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Hundeleben: Obdachlose Tiere sind in Russland oft brutalen Jägern und Geschäftemachern ausgeliefert

Von   /  6. Februar 2009  /  21 Kommentare

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Tierschutz ist in Russland Privatsache, weil es an wirksamen Gesetzen und bei vielen Menschen an Bewusstsein für einen sorgsamen Umgang mit Natur und Umwelt fehlt. Doch die „Einzelkämpfer“ gehen entschlossen vor und haben in der Stadt bereits einige Erfolge erzielt – zum Beispiel im Kampf gegen die so genannten „Korobotschniki“, auf Deutsch „Schachtel-Bettler“.

Von Eugen von Arb

Wer hat sie nicht schon gesehen – Männer und Frauen, die am Newski Prospekt oder an einer der Petersburger Metrostationen mit einer Schachtel voller süsser kleiner Katzen oder Hunde sitzen und um Geld für Futter bitten. Vor allem für Besucher aus dem Ausland sind die Tiere ein ebenso ungewohntes wie auch bestechendes Bild, und sie spenden gerne etwas in die Futter-Kasse.

Auch viele russische Passanten wollen helfen, ja manche tragen sogar obdachlose Katzen zu den Bettlern, weil diese ihnen versprechen, sie hätten es gut bei ihnen. Doch so gut gemeint ihre Tat auch ist, so naiv ist sie in Wirklichkeit. Denn hinter den scheinbar gutherzigen „Tiereltern“ verbirgt sich eine gut organisierte und skrupellose Bettlermafia, die alles Geld für sich behält und die Tiere qualvoll verhungern und verdursten lässt.

Die Polizei kommt – oder auch nicht

Zwar wurden schon einige Bettler-Stützpunkte in Aufsehen erregenden Aktionen ausgehoben, wobei man Hunderte vertrockneter Leichen verendeter Tiere entdeckte. Doch können sie immer noch vielerorts ungestört Geld sammeln. Die Petersburgerin Lubov Scharganowa ist eine von vielen Tierschützern, die sich gegen diese Gleichgültigkeit wehren. „Wenn ich solche Bettler sehe, versuche ich, die Polizei herbei zu rufen. Die Reaktionen sind sehr verschieden – manchmal kommen Polizisten, die bereit sind, zu helfen, manchmal kommt einfach niemand,“ erzählt Scharganowa.

„Das Wichtigste ist eigentlich, dass man hartnäckig bleibt – dann hat man Erfolg. Zum Beispiel gab es früher in der Metro relativ viele „Korobotschniki“, aber heute sind sie fast verschwunden, weil das Metro-Personal informiert ist und darauf achtet.“ Sind die Tiere erst einmal gerettet, ergeben sich sofort neue Probleme – die Tiere sind oft krank und unterernährt und müssen ein neues Zuhause haben. Auch hier ist Lubov Scharganowa, mit viel Leidenschaft und Ausdauer am Werk, sucht nach Frauchen und Herrchen für heimatlose Tiere füttert Strassenkatzen und sammelt Geld für ihre Behandlung.

Entdeckte erst als Erwachsene ihre Tierliebe

Dabei ist sie keineswegs als grosse Tierfreundin geboren, wie selber eingesteht. „Ich hatte in meiner Jugend keine besondere Beziehung zu Tieren – erst mit rund zwanzig Jahren erlebte ich bei Freunden, wie gut es ist Tiere zu haben“, erzählt sie. Seit sechs Jahren wohnt auch in ihrer Wohnung eine imposante schwarze Katze – Mathilda, und vor einem Jahr kam eine zweite mit Namen Lisa dazu. „Tiere sind besser als Menschen“, erklärt sie überzeugt. „Die Menschen können ihr Schicksal viel mehr selbst bestimmen, Tiere hingegen haben keine Wahl und sind den Menschen ausgeliefert.“

Während eines mehrmonatigen Aufenthalts in Deutschland begann sich die junge Musiklehrerin mit Tierschutz zu beschäftigen. „Dort wird sehr viel für die Tiere getan, und der Tierschutz ist sehr gut organisiert und in der Gesellschaft verankert. In Russland hingegen gibt es keine Gesetze gegen Tierquälerei – erst wenn ein Tier tot ist, kann die Polizei einschreiten“, vergleicht sie.

„Für viele Russen sind Tiere nur ein Problem, weil sie meinen, dass sie Schmutz und Krankheiten mit sich bringen – dabei produziert der Mensch viel mehr Dreck!“ Darum, so meint sie, seien hier viele Menschen grob und grausam zu Tieren. Zum Beispiel sammle sie jetzt Geld für die Operation einer Katze, die von ihren Besitzern einfach aus dem sechsten Stock auf die Strasse geworfen worden sei. „In Deutschland würde diese Leute sofort verklagt – hier gibt es keine Gesetze.“

Herrenlose Hunde werden erschossen und vergiftet

Leider könne man nicht allen Tieren helfen, meint sie traurig. Dabei gäbe es noch soviele Probleme, zum Beispiel die Jagd auf herrenlose Hunde, die per Detilin-Ampullen umgebracht werden. Die Stadt Petersburg hat zwar mittlerweile ein Moratorium gegen diese qualvolle Tötungsweise verhängt und ein Sterilisierungsprogramm für 43 Millionen Rubel (umgerechnet rund eine Million Euro) angekurbelt, doch jenseits der Stadtgrenze ist es weiterhin erlaubt. „Oft erschiessen die Leute solche Hunde einfach, und lassen sogar ihre Kinder dabei zuschauen“, erzählt sie. „Solche Menschen betrachte ich als meine persönlichen Feinde!“

Viele Tiere sterben auch in so genannten „Tierheimen“, wo sie von ihren Besitzern gegen Entgelt abgegeben werden und statt einem Tierparadies die Hölle in schmutzigen Zwingern und Käfigen erwartet. Gemeinsam mit der Polizei und Journalisten hat sie schon einige solcher „Heime“ aufgespürt, aber den Besitzern gelingt es immer wieder, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen – zum Beispiel mit Gutachten bestochener Tierärzte. „Leider können wir immer nur kleine Erfolge erzielen“, meint Scharganowa, „uns will einfach niemand hören.“ Doch aus ihrer Stimme ist keinerlei Resignation zu hören – schon arbeitet sie gemeinsam mit ihren Kollegen an einer Eingabe an die Gouverneurin zur Einführung eines Tierschutzgesetzes.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

21 Kommentare

  1. mm sagt:

    Ich gebe Ihnen in sofern recht, das man bei den Menschen anfangen muss wenn man den Tieren helfen will. Ansonsten muss ich nochmal betonen.

    1. Wir kümmern uns um unserer Katzen und Hunde – als Deutsche in Russland halte ich die Aufmerksamkeit die Haustiere in Russland geniessen sogar manchmal für recht übertrieben.

    2. Die Rudel sind da und machen Angst und sie beissen auch Menschen.

    3. Zitat „Mit jammern und beschweren kommt man im Leben nicht weiter“ oops habe ich was falsch verstanden – wer jammert den hier ? Ich stell lediglich fest das die Hunde da sind und nicht so ungefährlich sind wie sie behaupten.

    4. Alkoholismuss ist mindestens so eine schlimme Krankheit wie einseitig Menschen zu gunsten von Tieren zu verunglimpfen – und es hilft eben weder dem Einen noch dem Anderen. Hier aber in die ewig Kerb der allzeit besoffenen Russen zu klopfen zeigt von durch aus zu machender Erfahrung aber eben auch von einer einseitigen Sichtweise – Für sie sind wohl alle Menschen schlecht die sich nicht ad hoc und bedingunslos Ihrem Wunschdenken anschliessen.

    5. Das öffentliche Gelder nicht dort ankommen wo sie sollen ist sogar in Deutschland nichts ungewöhnliches wenn auch hier jedoch weiter verbreitet.

    Soweit wir das im russischen Fernsehen verfolgen können werden die Hunde statt dessen mit Kopfprämien abgeschossen oder landen gar in den Töpfen von Suppenküchen.

    Aber daraus von auf den Charakter einer Nationalität zu schliessen ist falsch. Nehmen wir doch mal 2 Skandale – Glykol im Wein und Gammelfleisch – alles „besoffene Deutsche Schnapstrinker und Abzocker ohne Gewissen“ Menschen die sie sicher nicht als Ihre Repräsentanten im Ausland sehen wollen – oder ?
    Also bei aller Tierliebe nicht übers Ziel hinausschiessen bitte.

  2. irmgard sagt:

    Wir arbeiten nicht aus der Ferne,sondern vor Ort! Wenige Geschäftemacher-da muss ich aber mal laut lachen!
    Sie können mir nicht erzählen,dass Alkohol in Russland nur eine untergeordnete Rolle spielt.Der sogenannte Tierhiem-Leiter,dessen Tierasyl wir mit drei rus.. Tierschützerinnen zusammen in Moskau betreuen,steht ständig unter dem Einfluß von Vodka und quält dann die ihm anvertrauten Tiere.
    Dass es sehr tierliebe Menschen gibt,ist uns auch hinreichend bekannt,aber das ist nicht ausreichend.
    Es ist ja noch nicht einmal möglich durch Anzeigen in großen russ. Zeitungen,Flugpaten zu bekommen. In den speziellen russ. Foren werden wir nur auf´s Übelste beschimpft.
    Allen voran die sogn. Deutsch-Russen,die hier in DE leben.
    Es gibt leider nur sehr wenige Deutsche Tierschützer die sich in Russland engagieren,darüber sollte man sich freuen und auch nach Möglichkeit unterstützen.

    Dass sich die Rudel untereinander bekämpfen liegt in der Natur der Sache,da man sein Revier verteidigt.
    Wenn man keine Kastrations-und Impfaktionen seitens der Behörden vornimmt und die Bevölkerung nicht aufklärt ,allen voran die Kinder, dann wird das Problem auf Dauer nicht zu lösen sein.
    In Moskau wurde ja vor Jahren mal 70 Millionen Rubel für Kastrationsaktionen zur Verfügung gestellt-leider ist das Geld in dunklen Kanälen verschwunden.
    Aber das ist leider kein spezifisches Problem ,welches nur in Russland auftritt,da geht es in Spanien,Italien etc. nicht besser zu.

    Kümmert Euch in Russland um Eure Hunde und Katzen und andere Lebewesen,dann verschwindet auch das Problem mit den gelegentlich angreifenden Hunderudel.
    Mit jammern und beschweren kommt man im Leben nicht weiter.

  3. mm sagt:

    Ha aus der ferne Betrachtet kann mann das natürlich schon so sehen. Ich wohne in 50m höhe in einem Wohnturm und kann mir jeden Abend Ansehen wie die verfeindeten Rudel sich unten balgen. Und mit Ihrem Vorurteil bezüglich Alkohol- die Menschen hier sind extrem Tierlieb, füttern die Katzen und Hunde wo sie nur koennen. Das wenige daraus ein Geschäft machen ist leider auch wahr. Aber das mann vor den Hunderudel keine Angst haben muss ist leider unwahr und entspricht ihrem Wunschdenken.

  4. irmgard sagt:

    Leider gibt es sehr wenig Unterstützung für die russ. Tierschützer.Wir versuchen es in Vyborg und St.Petersburg und Moskau mit unserer Organisation etwas die Not der Tiere zu lindern.Leider stoßen wir bei vielen Russen- die in Deutschland leben- auf Unverständis.Durch diese Ignoranz ist diese Population der Straßenhunde erst entstanden.
    Man wirft die Hunde einfach auf die Straße wenn man keine Lust mehr hat sie ordentlich zu versorgen oder wenn sie alt und krank sind.. Kastrieren läßt man die eigenen Hunde nicht.
    Die Behörden sind ebenfalls sehr wenig interessiert Tierquäler zu bestrafen-man erläßt lieber mal wieder Gesetze,die die Erschießung und Tötung noch fördern-wie jetzt in Moskau geschehen.
    Die Behörden,manche Tierheime und Tierärzte verdienen ja mit an dem Elend der Tiere,es herrschen- wie in Italien- mafiöse Strukturen.Die Hunde werden auch gerne an Versuchslabore für ein paar Rubel verkauft.Im Winter macht man auch gerne ein Pelzmantel aus den Hundefellen.
    Die Mähr,dass obdachlose Hunderudel Menschen angreifen, hält sich sehr hartnäckig in Russland,damit kann man wunderbar sein Desinteresse und Tatenlosigkeit dahinter versteckenSelbst wenn es vorkommen sollte,wer hat es denn letztendlich zu verantworten-die Bestie Mensch! Gebt den Hunden ein Zuhause und Essen und behandelt sie respektvoll,dann gibt es auch kein Problem mit den Straßenhunden.
    Vielleicht mal ein bisschen weniger Vodka kaufen und dafür die Hunde ordentlich versorgen.

  5. dunai sagt:

    was kan man da machen?! bin aus Russland und kenne die Fälle alls die abdachlose Hünde Leute,
    angreifen. es war brutal!

  6. Tina sagt:

    Tierquälern sollte genau das Gleiche wiederfahren, wie das, was sie den ehrlichen Lebewesen, den Tieren, antun. Ich bin selber im Tierschutz und musste leider feststellen, dass viele nur klug reden oder bemitleiden. Doch davon ist den Tieren nicht geholfen!!! Schreibt Rundmails, holt Spenden ein, gibt Tieren ein zu Hause. DANN, erst dann darf man behaupten ein Herz für Tiere zu haben.

  7. Angi sagt:

    wenn es doch noch mehr gute menschen gäbe, die nicht einfach wegschauen…

  8. Denise sagt:

    Ich hoffe, dass sich noch mehr Menschen für unsere vierbeinigen Freunde einsetzen und andere zum umdenken bewegen können.
    weiterhin viel Erfolg

  9. eve sagt:

    Danke Frau Scharganova das sie sich so für die HUNDE und KATZEN einsetzen ich wünsch ihn alles gute das und viel Erfolg

  10. Rainer Schmitz sagt:

    Gut das es Menschen wie Frau Scharganova gibt.
    Ich wünsche ihr viel Erfolg bei ihrer wichtigen Arbeit.

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