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Kommentar: Der Maidan auf dem russischen Mittagstisch

Von   /  16. März 2014  /  2 Kommentare

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Von Eugen von Arb

Ein ganz normaler Tag, ein ganz normales Mittagessen mit meinen Arbeitskollegen. Wir sind eigentlich immer eine fidele Runde, nur heute will so gar keine Freude aufkommen. Der Euro-Maidan in Kiew stand gerade noch in Flammen, die Krim ist besetzt, es riecht nach Krieg und Krise. Alle sind bedrückt – kein Wunder, kann doch jeder auf dem Arbeitsweg an den Leuchtziffern der Wechselstuben den purzelnden Rubelkurs beobachten. Den einen vermiest es das Geschäft, den anderen den Urlaub.

Kein Thema für Sprüche und Witze. Alle machen einen weiten Bogen darum herum – ich ihnen zuliebe, weil ich mich nicht in „ihre“ Angelegenheiten mischen will – sie mir zuliebe, weil ich aus dem „Westen“ stamme, der tagtäglich in den russischen Fernsehnachrichten zusammen mit der „faschistischen“ Westukraine und den „Banderowzy“ abgekanzelt wird.

Irina bricht das Schweigen

Und doch kommen wir darauf zu sprechen – dank Irina, die oft sagt, was die anderen nur denken und etwas naiv-tollpatschig in den Fettnapf tritt. „Haben wir uns wieder lächerlich gemacht vor der ganzen Welt“, meint sie zu mir und lacht. Bevor ich mich dazu äussern kann, hat sie bereits allen ihre Position kundgetan: Sie findet es zwar peinlich, was sich gerade in der Ukraine abspielt, aber im Grunde genommen ist sie völlig einverstanden damit, dass sich die Russen jetzt die Krim zurück geholt haben. „Die hat ja schliesslich uns gehört, bevor sie Chrustschew an die „Chochly“ verschenkte!“

Auch Nadia findet Putin einen „Molodez“ (einen „Prachtskerl“), denn er hat ja schon die Olympiade so gut hingekriegt, und die Besetzung der Krim war schliesslich das einzige, was dem Präsidenten übrig geblieben ist, um die russische Bevölkerung zu schützen. „Die wollen ja zu uns, sie gehören ja zu uns!“

Eine „Rauferei der Grossen“

Obschon ich noch kein Wort gesagt habe, bildet sich auf dem Küchentisch eine Art Barrikade – ein Maidan – zwischen mir und ihnen. Ich habe zwar immer wieder geäussert, wie sehr ich die aggressive Aussenpolitik Amerikas und die Passivität der Europäer missbillige, aber niemand scheint sich daran zu erinnern. Auch als ich ihnen erkläre, ich fände es falsch, dass man den ukrainischen Präsident einfach verjagt hat, dass es aber dennoch nicht in Ordnung sei, wenn Russland das eigene Unrecht mit demjenigen der USA rechtfertige, wird das überhört. Einzig Ludmila nimmt mich ein wenig in Schutz, in dem sie sagt, die Türkei habe erklärt, sie werde keine Grenzänderungen im Schwarzmeerraum akzeptieren.

Doch da ist schon Sergei zur Stelle, der einwirft, die Türkei habe hier überhaupt nichts zu sagen. Und mir wird auf einmal bewusst, dass es bei diesem Konflikt nicht um Recht oder Unrecht geht, sondern eigentlich um eine Rauferei, an der nur die „Grossen“ teilnehmen dürfen, zu denen Russland dank Putin wieder gehört. Zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten tritt Russland wieder als Imperium auf, das der Grossmacht USA die Stirn bietet.

Russland hat es allen gezeigt!

Die „Amerikosy“ sollen jetzt für alle Demütigungen bezahlen, die sie Russland und seinen Verbündeten seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion beigebracht hat. Ich kenne Sergejs Position sehr gut aus anderen Gesprächen – sie entspricht in etwa jener Verschwörungstheorie, die tagtäglich am russischen Fernsehen und allsonntäglich in der orthodoxen Kirche gepredigt wird: Die USA sind die Wurzel allen Übels, überall haben sie Revolutionen und Kriege angezettelt und für Chaos gesorgt – in Yugoslawien,Lybien, Ägypten, Syrien – und jetzt auch in der Ukraine!

Ich spüre gleichzeitig Empörung und Erleichterung bei ihm. All die Gefühle von Demütigung und Erniedrigung, welche Russinnen und Russen mit dem Zerfall des Sowjetreichs, der Not und der Krise in den Neunzigerjahren verbinden, sind darin verpackt. Aber jetzt ist fertig damit – jetzt ist man wieder wer, ob geliebt oder gefürchtet, man wird wieder ernst genommen! Russland hat es allen gezeigt!

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. mm sagt:

    Der Borschtsch wird wie bei einem guten deuschen Eintopf ja von Region zu Region und von Familie zu Familie in allen Möglichen unterschiedlichen Varianten gekocht.
    Einig sind sich hier alle das der Ursprung irgendwo in der Ukraine liegt, aber wie beim Schaschlik, das ja auch seinen Ursprung im Kaukasus haben soll, ist der Borschtsch ein urtypisches Gericht in ganz Russland und auch bei uns in Sankt-Petersburg geworden.
    Kurz um egal wo – mann bekommt ihn in allen Varianten und Qualitäten serviert.
    Den Besten macht natürlich die beste Ehefrau von allen :)

  2. nLeser sagt:

    Guten Tag!

    Um welches Menü handelt es sich oben bitte? Borschtsch?

    Koche ich (ein alter Ostdeutscher) übrigens seit paar Jahren und hatte seinerzeit den Verdacht, daß es diesbezüglich himmelweite Unterschiede zwischen Rußland, Weißrußland und der Ukraine gibt.

    mfG :-)

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