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Kommentar: Das hat gerade noch gefehlt – neue Schikanen für Schengenvisa

Von   /  14. September 2015  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Obwohl meine Frau ein langfristiges Mehrfachvisum besitzt, wird sie jedes Mal, wenn wir per Flugzeug in den Schengenraum einreisen einem regelrechten Polizeiverhör ausgesetzt: Wozu reisen sie ein? Wie lange bleiben sie hier? Wo wohnen sie? Womit bezahlen sie? Sobald ich mich als schweizer Ehemann zu erkennen gebe, bricht die Befragung augenblicklich ab.

Dabei ist meine Frau keine Ausnahme – andere russische Reisende vor oder hinter uns müssen dieselben idiotischen Fragen, die sie zuvor bereits x-Mal schriftlich und mündlich beantwortet haben, über sich ergehen lassen. Warum verstehen die misstrauischen Grenzwächter eigentlich nicht, welche Schikanen die Einreisenden bereits in Russland auf den Konsulaten und Visazentren erdulden müssen, um das Visum zu bekommen?!

Zu den endlosen Fragebögen müssen Einladungen, Krankenversicherungen, Arbeitsbescheinigungen, Einkommensnachweise, Kontoauszüge und Hotelresevierungen vorgelegt werden, nicht zu reden von den misstrauischen Blicke und Warteschlangen, die einem die Reiselust ganz schön verderben können. Es versteht sich von selbst, dass dabei jedes einzelne Schengenland sein eigenes Süppchen kocht. Immer wieder sprechen sich die neuen „Regeln“ herum, und jedes Mal versucht man herauszufinden, wer von den Ländern schneller und einfacher Visa erteilt.

Und als ob das nicht schon genug wäre, müssen seit dem 14. September alle Russinnen und Russen für ein Schengenvisum ihre Fingerabdrücke registrieren und ein biometrisches Passfoto machen. Dabei haben sie noch Glück – das Prozedere muss bloss alle fünf Jahr wiederholt werden! Na Gott sei Dank! Es versteht sich von selbst, dass dies nur mit der Spezialtechnik auf Konsulaten, Botschaften und gut ausgerüsteten Visazentren möglich ist, was bedeutet, dass zu der bisherigen Schikane noch die Anreise und eine happige Gebühr von 35 Euro hinzukommen.

„Das wird die Nachfrage bei den Russen nach Reisen in die Schengenzone deutlich senken“, zitiert die Zeitung „Kommersant“ den Vorsitzenden der russischen Reiseveranstalter-Vereinigung Wladimir Kantorowitsch. Seiner Meinung nach wird sich ein Grossteil der jährlich bisher 5,5 Millionen russischer Schengentouristen in Zukunft eine Destination ohne Visumszwang oder weniger Schikanen aussuchen. Tatsächlich gibt es mittlerweile genügend andere Ferienländer, die russischen Reisenden keine solchen Steine in den Weg legen.

Die Schengen-Seite sieht die offensichtliche Erschwerung hingegen als Erleichterung und argumentiert, die biometrischen Daten würden das Prozedere für Antragssteller von Mehrfachvisa vereinfachen. Sie verstehen nicht, dass dank der neuen Hürden viele Leute nicht einmal mehr den Versuch für ein Einfachvisum machen werden. Trotz katastrophaler Rückgänge bei den russischen Touristen hat man in TEuropa noch immer das Gefühl, die Russen würden sich um Schengenvisa reissen – welche Kurzsichtigkeit und Arroganz!

Hinzu kommt die politische Komponente: Warum baut der Westen ausgerechnet in einer Zeit, wo Austausch und gegenseitiges Verständnis zwischen Ost und West notwendiger sind denn je, neue bürokratische Hürden auf!? Gerade jetzt, wo man sich nicht aus den Augen verlieren darf, macht man die so schon hässliche Mauer aus Papier auf der EU-Seite noch höher. Das hat gerade noch gefehlt!

Bild: Wikimedia Commons

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. Robert Kimble sagt:

    Seit Beginn der Konflikte um die Ukraine wird meine Frau (unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung) bei jeder Einreise aus Russland (Hamburg oder Berlin) kontrolliert. Zigaretten? Alkohol? Dann wird verzweifelt gesucht, nichts gefunden.
    Schick in Berlin Schönefeld.Da wird der Koffer auf dem Boden geöffnet und links und rechts laufen alle Reisenden vorüber um auch einen Blick erheischen zu können. Ich habe mich zwar schon schriftlich beim Zoll darüber beschwert, aber keine Antwort. Arme Kultur, wohin gehst du Deutschland?

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