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Kommentar: Geld und Geltung bauen Türme

Von   /  4. Januar 2010  /  2 Kommentare

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Von Markus Mueller

Heute wird also in Dubai der Burj Dubai – mit 800 Metern der höchste Turm auf dem Globus eingeweiht. Der Westen zeigt neidisch auf die armen Bauarbeiter die über fünf Jahre jede Woche in 50 Grad Hitze eine Etage nach der anderen erstellten – die krisengeschädigten Normalbürger zeigen schadenfroh auf die Beinahepleite einer gewissen mit der Turbaufirma im Wettbewerb stehenden Konkurenzfirma am gleichen Ort. Den übrigen Staatschefs weltweit imponiert die Potenz und der Magnetismus mit dem Dubai seine Bauvorhaben mit und z.Zt. auch auf Kosten des weltweiten Finanzsystems aus dem Boden gestampft hat.

Warum begeistert mich als  technisch angehauchter Laie dieser Turm ?

Auch mir bleibt trotz Krise die Bewunderung für die Chuptze des kleinen Emirats so ein Projekt mit „dem Geld der Welt“ hinzubekommen. Zum Verständnis der Mächtigen und Ihrer Bauten reicht ein Blick in die Geschichte. Global und über ein paar Jahre länger betrachtet ist so ein Turm – wie jede architektonische Meisterleistung – auf lange Sicht immer nützlich.

Selbst „Youngtimer“ wie die Petronas Towers in Kuala Lumpur – initiert von Malaysias energetischem ex-Präsidenten „Dr. M“ sind Symbole für Ihre Nationen. Den Eiffelturm wollte man ja schliesslich auch nach vier Jahren wieder abreissen – jetzt ist er das unumstrittene Markenzeichen von Paris.

Überhaupt haben es die Franzosen gut hinbekommen, in der Architektur immer wieder ihre Chefs zu verewigen: Vom „Arc de Triomphe“, Invalidendom, Centre-Pompidou, La Defense, La Villette, der „BnF“  Nationalbibliothek Frankreichs, oder dem Centre du Monde Arabe, jeder Präsident setzte sich in guter römischer Kaisertradition mit ein paar Bauten im Zentrum ein, oder gleich mehrere Denkmäler.

Geld und Geltungsdrang bauen Monumental

Der  Trend zum Monumentalbau, der schon seit den alten Ägyptern Mode ist, wurde von den Römern aufgenommen und hält bis heute an. Dass dabei Wahnsinnge neben genialen Entwürfen stehen, rationale und irrationale Gründe zum Anlass für den Bau und oft auch dem Scheitern stehen, ist seit dem Turm von Babel immer wieder vorgekommen.

Auch als Verfechter von guter Architektur (zu der ich im übrigen auch das Ochtacenter zähle) bin ich froh, dass Wahnsinnsbauten wie die Ruhmeshalle „Germania“ des Duos Hitler/Speer mit ihre ganzen faschistischen Wucht und Ausstrahlungskraft verhindert wurden. Dennoch  können auch in Deutschland an den Gebäuden die Epochen identifiziert werden. Und was wäre Köln, Freiburg, Mainz oder Speyer ohne ihre Kirchen in der Mitte ?

Die deutsche Zurückhaltung im Umgang mit Megaprojekte liegt wohl eher daran, dass wir das dann doch etwas nüchtern und im positiven Sinne dezentral födertativ betrachten – und dabei gerne neidisch nach Paris schielen. Immerhin wird ein Burj Dubai oder Ochtacenter heute nicht für einen einzigen Pharao gebaut, sondern schon wie bei den Thermen Caracallas mit nahegeleger „Super Mall“ fürs Volk und den Kommerz.

Heute bewundern wir die Bauten von Initiatoren die wir im Hier und Jetzt in Den Haag vors Gericht stellen würden

Dass bei diesen Projekten früher oft mal das Bruttosozialprodukt einer ganzen Nation verschleudert wird, ändert heute an der Bewunderung fürs Resultat wenig.

Ägypten, Griechenland, Roms Caracallethermen, die Clantürme Italiens, die Kirchen und Tempel, Russlands Eremitage, Ludwigs Versailles, Chrsysler & Empire State Building, bei den Chinesen von der Grossen Mauer bis hin zum olympischen „Vogelnest“ jede Region hat Ihre politischen und kommerziellen Megaprojekte.

Was dem gemeinen Millardär seine Ferrarisammlung oder sein Fussballclub ist oder dem schöngeistigeren Millardäre sein MOMA oder Getty Museum , das ist dem geneigten Staatenlenkern von Früher oder Heute eben ihr persönliches Mega-Bauprojekt.

Vermutlich ist das so unausrottbar wie andere menschliche Schwächen, aber es ist weit weniger Brutal als wenn sich der jeweilige „Chef“ oder die Staatsleitung sich mit einem Krieg oder sonstigen Streit in der Historie eingravieren möchte.

Europa ruht in der Vergangenheit – Asien greift nach der Zukunft

Jedes grosses Bauwerk repräsentiert auch eine gewisse Hochkultur in der jeweiligen Region. Das diese in jetzt Asien stattfindet, zeigt, dass der Staffelstab der ambitionierten Zivilisationen nach Osten weitergereicht wurde. Uns bleibt in Deutschland und mit abstrichen auch in Russland nur die Genugtuung, das wir in der Breite die Qualität zu heben in der Lage sind. Auch gute Bauten entstehen gerade wieder zu Hauf – keine schlechte Alternative zum Megaprojekt sind in vielen Orten im Land sichtbar oder im Bau – Darmstadt, Hamburg, Berlin, Düsseldorf, uvm….

Bauprojekte setzen Zeichen

Dabei scheint die Ablehung der betroffenen Bevölkerung vor oder während des Baus immer analog mit dem späteren Stolz der Bürger auf „Ihre“ Bauleistungen einherzugehen. Je heftiger gehasst, desto herzlicher werden die Bauten später geliebt. Ist das Gebäude erst einmal fertig fasziniert es durch seine „normative Kraft des Faktischen“. Nicht anders wird es in St. Petersburg sein – sollte Gazprom den Maiskolben den eines Tages gepflanzt haben.

Und auch in den Chefetagen von Gazprom und Russland wird der Burj Dubai einen kleinen Stich ins Herz geben. Haben sie mit Ihren Türmen, dem Federation Tower  und Moskau-City  insgesamt sowie Dem Ochtazenter in Sankt Petersburg nichts als Ärger am Hals.

Aber gerade jetzt würde ein erfolgreiches Turmprojekt die richtigen Zeichen für die Vitalität Russlands und Europa im Wettbewerb mit dem Osten und lokal Ausdruck der Dynamik St. Petersburgs setzen.  Das Ochtazenter wäre ein Zeichen dafür das die Stadt lebt und nicht nur ein bewohntes Museum ist und ggf. in 100 Jahren das wir in diesen Jahren nicht nur die schrecklichen Wohnsilos und durschnittlichen Zweckbauten geschafft haben. Wird das Ochtacenter jedoch verhindert ist es auch ein wichtiges Zeichen dafür das auch in St. Petersburg Bürgerinitativen Erfolg haben können. Nur wer erinnert sich dann in 100 Jahren noch daran ?

Bildnachweis IMRE SOLT GDFL GNU Free Documentation License


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2 Kommentare

  1. Markus Mueller sagt:

    Liebe Frau Meyer – vielen Dank für Ihren Kommentar
    – sie haben zweifellos Recht – aber um wieviel ärmer wäre die Stadt und die Welt wenn hier „immer so Vernüftig“ gebaut worden wäre ?

    Wie ich mit meinem Kommentar aufzeigen möchte sind die Gründe für solche Megaprojekte nie rein „rational“.
    Sicher hätte auch das Geld welches seinserzeit für die Erstellung und den Ausbau der Eremitage oder des Katharinenpalast oder aktueller für die Renovierung des Bernsteinzimmers verwendet wurden, in einer zivileren Anwendung mehr Früchte fürs Volk gebracht. (Verzeihen sie mir den flapsigen Nachsatz „und auch den heutigen Unterhalt erspart“)…

    Im Übrigen bin ich keineswegs der Meinung, dass das Ochtazentrum ein Zuschussgeschäft für Gazprom wird.

    Die Immobilienpreise insgesamt sind nicht gefallen steigen zum Teil wieder, die Office Mieten sinken noch, aber gute Lagen sind wie immer teuer. Bis der Turm fertig ist brummt die Wirtschaft wieder und die Vermietungspreise sind auf Vorkrisennivau. In jedem Fall kann dort der Maximum Preis verlangt werden. Und Gazprom kann den Turm ggf. sogar weitgehend selbst nutzen, ggf. ein paar Arbeitsplätze aus Moskau „dezentralisieren“ was dem Staat und der Firma sicher gut täte.

    Die Stadt hat sich aus dem Projekt zurückgezogen. Sicher stimmen sie mir zu das Gazprom kann als grösster Steuerzahler in Russland, der ja die Ertragsseite repräsentiert, nicht für die Fehler und Fragezeichen der Städtischen Haushaltspolitikpolitik verhaftet werden.

    Fragwürdige öffentliche Ausgaben und Stadthaushalte gibts auch in Deutschland.
    Da stört mich das die grössten Steuerzahler nicht die Grosskonzerne und Banken sind welche bislang die grossen Summen an Krisenstütze einsacken sonst aber ihre Steuer im Ausland optimieren. Gazprom investiert dagegen – auch wenns nach reinem Prestigebau aussieht – ganz eigennützig in die Zukunft.

    Bezüglich der Baurenoviereung – Immerhin wurden hier in Sankt Petersburg seit „vor dem Stadtgeburtstag im Jahr 2003“ schon ordentlich viel in die Infrastruktur und das Stadtbild investiert. ggf. sogar zugunsten der Denkmäler mehr Geld in Baubudget verplant als sonst in die Strassen. Das die Strassen insgesammt schlecht sind mache ich eher an der Korruption fest.

    Ok bei uns ist es noch nicht so schön wie in den neuen Bundesländern aber bereits über dem Niveau von Wuppertal oder anderen „zwangsverwalteten überschuldeten Komunen“ im Westen.

    Zu Guter Letzt bleiben sie uns als Leserin treu – „und ist die Redaktion noch so klein, sie darf geteilter Meinung sein“ – meine Kollegen sind alle ausgemachte Kritiker des Turms.
    In diesem Sinne meine besten Wünsche fürs neue Jahr.

    Hochachtungsvoll

    Ihr Markus Müller

  2. Hedi Meyer sagt:

    Eine ebenso grosse Herausforderung wie der Bau eines Turms kann auch der Verzicht auf einen solchen sein – Petersburg bietet Schönheit genug, um Millionen von Touristen anzulocken.

    Es erstaunt mich, dass jene Milliarden, die für den Gazprom-Protzturm ohne Probleme aufgetrieben werden, offenbar für den Unterhalt „normaler“ Architekturdenkmäler nicht vorhanden sind. Der Verfall hunderter hochrangiger Bauten in der Stadt, die „unter Denkmalschutz“ stehen, ist beschämend.

    Vielleicht hätten die Sankt Petersburger etwas mehr Verständnis für die Bauträume von „Geld und Geltung“, wenn das Strassennetz ihrer Stadt in einem ebenso tadellosen Zustand wäre wie in Dubai. Da ich in beide Städte besucht habe, kann ich vergleichen. Die russischen Löcherpisten finde ich ebenso ärgerlich wie peinlich.

    Als Steuerzahler würde es mich frustrieren, wenn ich zuschauen müsste, wie das Budget statt für die „Grundversorgung“ für das Geprotze der Ölmultis verschleudert wird. Soviel ich weiss, wollte die Stadtregierung bis vor kurzem noch einen Grossteil des Turms aus eigener Kasse finanzieren.

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