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Jedes Kapitel ein Hotelzimmer – Janusz Leon Wiśniewski und sein neues Buch „Grand“

Von   /  11. September 2014  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Der polnische Schriftsteller weigerte sich zwar bei seinem Auftritt in der Petersburger Buchhandlung „Bokvoed“, über Politik zu sprechen, erwies sich aber dennoch als Brückenbauer zwischen Ost und West. Auch das Hotel „Grand“ im polnischen Badeort Sopot, in dem sich seine Liebesgeschichte abspielt, ist Treffpunkt der Weltprominenz aus Ost- und Westeuropa.

Der Saal, in der Grossbuchhandlung am Ligowski Prospekt war gerammelt voll. Alle erwarteten mit Spannung den Autoren, der in Russland bereits durch seinen Roman „Einsamkeit im Netz“ (2003) zu einer Legende geworden ist und begrüssten ihn mit begeistertem Applaus.

Gespräche mit dem Hotelzimmer

Als erstes erklärte Wiśniewski, warum er als Schauplatz für sein jüngstes Buch ein Hotel gewählt hat – das Fünfsternhotel „Grand“ im polnischen Badeort Sopot. In Hotels, sowie in Zugabteilen und Bars sprächen die Leute ganz anders miteinander und vertrauten einander Dinge an, die sie sonst niemandem sagen würden. Ganz einfach deshalb, weil sie damit rechneten, ihr Gegenüber niemals wiederzusehen, erklärte er.

Er selbst habe in mehr als 2000 verschiedenen Hotels übernachtet, und habe sich speziell für seine Recherchen inkognito im „Grand“ einquartiert, um die Menschen dort zu belauschen. Dabei sei es sehr wichtig gewesen, sich mit dem Zimmerpersonal zu unterhalten, weil diese Frauen oft ganz besondere Dinge zu erzählen wüssten. Auf diese Weise entstand eine Liebesgeschichte, in der sich jedes Kapitel in einem anderem Zimmer abspielt.

Pikante Gästeliste – von Hitler bis Putin

Bei seinen Nachforschungen stellte Wiśniewski eine pikante Gästeliste mit Stars und Sternchen aus Politik und Show-Business aus aller Welt zusammen. So gastierte zum Beispiel Hitler dort, nachdem Sopot 1939 als Teil der „Freien Stadt Danzig“ in die Hände der Deutschen gefallen war. Wiśniewski fand bei seinen Nachforschungen sogar eine Hotelrechnung des Führers.

Etwas später gastierte dort sein früherer Gegner Charles de Gaulle – bereits als Präsident von Frankreich. Sogar Wladimir Putin nächtigte im „Grand“ – laut Wiśniewski wurde für ihn eine ganze Etage gebucht und eigens für diesen Aufenthalt ein Bett mit spezieller Bettwäsche aufgestellt, das danach vernichtet wurde, damit keine DNA-Spuren des russischen Präsidenten übrigblieb.

Marlene Dietrich und Alla Pugatschewa

Aus dem Show-Business machten Figuren wie Marlene Dietrich, Shakira und Alla Pugatschewa das Hotel berühmt. Das „Grand“ ist eng verbunden mit dem jährlich stattfindenden Gesangsfestival Sopot, das in der nahe gelegenen Waldoper abgehalten wird und in der sozialistischen Ära seine grössten Erfolge feierte.

Wiśniewski weigerte sich ausdrücklich, zur aktuellen politischen Situation in der Ukraine Stellung zu nehmen. Er gab nur zum Ausdruck, dass er traurig sei über die Absage des polnischen Kulturjahrs 2015 in Russland. Gerade jetzt wären solche Veranstaltungen besonders wichtig, und eigentlich sei er dafür, dass jedes Jahr ein solches Festival in Russland stattfinden würde.

Neuverfilmung von „Einsamkeit im Netz“ geplant

Der 1954 in Toruń geborene Schriftsteller ist ursprünglich Wissenschaftler und arbeitet als Physiker und Chemie-Informatiker in Frankfurt am Main. Sein Buch „Einsamkeit im Netz“, das eine Liebesbeziehung per Internet in den Neunzigerjahren schildert, wurde bereits in zwanzig Sprachen übersetzt. Obschon er bereits seit fast dreissig Jahren in Deutschland lebt, sagt er, dass er alles dafür tun wolle, damit seine Bücher nicht ins Deutsche übersetzt werden, weil er dort weiterhin Forscher sein wolle und nicht Schriftsteller.

„Einsamkeit im Netz“ wurde 2006 vom polnischen Regisseur Witold Adamek verfilmt, doch zeigte sich Wiśniewski mit dem Ergebnis nicht zufrieden. An der Präsentation gab er bekannt, dass er soeben einen Vertrag mit dem staatlichen russischen Fernsehkanal „Rossia“ für eine Neuverfilmung abgeschlossen hat.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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