Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Kommentar: Die Abreissbirne als durchschlagendes Argument im Petersburger Denkmalschutz

Von   /  2. September 2012  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email

Von Eugen von Arb

„Sie kommen nicht durch!“ – so dachte man im Winter 2010/11 als eine Gruppe wagemutiger Aktivisten den eigenmächtigen Abriss des Rogow-Hauses aus dem 19.Jahrhundert durch eine Hausbesetzung verhinderte. Das Bauunternehmen Prestige LLC hatte trotz fehlender Bewilligung versucht, das denkmalgeschützte Haus einzureissen und dabei den „Dämmerschlaf“ der Januartage ausgenützt. Doch die Aktivisten waren auf der Hut und reagierten blitzschnell.

Ermutigt durch den Rückzug des Gasprom-Turm-Projekts wurde damals angenommen, dass in der Politik die Bewahrung architektonisch wertvoller Bauten nun ernster genommen würden. Zumindest erwartete man einen klaren Entscheid, ob das bereits schwer beschädigte Rogow-Haus endgültig zum Abbruch freigegeben würde oder nicht. Das erwies naiv! Stattdessen wurden neue Gutachten zum Zustand und Erhaltungswert des Rogow-Hauses in Auftrag gegeben, die bürokratischen Mühlen drehten im gewohnten Tempo weiter. Daran änderte sich auch unter dem neuen Gouverneur Poltawtschenko nichts.

Ermutigt durch die unentschlossene Politik, wartete die Baufirma nur einen weiteren günstigen Moment ab, um zuzuschlagen. Am 26. August war er gekommen, der „Chef der Stadt“ war im Urlaub, die Luft war rein, und man schlug – mit Erfolg. Ein weiteres Mal hatte die Politik der vollendeten Tatsachen gesiegt. So war es schon in vielen anderen Fällen – zwei der krassesten Beispiele der jüngsten Zeit sind der Stockmann-Bau an der Kreuzung Newski/ Vostania, und das „Dom Literaterow“ an der Ecke Newski/Fontanka. Bei beiden wurde trotz der Auflage, bzw. des Versprechens der Investoren, die alte Bausubstanz zu erhalten, letztlich der gesamte Häuserblock eingerissen – praktisch ohne rechtliche Folgen.

Die Zeit lässt sich nicht anhalten, eine Stadt nicht konservieren – damit müssen sich Denkmalschützer aller Städte der Welt abfinden. Doch in Russland fehlt bisher jeder politischer Wille für eine vernüftige gesetzliche Lösung zur Umnutzung, bzw. Umgestaltung historischer Gebäude. Tausende schönster Häuser verrotten „denkmalgeschütz“ vor sich hin, weil dem Eigenetümer – dem Staat – das Geld für die meist dringend notwendige Rennovation fehlt. Eine brauchbare Möglichkeit, Gebäude unter denkmalschützerischen Auflagen zu vermieten oder zu verpachten, wie man es anderswo macht, fehlt.

Unternehmen, die ein altes Gebäude nutzen oder umbauen möchten, stehen gleichzeitig vor fast unüberwindlichen bürokratischen Mauern. Viele Behörden gelten als korrupt, und auf legalem Weg zum Ziel zu kommen ist langwierig und teuer – deshalb erweisen sich Abrissbirne und Baggerschaufel oft als die einzigen durchschlagenden Argumente.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Das Rogow-Haus “wegen Einsturzgefahr” endgültig abgerissen

Neuer Abriss-Skandal – Denkmalschützer, freiwillige Aktivisten und die Polizei “verteidigen” das Rogow-Haus

Umstrittener Stockmann-Bau am Newski-Prospekt klammheimlich eröffnet

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Milde Strafe für jugendlichen Streich

mehr…