainekrise und des neuen Kalten Kriegs mit dem Westen aufflackerte.

Doch diese Grossmacht-Euphorie ist bereits am verlöschen, und die zunehmende Wahrscheinlichkeit, dass die Flugzeugkatastrophe auf der Sinai-Halbinsel ein Terroranschlag und damit eine direkte und brutale Antwort auf die russischen Bomben in Syrien war, lässt ihn weiter schwinden. „Warum ist alles so ungerecht!?“ – diese Frage mit Filzstift auf ein Stück Papier gekritzelt und vom Regen verwischt – gibt an diesem Tag die treffendste Antwort.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Tag der nationalen Einheit: Aufmärsche, Kreuzgang, Pogrome und zwei Morde

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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