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„König Ubju“ – satirisches Theater zwischen Brathähnchen und Doppeladler

Von   /  8. April 2016  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Das Petersburger „Theaterlaboratorium“ ist mit Alfred Jarrys „Ubu roi“ auf den Bühnen der Stadt unterwegs. Das Zweipersonenstück erzählt die groteske Geschichte des usurpierenden Pärchens Vater Ubu und Mama Ubu, die in ihrer Machtgier und Primitivität das eigene Volk aussaugen und verschlingen. Obschon Jarrys Stück im 19. Jahrhundert uraufgeführt wurde und zum „absurden Theater“ gezählt wird, entpuppt es sich in der russischen Version als köstliche und zugleich scharfe Satire auf die Geschichte und Gegenwart Russland.

„Nas rat! Nasrat!“ – „Wir sind viele! Es ist uns alles scheissegal!“ Mit diesem Motto, das als russische Entprechung des Originals „Merdre!“ („Schoiße“ oder „Schreisse“) eingesetzt wurde, beginnt das Spektakel des masslos gefrässigen, egozentrischen, verschlagenen und gleichzeitig unbeholfenen Herrscherpaars „Papascha Ubju“ (Pawel Lugowski) und „Mamascha Ubju“ (Oxana Swojskaja). Sie spielen die Geschichte vom Aufstieg, Niedergang und Abgang eines Usurpatorenpaars. Nicht zufällig wurde der ursprüngliche Name „Ubu“ ins russische „Ubju“ (Ich töte) umgemünzt.

Schuld an allem ist natürlich die Frau – Mamascha Ubju, die ihren Mann dazu anstiftet, mit Hilfe des Hauptmanns Bordure, den König Venceslas und seine Familie zu beseitigen und die Macht in Polen an sich zu reichen. Als bejubelter neuer Herrscher fällt ihm nichts anderes ein, als gleich die gesamte Staatselite zu ermorden und das Volk mit übermässigen Steuern zu tyrannisieren, die er höchstselbst eintreibt.

Schon ist die nächste Intrige geboren

Schon ist die nächste Intrige geboren: Der abtrünnige Hauptmann Bordure stachelt den russischen Zaren Alexis dazu an, Papascha Ubju zu stürzen. Während sich die Russen und Polen bekriegen, wird Mamascha Ubju vom rechtmässigen Thronerben Bougrelas gestürzt. Sie muss fliehen, krallt sich aber vorher die Staatskasse und schafft es, sich zusammen mit ihrem ebenfalls flüchtenden Gatten nach Frankreich zu retten. Bauernschläue und Feigheit haben einmal mehr gesiegt.

Neben der Skurilität von Sprache und Handlung kommt jene des ständigen Rollentauschs hinzu, denn das Paar spielt auch sämtliche übrige Rollen – jene ganzer Königsfamilien, ihren Garden und Armeen bis hin zu Verschwörern und dem Volk. Das artet in einer andauernden Umzieherei und hastigen Positionswechseln aus – einem Kasperltheater vor kicherndem Publikum.

Bitterböse Satire

Gleichzeitig spiegelt sich darin die Schizophrenität der Charaktere – den Abkömmlingen aus dem Volk, die kaum an der Macht dessen Bedürfnisse vergessen und es selber unterdrücken, aussaugen und auslöschen. Die Hassliebe eines Pärchens, das gleichzeitig mit Dummheit und genialem Spürsinn für Intrigen gesegnet ist und sich mal bekämpft, dann wieder wie Pech und Schwefel zusammenhält.

Faszinierend und in gleicher Weise auch frustrierend ist die Nähe zur russischen Geschichte. Der scheinbare Klamauk entpuppt sich als bitterböse Satire auf die herrschende Klasse, die während Jahrhunderten schamlos das eigene Volk missbraucht und ausgesaugt hat.

Über allem hängt das Brathänchen

Dabei bekommen sämtliche Herrscher ihr Stück ab – von den Zaren über Lenin, Stalin, Chruschtew, Breschnjew und schliesslich Putin und Medwedew, die als Bootsflüchtlinge mit dem Hilferuf „Germany good!“ ihre Haut retten wollen. Immer wieder wird man an die beliebte Puppensatire „Kukly“ erinnert, die in den Neunzigerjahren am russischen Fernsehen gezeigt wurde, bis man sie schliesslich verbot.

Über allem hängt am Ende unerreichbar jenes nackte Brathähnchen, das im Verlauf des Stücks symbolisch gefoltert, ausgenommen, verschlungen wurde und jetzt zum Sinnbild für alle Hoffnungen und Wünsche des Volks wurde – „The goose hangs high“.  Darunter steht der gackernde imperiale „Doppeladler“, den die beiden genialen Darsteller als Schlussbild inszenieren.

Satire im Grenzbereich zur Zensur

Die Produktion des Regisseurs Wadim Maximow bewegt sich in verschiedener Hinsicht im Grenzbereich zur Zensur. Nur schon wegen der russischen Schimpfsprache „Mat“, deren Anwendung heute in der Öffentlichkeit verboten ist, oder wegen der Verhöhnung von Staatssymbolen und -Vertretern könnte die Aufführung geschlossen werden. Darum tritt die kleine Truppe wohl auch mit „Stippvisiten“ in verschiedenen kleinen Bühnen der Stadt auf. Doch es gilt: Verbotene Früchte schmecken am süssesten!

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

Die nächste Aufführung: 15. April 2016 19.00, Teatr „Zech“, Konjuschenaja pl. 2. www.teatr-labor.info

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  • Veröffentlicht: 2 Jahren vor auf 8. April 2016
  • Von:
  • Zuletzt geändert: April 8, 2016 @ 9:04 am
  • Rubrik: Aktuell, Kultur

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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