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Im Sapsan mit Anna Karenina – eine Silvesterfahrt

Von   /  1. Februar 2013  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Sapsan, vorderster Wagen, Business-class – ich bin eingeladen, einmal ganz vorne zu fahren. Für mich ist es die erste Fahrt überhaupt im Sapsan. Dieser Schienenjet von Siemens hat Russland ein halbes Jahrhundert vorwärtskatapultiert. Schon einmal gab es das – im 19. Jahrhundert war es auch die Bahn, die Russland den verspäteten Fortschritt brachte. Auf derselben Strecke zwischen den beiden eifersüchtigen Schwestern Petersburg und Moskau – nur war die erstere damals Hauptstadt.

Noch im Sitzen schüttle ich den Kopf – der Zug gehört eindeutig ins 21. Jahrhundert, aber das Ritual mit der Billetkontrolle vor der Tür auf dem Perron ist zweifelsfrei 19. Jahrhundert. Unweigerlich kommt mir Tolstois Anna Karenina in den Sinn – die Szenen in der Eisenbahn und an den Bahnhöfen der Hauptstädte. Die Eisenbahn mag zwar bloss Kolorit sein in diesem Buch, aber ein wichtiger – und er ist das einzige, was mir in Erinnerung geblieben ist. Richtig: Am Moskauer Bahnhof begegnen sich Karenina und Vronski zum ersten Mal. Anna Kareninas Sprung vor den Zug in den Tod ist das Final ihrer Beziehung.

Mit leisem Rucken und Knarren fährt der Zug los – drei Stunden Geisterbahn liegen vor mir. Im Innern bietet der Zug für Westler nichts Neues  – wer schon im ICE oder TGV gesessen hat, findet sich problemlos zurecht. Grossraumkabine, harte Ledersessel – in der Businessclass mit Bedienungspersonal, Gratis-Wifi und warmer Mahlzeit, in der Holzklasse ohne Klimbim. Die meisten Fahrgäste verkriechen sich in ihr Ipad oder den Laptop.

In einen Schneeschleier gehüllt

Macht rausschauen überhaupt Sinn? Russische Landschaft ist grösstenteils öde. Endlose Weite, durch Birken abgesteckt. Dazu natürlich oft verkommen, die Strassen und Dörfer zurückgeblieben. Dazu ist der Zug in eine Schneewolke gehült – wie ein Schleier, der versteckt, was man nicht sehen soll.

Nur während der Minutenhalte, wie zum Beispiel in Twer bricht dann die russiche Rückständigkeit mit ganzer Wucht in den Wagen. Kulis mit zum Platzen gefüllten Plastiktaschen ziehen über den notdürftig vom Schnee geräumten Perron. Frauen in Kopftüchern und struppigen Pelzmänteln verstellen mit ihren riesigen verschnürten Ballen oder Schachteln die schmalen Gänge im Wagen. Dahinter die Kulisse der russischen Provinz – ein Supermarkt im Billigbau, windschiefe Bauernhäuser und Strommasten.

Nachgeschmack von russischem Salat „Olivier“

Weiter geht es durch die verschneite Pampa. Das leise Klopfen und Vibrieren in der Plastik-und Metallkonstruktion lässt einen die Reisegeschwindigkeit um die 200 Stundenkilometern nicht erahnen. Anna Karenina, diese unglückliche Liebe mit Kurzschluss am Schluss. Im Fernseher läuft der sowjetische Silvester-Klassiker „Ironie des Schicksals“ von Eldar Rjasanow und hinterlässt einen Nachgeschmack von russischem Salat „Olivier“, Siebzigerjahren und halbsüssem „Sowjetskoje Champanskoje“.

Einerseits langweilt der Film, weil viele seiner Textstellen mittlerweile zum Standardwortschatz gehören und zitiert werden. Andererseits zieht einen die Lehnsessel-Gemütlichkeit, die er verströmt, magisch an. Gesungene Gedichte von Jewtuschenko, Pasternak, Aibadulina und Zwetajewa mit Gitarrenbegleitung.

Das schlaue Moskau heiratet das schöngeistige Leningrad

Die Handlung des fast dreistündigen Streifens: Im Silvestersuff, besteigt ein Moskauer Arzt anstelle seines ebenso besoffenen Freundes aus der Banja den Flieger nach Leningrad. Nach der Landung erinnert er sich an nichts und lässt sich im Taxi „nach Hause“ fahren. Und weil der Strassenname in Leningrad ebenso identisch wie sein Moskauer Domizil, der Wohnblock, die Etage, die Wohnung und sogar der Wohnungsschlüssel und die Möblierung, legt er sich in seiner vermeintlichen Wohnung friedlich hin zum rausch-ausschlafen.

Erst die erschrockene Bewohnerin rüttelt ihn wach, und ist empört. Dann verlieben sie sich ineinander, lassen beide ihre Verlobten sitzen, und am Ende der charmanten und geistreiche Liebesgeschichte heiratet das schlaue Moskau das schöngeistige Leningrad. Obwohl sie ihre Partner sitzen lassen, geht die Geschichte ohne Irrsinn und Tod aus – nicht wie bei der Karenina. Sie wird durch den Sittenzwang vor die Schienen des einfahrenden Zuges getrieben – genauso wie sie es zuvor beim Selbstmord eines Mannes gesehen hat.

Anwohner bleiben auf der Strecke

Der Zug als Mörder. Er ist es auch heute noch – bis Ende 2012 gerieten nahe 50 Menschen unter seine Räder. Der Fortschritt rollt unbarmherzig, räumt Menschen und andere Züge aus dem Weg. An genügend Zugverbindungen, Fussgängerüberführungen und bewachte Bahnübergänge wird in Russland erst jetzt gedacht. Deswegen fliegen auch die Steine, statt ihn zu feiern, hasst man den „weissen Tod“.

Die Filmlänge ist ideal – schon liegen sich Andrei Mjachkow und Barbara Brylska in den Armen, als der Sapsan in den Leningrader Bahnhof einrollt. In der Silvesternacht leuchtet goldgelb ein Zuckerturm.

 

Sapsan-Dossier

Seit Dezember 2009 befinden sich acht Sapsan-Triebzüge im planmäßigen Verkehr in Russland. Der Hochgeschwindigkeitszug, der aus dem deutschen ICE entwickelt wurde, bietet insgesamt 604 Passagieren Platz, in der Businessklasse 104 und in der Touristenklasse: 500 Plätze.

Der erste Wagen eines zehnteiligen Triebzuges bietet 19 Sitze in der Premiumklasse sowie eine VIP-Lounge hinter dem Fahrerstand mit vier Sitzen an einem Tisch. Der zweite Wagen verfügt über 52 Sitze in der Businessklasse und einen Servicebereich. Die anderen acht Wagen halten je bis zu 66 Sitzplätze in der Touristenklasse bereit.

Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h benötigt der Zug rund 3 Stunden und 40 Minuten zwischen Moskau und Sankt Petersburg ohne Zwischenstopp bzw. bis zu 4 Stunden und 10 Minuten bei Zwischenstopps in Tschudowo, Okulowka, Bologoje, W. Wolotschek und Twer. Bislang betrug die Fahrtzeit für diese Strecke zwischen 4,5 und 8 Stunden. Nach weiterem Ausbau der Bahninfrastruktur werden hier Reisegeschwindigkeiten von über 300 km/h angestrebt.

Seit dem 30. Juli 2010[27] verkehren die Sapsan-Züge auch zwischen St. Petersburg und Nischni Nowgorod (über Moskau). Sie benötigen hierfür 8 Stunden und 5 Minuten. Die Mehrsystemzüge verkehren auf der bestehenden 442 Kilometer langen Strecke Moskau–Nischni Nowgorod zunächst mit einer Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h in 3 Stunden und 55 Minuten.

Die Züge werden häufig mit Steinen beworfen. Als Ursache gilt der Umstand, dass das Verkehrsangebot und Fahrzeiten auf verschiedenen Vorortlinien für den Betrieb des Hochgeschwindigkeitszugs eingeschränkt wurden. Pro Jahr werden infolgedessen bis zu 150 Fensterscheiben im Betriebswerk getauscht.

Da es bisher zu wenig Bahnübergänge gibt, kommt es immer wieder zu tödlichen Unfällen. Die Bevölkerung ist es vielerorts gewohnt, die Bahnstrecke „wild“ zu überqueren, wird aber von der hohen Geschwindigkeit des Sapsan überrascht. (Wikipedia/eva)

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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