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Hochzeit auf dem Wasser oder auf dem Dach – wo junge Petersburgerinnen und Petersburger sich das Ja-Wort geben

Von   /  21. September 2011  /  Keine Kommentare

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Von Anna Smolyarowa

Eine typische Hochzeit im heutigen Russland kann man mit dem amerikanischen Konzept “big white wedding” vergleichen, die seit der Sowjetzeit auch hier Tradition haben. Einerseits gilt eine Hochzeit bis jetzt als sehr wichtiges soziales Ereignis, das einen gehobenen gesellschaftlichen Status zeigen soll. Dazu dienen ein schickes Brautkleid, ein Limousine für Freunde, ein Festessen im Restaurant für alle Verwandten.

Anderseits sind Standesamt oder „Heiratspalast“ und nicht die Kirche die wichtigste Orten für die Heirat geblieben, weil eine Eheschließung in der Sowjetunion vor allem eine standesamtliche Trauung war. Was ist aber eine typische Petersburger Hochzeit und wo geht sie über die Bühne? Meist finden Trauung und Photosession im historischen Zentrum der Stadt statt. Außer den üblichen Standesämtern kann man aus vier Hochzeitspalästen auswählen. Bekannt ist der erste Palast am Newaufer, wo das Interieur besonders prunkvoll und luxuriös ist.

„Fotostützpunkte“ verändern sich mit der Zeit

Es gibt eine breite Auswahl von Plätzen für ein Fotoshooting. Jungvermählte fahren mit Freunden oder mit einigen nahen Verwandten zur Peter-Paul-Festung, zur Ostspitze (Strelka) der Wassiljewski-Insel mit den Rostrasäulen oder zu einem von zwei Plätzen mit den Springbrunnen – dem Moskauer Platz und Lenin-Platz (vor dem Finnischen Bahnhof). Diese „Fotostützpunkte“ haben sich mit der Zeit verändert – vor einigen Jahren hatten alle Jungvermählte den Ehernen Reiter besucht bis das Parken in der Nähe des Senat-Platzes verboten wurde. Jetzt sind weiße Brautkleider dort seltener zu sehen, wenn sich die Russen auch dank Parken mit Pannenblinker am Strassenrand zu helfen wissen. “Sehr populär war das Marsfeld – alle meine Bekannten und ich selbst ließen uns an der “Ewige Flamme” fotografieren”, erinnert sich 60-jährige Anna Wladislawowna.

Hochzeitsfest bei der Festung Kronstadt

Wie auch in der Literatur, gibt es für Hochzeiten im Venedig des Nordens eine Parade- und eine Kehrseite des imperialen Petersburg. Je weiter weg vom historischen Zentrum, desto populärer wird die Stadt für Fotoshootings. Industriearchitektur, wie zum Beispiel das Gummiwarenwerk “Rote Dreieck”, zieht viele Brautpaare an. In Sankt-Petersburg macht man Hochzeiten immer öfter am oder auf dem Wasser – man fährt auf den Finnischen Meerbusen hinaus. Im Sommer kann auch Feier auf die Strände der Festungswerke in Kronstadt spielen.

Mit einem Adrenalinschub ins Eheglück

Für manche darf es durchaus etwas Spezielles sein: Wer  keine Angst vor der Höhe hat, kann einen Gang auf den Dächern bestellen – dafür gibt es Ausflugsbüros, die speziell  geöffnete und saubere Dächer finden, wo man sich fotografieren kann und fühlt, wie das Adrenalin im Blut pulsiert. Ein Picknick unter dem Himmel kann etwa 6000 Rubel kosten (ohne Essen). “Ich suchte nach einen ganz ungewöhnlichen Platz, wo wir noch niemals waren”, sagt der 22-jährige Michail. “Ich glaube, das ist ein tolles Abenteuer, an das wir uns obligatorisch lange Zeit erinnern und um das uns viele beneiden!”

Ein Pop-Star als Tafelmayor

In der letzten Jahren tauchte eine weitere Möglichkeit auf – eine Trauung im Rahmen eines eigenen Events nachdem die der Akt auf dem Standesamt bereits vollzogen wurde – zu zweit, ohne Verwandten und wenn es passend ist. Dann wird eine besondere Zeremonie organisiert, bei der, zum Beispiel, der beste Freund oder eingeladener Pop-Star eine kurze Ansprache hält. Diese Zeremonie kann irgendwo in der Stadt stattfinden, zum Beispiel auf Elagin Insel, in Peterhof zwischen den Springbrunnen – der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt.

„Verloren ist das Schlüsselein“ ein Vorhängeschloss an der Kussbrücke

Zu einer Petersburger Tradition ist mittlerweile ein Besuch der “Kußbrücke” geworden – eine Brücke direkt neben der Blutskirche. Heute steht neben der  Brücke ein Metallgitter, wo ein Vorhängeschloss neben dem andern hängt – als Talisman für die Jungvermählten und zum Zeichen, dass sie nie sich trennen  wollen. Aber auch das ist keine Garantie für ein glückliches Eheleben –  “Unseres unvorhersehbares Wetter macht jede Hochzeit besonders peterburgisch. Während die Braut sich zum Auftritt vorbereitet, kann das Wetter sich dreimal verändern und tüchtig an den Nerven zerren – so wie im Leben”, sagt die 24-jährige Katerina.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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