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Kommentar: Der Fall Alexei Dymowski oder: Youtube als neues „Hörrohr“ des russischen Präsidenten

Von   /  11. November 2009  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Manche drohen nur damit, manche tun es wirklich – wenn russische Staatsbürger oder Organisationen im Dickicht des russischen Bürokratendschungel verzweifeln, schreiben sie einen Brief direkt an den Staatspräsidenten. Es gibt sogar eine Stelle in der Präsidentenadministration, die solche Beschwerden ganz offiziell entgegen nimmt, und manchmal werden sie dann sogar vom Präsidenten oder einem seiner Berater gelesen – ja und in ganz seltenen Fällen hat ein solcher Hilferuf durch das „Höhrrohr“ des Präsidenten sogar Konsequenzen.


Wird eine Beschwerde gehört, so lassen die Folgen – meist in Form drakonischer Strafen – nicht lange auf sich warten: Ein sibirischer Schuldirektor wird entlassen, weil die Klassenzimmer im Winter ungeheizt sind, oder man zieht einen höheren Beamten wegen hochgradiger Bestechung zur Rechenschaft. Das Volk weiss das zu schätzen.

Natürlich ist der Präsident nicht schwerhörig, aber dieses „Rohr“ zu seinem Ohr ist unheimlich lange, eng, verschlungen und an vielen Orten verstopft. Ausserdem häufen sich in letzter Zeit solche „Briefe“, womit auch die Chancen, durch den gewaltigen Filter zum Adressaten vorzudringen, noch geringer werden als sie eh schon sind.

So benutzte ein verzweifelter und frustrierter Milizionär aus der südrussischen Stadt Noworosiisk eine neue und viel lautere Röhre, die für jedermann offen steht: Youtube. Als Auftakt zum „Tag des Polizisten“, der in Russland am 10. November gefeiert wird, sorgte der Polizei-Major mit einer Rede an den Ministerpräsident Putin für einen handfesten und landesweiten Skandal.

Er schilderte seine Situation als Beamter des Drogendezernats in einem von oben bis unten korrumpierten Apparat. In seiner siebenminütigen Sendung schilderte Alexei Dymowski mehrere Fälle von Betrug, Bestechung, ja sogar von erfundenen Fällen, in denen er „ermitteln“ musste.

Die erste Reaktion des Publikums war wie erwartet: Tausende russischer Youtube-Besucher schlossen sich dem Polizei-Bashing an. „Dymowski – wir sind mit Dir!“ Auch die Reaktion der Polizei kam schnell und wie erwartet: Dymowski wurde fristlos entlassen. Die im Film beschriebenen Fälle habe es nicht gegeben, heisst es in einer offiziellen Mitteilung. Ausserdem antwortete ihm eine  mit einer Videobotschaft bei Youtube, in der sie sein Verhalten als unkorrekt und unmännlich kritisierte.

Nun warten alle ab, ob sich der Kreml auf dieses Spiel einlässt. Wenn nicht, so verkennt die russische Regierung und die Polizei die Bedeutung des Internets, welches das Fernsehen als wichtigsten Meinungsträger längst abgelöst hat.

Wenn ja, wurde ein neues „Rohr“ zum Präsidenten erfunden, und man darf in Zukunft vermehrt solche Aktionen erwarten. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Milizionär aus Noworossiisk bei Putin Gehör findet, ist übrigens relativ gross, passt doch seine Beschwerde genau zur kürzlichen gestarteten Anti-Korruptionskampagne der Regierung.

Auf jeden Fall muss man aber damit rechnen, dass die Polizeiorgane nach diesem Präzedenzfall eine verstärkte Überwachung des russischen Internet anstreben wird, um solch aufmüpfige Personen an die Leine zu nehmen.

Bild: Die Russische Polizei hat die Kommunikation per Internet entdeckt: Alexei Dymowski hat auf Youtube „ausgepackt“.

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  • Veröffentlicht: 9 Jahren vor auf 11. November 2009
  • Von:
  • Zuletzt geändert: November 12, 2009 @ 1:01 pm
  • Rubrik: Aktuell

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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