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„EGE“ – Vorteile und Tücken der russischen Bildungsreform

Von   /  19. März 2010  /  Keine Kommentare

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Gastbeitrag von Werner Willeke  –  (Link „fromrussia“ )

Seit der Einführung des sog. “Einheitlichen Staatsexamens” – “EGE” – für Absolventen der russischen Schulen ist Chance für so manchen Zeitgenossen auf einen kostenlosen Studienplatz erheblich geschrumpft. Der Prüfungsstoff der abgefragt wird ist einheitlich und auch die Fragen sind vereinheitlicht. Die Beurteilung der Ergebnisse erfolgt auch nicht vom örtlichen Personal, m.a.W. dem Benotungsmissbrauch ist soweit man bisher sehen kann ein wenig ein Riegel vorgeschoben worden.

Nun gut, wo ein Problem ist da ist auch eine Lösung und dass man das “EGE” auch durch Stellvertreter erledigen lassen kann, das ist seit einem Bericht im Mai diesen Jahres in den Nachrichten des ersten Kanals des russischen Fernsehens auch dem Letzten klar. Da war zu sehen wie geschäftstüchtige Zeitgenossen in der russischen Provinz sich Zutritt zu dem Examenstermin verschafften um dann für die Prüflinge gegen entsprechende Aufwandsentschädigung die lästigen schriftlichen Prüfungen zu absolvieren.

Zu den so Hilfsbereiten zählten, man höre und staune, auch das Lehrpersonal eben jener Schule in der Provinz in der die Prüfungen stattfanden. Und damit alles reibungslos ablief hatte die Direktorin der betroffenen Schule dafür Sorge getragen dass die Veranstaltung geräuschlos über die Bühne ging, gegen eine Aufwandsentschädigung versteht sich.

Leider hatten die Dienstleister die Rechnung ohne den Wirt gemacht und waren daher nicht wenig erstaunt daß am Prüfungstag auch die “ausführenden Organe der Macht” nebst Mitarbeiter des Fernsehens zur Stelle waren um nach dem Rechten zu schauen und vor laufender Kamera eine 38-jährige Lehrerin beim Betreten der Prüfungsräume zu erwischen, die sich auf dem Wege der Gehaltsaufbesserung befand. Im Moment läuft die Bewerbung der Schüler an den Universitäten und sonstigen Ausbildungsstätten Russlands auf vollen Touren.

Das Ausbildungsjahr beginnt am 1. September in Russland (und auch der Ukraine). Zugang zu den vom Staat finanzierten Ausbildungsgängen haben die zukünftig Studierenden zunächst einmal auf Grund ihres schulischen Abschlusszeugnisses und der Noten. Weitere Kriterien können bei der Vergabe der heiß begehrten Studienplätze herangezogen werden. Der Katalog umfasst einem Bericht des russischen Fernsehen zufolge mehr als 100 verschieden Kriterien, so u.a. Teilnahme an Wissenswettbewerben, den sog. “Olympiaden”. Bessere Chancen auf eine Ausbildung will der russische Staat denen angedeihen lassen, die behindert sind. Dieser ehrenwerte Vorsatz führte allerdings bei der diesjährigen Begutachtung der eingegangen Bewerbungen zu dem erstaunlich Ergebnis dass sich Anzahl der behinderten Bewerber auf einen kostenlosen Studienplatz um nahezu 25 % erhöht hatte.

Jeder Quote sein Quotient

Noch mehr erstaunte die intervieweten Uni-Präsidenten das Faktum, das die Invalidisierung der Bewerber zu einem großen Teil wohl erst kurz vor der jeweiligen Übermittlung der Bewerberdokumente stattgefunden haben musste. So wies eine Vielzahl der eingereichten “Invaliditätsbescheinigen” eine auffällige zeitliche Nähe zum Bewerbungszeitpunkt auf. Daß teilweise auch Bescheinigungen ohne Registriernummer eingereicht wurden soll nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Um die Frühinvalidisierung der russischen Jungakademiker zu begrenzen sieht man sich jetzt gezwungen im Zweifelsfall einen neutralen Gutachter zu bemühen der den Gesundheitszustand des Bewerbers überprüfen wird. Dass dabei der eine oder andere “invalide” Bewerber durch das Raster rutschen wird und damit genügend Plätze für die wirklich Bedürftigen zur Verfügung stehen werden, bleibt zu hoffen.

Den daraufhin abgelehnten “invaliden” Kandidaten bleibt dann, falls ihnen ein Strafverfahren keinen Strich durch die Rechnung macht, als letzter Ausweg immer noch das selbstbezahlte Studium mittels eines Vertrages mit der jeweiligen Universität.

Fazit:

Erstens: Das russische Fernsehen zeigt eine für manch westlichen Beobachter erstaunliche Offenheit im Umgang mit Mißständen im eigenen Lande, eine Offenheit die so gar nicht zu dem gern mancherorts gehegten Bild von der “Putin-Diktatur mit Medwedjew-Maske” paßt.

Zweitens: Die notwendigen und richtigen Schritte zur Reform des Bildungswesens werden in Rußland gemacht.

Drittens: Es bleibt zu hoffen daß die auf Grund der bisher geltenden Praxis im Ausland mancherorts mit Argwohn betrachteten Zeugnisse russischer Bildungsinstitutionen wieder an Wert gewinnen.

Viertens: Ferner bleibt zu hoffen daß die offizielle Lehrerbesoldung in absehbarer Zeit solche Höhen erreicht daß “Nebenverdienste” für das Lehrpersonal nicht nur überflüssig werden sondern der Verlust eines gut dotierten Arbeitsplatzes höher wiegen wird als der Anreiz zu Nebeneinkünften.

Da habe ich allerdings so meine Zweifel, leider.

Bild: Wikimedia Commons

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