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Kommentar: Buchweizen und das Coronavirus: Wie die Russen mit dem Ende der Welt zurechtkommen

Von   /  19. März 2020  /  Keine Kommentare

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Leeres Regal im Spuermarkt

Ein Komentar von Ilya Klischin

Obwohl Putin in seiner Rede betonte, dass es keine Notwendigkeit gäbe, Geld für Lebensmittelvorräte zu verschwenden, verwüsten weiterhin Scharen von besorgten Bürgern die Supermärkte, schnappen sich astronomische Mengen an Toilettenpapier und – unerklärlicherweise – Buchweizen.

Am 17. März sprach Präsident Wladimir Putin zum ersten Mal über das Coronavirus vor der Nation. Kurz gesagt, er sagte, alles sei unter Kontrolle. Er fügte hinzu, dass das russische Volk „wie in einer großen, befreundeten Familie“ alle Schwierigkeiten mit Hilfe von Disziplin überwinden werde.

Seine Worte hatten aber keine Wirkung auf die Käufer, welche die Supermärkten leerkaufen. Offizielle Daten beziffern die Zahl der Infizierten auf über 100, während sich die Zahl in sozialen Netzwerken vervielfacht, die die Zahl weit höher ansetzen und berichten, dass Menschen mit Symptomen nach Hause geschickt wurden, um „Tee zu trinken“, ohne jemals auf das Virus getestet worden zu sein.

Die Sankt Petersburger und Moskauer sind zunehmend frustriert über Berichte – wie etwa in der Zeitung „Wedomosti“ -, dass die Beamten bald eine Ausgangssperre verhängen, die U-Bahn schließen und Fahrten in die Stadt und aus der Stadt verbieten werden.

Währenddessen bleiben Russlands Provinzen ruhig und unerschüttert, scheinbar immun gegen soziale Distanzierung und Quarantäne. Aber wenn die Großeltern auf dem Land ihre Enkel in die Hauptstadt einladen, um mit ihnen auf den Coronavirus zu warten, weigern sich die jungen Leute und ziehen es vor, mit allen Annehmlichkeiten „hart durchzugreifen“.

Buchweizen verdient hier eine gesonderte Erwähnung als echtes Symbol der Apokalypse – ob nun russisch oder nicht.

Buchweizen ist eine Besonderheit Osteuropas
Er ähnelt dem südamerikanischen Quinoa, aber es fehlt ihm der ähnlich grosse Marketinghype, die dieses Getreide zu einem Favoriten unter Veganern und Fans einer gesunden Lebensweise gemacht hat.

Buchweizen dagegen ist das Hauptnahrungsmittel der Wahl für russische, polnische und litauische Rentner, die von winzigen Renten leben. Sie mögen, dass er billig ist und jahrelang im Küchenregal stehen kann, auch wenn es nicht ratsam ist, ihn so lange zu lagern.

Es ist traurig und lustig, dass Russlands 20- und 30-Jährige, die sonst jeden Morgen gerne eine köstliche Tasse perfekt gerösteten Kaffee Latte mit Mandel-Milch kaufen, nach Österreich zum Snowboarden und nach Bali zum Surfen düsen, jetzt in die Geschäfte eilen, um sich mit Buchweizen einzudecken.

Was geht hier vor? Ist es eine Massenverdummung oder eine Massenpsychose? Ist es eine verzögerte Expression des genetischen Gedächtnisses im kollektiven Unbewussten? Vielleicht ist es ein bisschen von allem.

Obwohl es in der fernen Vergangenheit verschwunden schien, muss es die ganze Zeit irgendwo im Unterbewusstsein gelauert haben – wie ein Phantomschmerz oder ein gemeinsames Trauma, das wir nicht vergessen könne. Ein einfacher Ruck reicht aus, um das Gen zu aktivieren das uns nach dem Buchweizen greifen lässt.

Buchweizen aus den Regalen zu räumen, bedeutet nicht, dass man in Panik gerät. Nein, es ist eher ein kollektiver Reflex, ein Ausdruck des Handelns vor dem Denken.

In der Tat sind die Russen – und besonders die in den Provinzen – voller Tapferkeit. „Was kümmert uns das Virus?“, scheinen sie zu sagen. „Wir haben schon viel Schlimmeres gesehen.“ Dann fügen sie hinzu: „Wir konnten uns nicht daran stören lassen“.

Auf den ersten Blick mag es scheinen, dass eine solch abweisende Haltung nichts mit den in Panik geratenen Petersbürger und Moskauer zun hat, die Säcke von Buchweizen nach Hause schleppen. Aber schauen Sie etwas genauer hin, und Sie werden die zugrunde liegende Logik erkennen.

Auf biologischer Ebene handeln die Russen instinktiv, und wenn der „Ruf ihrer Vorfahren“ ausgelöst wird, lassen sie sofort ihren Latte mit Mandelmilch fallen und horten Buchweizen, ohne zu wissen, warum. Ihr inneres Programm sagt es ihnen: „Horte, verkrieche dich, warte es ab.“

Aber auf der existentiellen Ebene sagen die Russen gerne: „Die Scheune ist abgebrannt, also lasst auch das Haus brennen“, oder „Wir haben nie gut gelebt, also ist es sinnlos, jetzt damit anzufangen“.

Nur wenige Menschen sagen es offen, aber viele Russen, und vor allem diejenigen, die nichts zu verlieren haben – also die meisten von ihnen – freuen sich innerlich über die alles reinigenden Flammen einer Apokalypse, die alles auf seinen vorherigen Zustand reduziert. Interessanterweise ist die gesamte russische Nationalphilosophie zutiefst eschatologisch, d.h. auf das Ende der Welt ausgerichtet. In diesem Sinne passt das „Zeroing out“ von Putins Präsidentschaftsbegriffen perfekt zum „Zeroing out“ der Weltgeschicke.

Einfach gesagt, die Russen waren noch nie so begeistert von dem saturierten glücklichen Leben wie  von den Flammen des Armagedon. Das Ende der Welt ist eine Show, die es immer wert ist, gesehen zu werden. Und wenn Sie eine Pause machen wollen, rennen Sie einfach zum Laden und holen die letzten beiden Säcke Buchweizen.

Von Ilya Klischin  (kfconsulting) im englischen Original auf themoscowtimes.com / Buckwheat and the Coronavirus

Photo: VK von Janis Nowikow

Uebersetzung mm, SPZEITUNG

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