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Im Nerz unter Palmen – Russen auf Zypern

Von   /  2. Mai 2009  /  2 Kommentare

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Von Eugen von Arb

Es ist, als ob das Schwarze Meer einmal kräftig über den Bosporus geschwappt wäre und eine ganze Provinz Russlands mitgeschwemmt hätte. Im Mai während der Sieges-Festtage reisen die Russen in rauen Mengen nach Zypern. Zwischen Larnaka und Limassol hat man sich darauf eingestellt – unter das Griechisch und Englisch hat sich als heimliche dritte Landessprache Russisch gemischt, von der Speisekarte bis zum Hinweis auf die Toilette.

Es wimmelt von russischen Spezialitätenläden, Immobilienbüros, Buchhandlungen und absurderweise auch Pelzgeschäften. Russen aus allen Bereichen tummeln sich hier: Touristen, Reiseführer, Geschäftsleute, Fremdarbeiter, politische Flüchtlinge, Priester, Pilger und Prostituierte. Die wachsende Gemeinde macht mittlerweile acht Prozent der rund 800.000 Inselbewohner aus, besitzt ein eigenes Radio und eigene Kirchen. Man könnte meinen, man sei in Sotschi gelandet – bis man am nächsten Fußgängerstreifen in die Wirklichkeit zurückgerissen wird, wo einen der angelsächsische Linksverkehr um ein Haar überrollt.

Reisen in der Herde – die Intouristgeneration ist es gewohnt

Russen auf ZypernErster Ferientag: Beim Empfang eines Limassoler Mittelklassehotels hat sich eine russische Reisegruppe zum Treffen mit ihrer Agentin versammelt. Bereits gibt es die ersten Beschwerden: Im „Caravel“ ist der Pool eine Baugrube und das Frühstück zum Weinen. Außerdem war der Hinflug ohne Mahlzeit – für Russen ein ernstes Problem. In der Fremde zu verhungern oder zu verdursten wäre für sie das denkbar Schlimmste. Am besten waren jene dran, die wie üblich mit gekochten Eiern und Brathähnchen in den Flieger gestiegen sind.

Vor allem Junge beschweren sich, die Sowjetgeneration, noch abgehärtet durch beschwerliches Intourist-Reisen, schweigt. Die Reaktion der Agentin könnte russischer nicht sein: Ihr Unternehmen habe mit der Fluggesellschaft im Prinzip nichts zu tun – man solle sich doch bitte direkt an die Airline wenden. Punkt. Dann beginnt sie, ihre Ein- bis Dreitagetrips nach Syrien, Ägypten und Israel vorzustellen, ständig unterbrochen durch ihr Handy, das Mozarts Türkischen Marsch spielt.

Die Zyprioten – Hüter des wahren Glaubens

Dritter Ferientag: Grandtour – eine Tagesfahrt durch das Inselinnere steht bevor. Schon beim Anfahren werden die Gäste aus Moskau, Minsk und Petersburg in das vertraute russische Verkehrs-Feeling versetzt – der Chauffeur fährt wie ein Henker, und bei jeder Bodenwelle geht der Bus tief in die Knie. Während die Reiseführerin den Mikrofonstecker sucht, brettert der Bus in Richtung Berge. Besonderes Interesse finden ihre Ausführungen zum Basiseinkommen zypriotischer Staatsangestellter (1500 Euro) und zur Dichte des Automobilverkehrs (2,5 Autos pro Kopf!). Man ist beeindruckt – die Zyprioten haben es zu was gebracht!

Russen auf ZypernAndächtig still wird es als die Religionsgeschichte Zyperns zur Sprache kommt. Während des Bildersturms und dem Einfall der Osmanen überlebten unzählige Ikonen in zypriotischen Bergklostern. Die Zyprioten gehören wie die Russen der orthodoxen Kirche an und fühlen sich als Hüter des wahren christlichen Glaubens. Back to the roots!  Solch gemeinsames Erbe verpflichtet, und im Kloster Kikkos marschiert das gesamte Buskollektiv solidarisch zum Altar, um sich vor der Gottesmutter zu verbeugen.

Lockere Sitten

Nur die lockeren Sitten der Griechisch-orthodoxen irritieren die russischen Glaubensbrüder: Während der Gottesdienste ist Sitzen erlaubt, Frauen kommen ohne Kopfbedeckung in die Kirche und sogar Moslems wird der Zugang zu Heil bringenden Reliquien erlaubt. Es bleiben noch fünf Minuten für den Kauf einer Mini-Ikone im Kloster-Shop, dann geht die Berg- und Talfahrt durchs karge Hügelland weiter. Von der Aussicht hat man leider nicht viel, der Blick auf die britischen Abhöranlagen und auf die türkisch besetzte Inselhälfte werden vom Nebel versperrt. Als die abschließende Degustation des süßen Comanderia-Weins ansteht, ist den meisten übel. Nur noch das Pärchen aus Minsk ist guter Laune – beide sind schon angetrunken.

Lügen von Sonnenschirm zu Sonnenschirm

Russen auf ZypernFünfter Ferientag: Baden, Bräunen, Baden, Bräunen. Nur wer krebsrot gebrannt ist, hat als Russe sein Soll erfüllt, denn es ist in der Heimat der beste Beweis dafür, dass man die Ferien wirklich im Süden und nicht einfach auf der Datscha verbracht hat. Viel einfacher ist das Schummeln, was Ausflüge und Restaurantbesuche anbetrifft. Was man sich da gegenseitig von Sonnenschirm zu Sonnenschirm vorlügt, kennt keine Grenzen.

Von Schlemmereien in Tavernen ist da etwa die Rede – dabei verpflegt sich die Hälfte der Leute im Supermarkt. Die Papierkörbe am Strand sind voller Konfitüre- und Butterpapierchen. „Wer Esswaren vom Frühstückstisch wegträgt, zahlt zwei Pfund Strafe!“ verkündet ein Zettel im Hotellift in krakeligem Russisch. Auch die Qualität der hiesigen Strände ist ein Thema. Für erfahrene Reisende liegt Zypern zwar vor der Krim, aber auch klar hinter der Türkei und Ägypten. Nicht nur der Sand ist hier grau, statt weiß, sondern das Land ist den Russen eindeutig zu teuer.

Vor dem Abschied werden die letzten „Funtiki“ realisiert

Zehnter Reisetag: Spätestens  beim Schlangenstehen am Flughafen Larnaca wird jedem Russen klar, dass es wieder heimwärts geht. Die letzten „Funtiki“, wie das zypriotische Pfund liebevoll genannt wird, werden am Kiosk realisiert. Dann zieht die gesamte Kolonne folgsam durch die Passkontrolle. Die Stempel knallen aufs Visum, während der Schalter „For EU-Countries daneben leer steht. Auf dem Weg zum Flieger fragt plötzlich einer, warum das „Follow Me“ – Auto wohl hinter, statt vor dem Bus fahre. „Die achten wahrscheinlich darauf, dass keiner von uns hier bleibt!“ Antwortet sein Gegenüber ironisch.

(Archiv EvA 2007)

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. eva sagt:

    Richtig – der Artikel entstand 2007, der Archiv-Hinweis ist beim Kopieren rausgefallen. Jetzt steht er drin. Danke für den Hinweis!

    EvA

  2. Elke Ziese sagt:

    Hallo von Zypern, wo haben die russischen Touristen denn mit Pfund=Funtiki gezahlt? Wir haben seit 1.1.2008 den Euro…

    MfG
    E.Z.

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