Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Kommentar: Ausländerbehörde schikaniert deutsche Petersbürgerin – Absicht oder System? Unfähigkeit oder vorauseilender Instinkt des Systems?

Von   /  15. März 2014  /  4 Kommentare

    Drucken       Email

Von Max Reiter

Das Russische Behörden sich selbst gerne gegenseitig ein Bein stellen ist bekannt, unangenehm wird es aber wenn man selbst zum Gegenstand einer chaotischen Bürokratie wird. Während die Welt sich Sorgen um die Konsequenzen der Ukrainischen Krise macht, werden andere Nachrichten bedeutungsloser, aber nicht weniger symbolträchtig. Wie gestern in der Stimme Russlands von der Betroffenen selbst berichtet, kommt man sich öfter mal so vor, als würde man selbst vor dem Eingang von Kafkas Schloss stehen.

Hier der Kommentar von Susanne Brammerloh, einer lieben Kollegin, Mitarbeiterin der Stimme Russlands und seit der Perestroika in Petersburg lebend und arbeitend. Es ist unklar warum Ihr das passiert aber ich befürchte das nicht nur Unfähigkeit sondern auch Dünkel und der Instinkt des Systems („potentiell kritische Nationen das spüren zu lassen“) da zusammenkommen. 

Zitat von Susanne aus der Stimme Russlands vom 13. Maerz


Ein Thema in höchst eigener Sache. Seit über einem Monat bin ich einer recht seltsamen Bürokratie ausgesetzt. Ich habe für das Kalenderjahr 2012 in der Ausländerbehörde ein Papier nicht eingebracht, das bezeugt, dass ich hier lebe und arbeite und Geld verdiene. Warum das so gekommen ist, lasse ich außen vor, es ist nicht besonders wichtig, es war ein dummer Zufall, nicht mehr. Ich besitze seit mehr als anderthalb Jahrzehnten eine ständige Aufenthaltsgenehmigung in Russland, das zur Information. Das Interesssante kommt jetzt…

Die Ausländerbehörde schickte ein Protokoll über mein Verwaltungsvergehen an ein Bezirksgericht, wo ich auch akkurat am nächsten Tag, einem eisigen Wintermorgen im Februar, vorgeladen wurde. Da wurde mir aber nur erklärt, die Ausländerbehörde hätte das Protokoll an die falsche Adresse geschickt, und sie würden die „Sache“ nun an das zuständige Gericht weiterleiten.

So weit, so gut. Die russische Post ist bekannt für ihre „Superschnelligkeit“ – es brauchte dann etwa zehn bis X Tage, bis das Papier in dem anderen, zuständigen, Gericht angekommen war. Mehrere Anrufe dort erbrachten nichts. Rückruf an die Ausländerbehörde, Rennerei, Gespräche mit der (sehr netten, höflichen und verständnisvollen) Vorgesetzen ergaben – „Warten Sie!“

Ich wartete und wartete und wartete. Derweil bin ich auf dem Sprung zu einer längeren Auslandsreise durch halb Europa. Und natürlich wollte ich diese unangenehme und aus meiner Sicht völlig überflüssige Sache so schnell wie möglich aus der Welt schaffen.

Also habe ich heute beim Gericht angerufen und erfahren, dass die „Sache“ an die Ausländerbehörde zurückgeschickt wurde. Wegen „Formfehlern“, wie es hieß. Also rufe ich dort wieder an, und da stellt sich heraus, dass das Gericht einen Dolmetscher fordert, weil es daran zweifelt, dass ich „die russische Sprache beherrsche“. Da fiel mir erst einmal die Klappe herunter.

Woher sind die sich so sicher, dass eine Person, die hier knapp 25 Jahre lebt, einen Universitätsabschluss in Slawistik hat und seit Jahrzehnten als Übersetzerin und Dolmetscherin aus dem Russischen und ins Russische arbeitet, die Erzählungen und wissenschaftliche Artikel auf Russisch schreibt, die Sprache nicht beherrscht? Ich fühle mich veräppelt, um es nicht deutlicher auszudrücken.

Die nette Vorgesetzte in der Ausländerbehörde hat mich nun für den 1. April (kein Scherz, hoffe ich) einbestellt, um nochmals ein Protokoll aufzunehmen – und dann geht der Tanz von vorne los. Ich frage mich – wollen sie hier in diesem Land keine solidarischen Leute? Ich bin wirklich konsterniert und fasse es nicht. Sie vergraulen Menschen, die es mit ihnen nicht böse meinen. Die sich jahrzehntelang um eine gute Wende in diesem Land bemühen und tatkräftig dabei mithelfen.

Und noch kurz: Wie soll diese Verhandlung dann ablaufen? Da wird ein armer Dolmetscher sitzen, dem ich leider über den Mund fahren werde. Weil ich mich selbst verteidigen kann. Weil ich selbst alles vorbringen kann, was ich denke. Schade, dass es solche Dinge gibt, die mich immer mehr davon überzeugen, in diesem Land nicht weiter leben zu wollen. Denn solch eine Herangehensweise kann und will ich nicht länger ertragen.

Russland macht was falsch!

–Zitat Ende ——–

Von allen Deutschen die ich in St. Petersburg kenne liebt niemand diese Stadt so sehr wie Susanne, wenn Sie mal ernsthaftes Beziehungsproblem mit dem Land haben sollte nehme ich das Ernst. Ich frage mich wann wir Mitglieder der Redaktion des St. Petersburger Herold trotz ständigen Bemühen um Verständnis der russischen und europäischen Standpunkte gerade darum Probleme bekommen werden, weil wir nicht unreflektierten
Hurrapatriotismuss publizieren und uns bedingungslos auf eine Seite stellen?  Hoffen wir das Beste, in Russland muss mann mit allem Rechnen, auch damit das überraschend alles Gut wird.

Foto: Facebook

 

    Drucken       Email

Über den Autor

Herausgeber

4 Kommentare

  1. von Doepp sagt:

    „Susanne Brammerloh“ Das ist „vorauseilender Gehorsam“, hervorgerufen durch jahrhundnertealte Übung der Germanophobie, die auch jetzt noch gekannt ist. Abhilfe gibt es bislang nur dann wenn im Natschalstwo einer ein Machtwort spräche.

  2. Stummeier sagt:

    „Ha,ha,ha Durak Obama…. “ Mehr habe ich zu der Reaktion aus dem sogenannten Westen zur Angelegenheit mit der Krim nicht zu sagen….. die haben alle keine Ahnung von der Geschichte RUS -Ukr, habe selten einen Fuss auf russischen Boden gesetzt und reden nur dummes Zeug. Ich bin prorussisch eingestellt-und als Deutscher sicher eine Seltenheit, ja…. aber Putin hat schlau, vorausschauend und korrekt gehandelt.

  3. Stummeier sagt:

    Ich erlebe das auch jedes Jahr. Aber das schreckt mich nicht ab besonders ab. In Deutschland gibt es auch Stellen auf dem Amt wo man ewig wartet und es nicht weitergeht. Ich habe erst 12 Jahre zusammen und nicht soviel Jahre wie Susanne und mein russisch ist auch nicht so perfekt wie das von Susanne aber dennoch ich werde hier bleiben denn ich fühle mich hier „freier“ und weniger“gedrangseilt“ als im so tollen D….. wenn mich die Gesundheit nicht eines Tages dazu zwingen sollte…. Susanne nimms mit Gelassenheit und ein bisschen Gleichgültigkeit, es gibt immer mal wieder „Kotzbrocken“, es wird sich schon alles aufklären…. einfach nach dem Motto „Fsjo budit karascho“ ;-)

  4. Martin sagt:

    Das ist eben Bürokratie, gibts in Deutschland ebenso.

  5. Andreas sagt:

    Hallo,
    finde den Artikel ziemlich weltfremd von Frau Brammerloh die seit der Perestroika in Petersburg arbeitet und lebt.
    Wenn der deutsche Normalbürger sich bei einem Besuch in Russland jedes Mal auf einen Ovir stundenlang anstellen darf um sich zu registrieren oder andere Unannehmlichkeiten mit den Behörden hat ist das doch ganz normal in Russland. Sind so jedenfalls meine Erfahrungen.
    Wie hat Sie das dann die 20 Jahre nur aushalten können? „an einem eisigen Wintermorgen im Februar, vorgeladen wurde“. Willkommen in der Realität.
    Andreas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Russisches Agenten-Medien-Gesetz: Deutsche Welle vorerst nicht auf Liste

mehr…