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Im SPA-Hotel neben dem Panzergraben. Ferientage an der estnisch-russischen Grenze

Von   /  18. September 2017  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

SPA-Ferien im estnischen Narva, nur wenige Autostunden von St. Petersburg zu machen – diese Idee hatten ich und meine Frau schon vor langer Zeit. Gewissermassen in den „Vorkriegsjahren“, vor dem neuen kalten Krieg zwischen Ost und West, dessen Beginn die Politologen bereits verkündet haben. Vor dem Krim-Schlamassel fuhren die Russen noch mit der grössten Selbstverständlichkeit in die baltischen Nachbarstaaten, und der Optimismus liessen einen sogar die punktuellen Gehässigkeiten auf beiden Seiten überhören.

In der Zwischenzeit sprechen dieselben Politologen bereits davon, man sei seit der Kubakrise noch nie so nahe an einem Atomkrieg gewesen wie heute. Tatsächlich sitzen mit Kim und Trump zwei seltene Narren am roten Knopf. Man verspottet sie und spürt gleichzeitig das Zittern in den Knien: Was, wenn einer von ihnen tatsächlich aus reiner Geltungssucht drückt?!

Gleichzeitig organisieren die NATO und die russische Armee gewaltige Manöver an der dünnen Nahtstelle, die mitten durch den Narva-Fluss führt. Eine einzige Brücke verbindet die beiden Ufer, die im russischen Iwangorod und in der estnischen Grenzstadt Narva durch zwei mächtige Festungen markiert werden.

Hier müsste es geradezu knistern, glaubt man den medialen Gruselgeschichten in Ost und West. Während auf der einen Seite Korruption und Menschenrechtsverstösse in Putins Reich gegeisselt werden, treten die russischen Staatsmedien die „Unterdrückung“ der russischen Minderheit, faschistische Tendenzen und Unmut gegenüber der EU im Baltikum breit. Aber im Gegensatz zum Medienkrieg, erweist sich die Wirklichkeit als geradezu banal. Routiniert und ohne die geringste Schikane werden wir von den GrenzerInnen abgefertigt.

Entlang der Uferstrasse, die zum Hotel führen, tobten 1944 monatelange Rückzugskämpfe der Wehrmacht gegen die Rote Armee. Wieviele Male wurden hier wohl die Soldaten durch den reissenden Fluss gejagt? Denkmäler aus der Sowjetzeit mit Panzern und roten Sternen geschmückt, markieren die Durchbruchsstellen. Diese sind übrigens herausgeputzt wie in Russland – ganz entgegen den Meldungen, im Westen würden die Ehrenmäler vernachlässigt.

Einerseits erstaunt es kaum, denn die Bevölkerung in dieser Gegend ist überwiegend russisch-stämmig. Andererseits ist keinerlei Unterdrückung der russischen Kultur durch die estnische Regierung zu spüren. Fast alle sprechen unverhohlen russisch, und trotz der politischen Krise ist das Kurhotel voller russischer Gäste. Viele Grenzgänger haben einen Teil ihrer Verwandtschaft „auf der anderen Seite“. Estnisch und Russisch existieren frei nebeneinander. Es gibt viel mehr Miteinander als Gegeneinander.

Beim Blick vom Hotel auf den dramatischen Abendhimmel und das glitzernde Meer darunter kommt es mir vor, als sässe ich im „Restaurant am Ende des Universums“ in Douglas Adams Fantasy-Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“. Dort wird den Gästen als Hauptattraktion zum Diner jeweils das dramatische „Ende der Welt“ als Reality-Show vorgespielt. Ich bete dafür, dass der menschliche Wahnsinn niemals der Fantasie dieses Autors gleichkommt.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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