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Hassliebe Russland-Finnland: Streit um das Mannerheim-Denkmal

Von   /  9. September 2016  /  4 Kommentare

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Von Eugen von Arb

Während der Ukraine-Krise haben sich Russlands Beziehungen zu vielen Nachbarstaaten schlagartig verschlechtert. Eine grosse Ausnahme ist das kleine Finnland, dem es dank entschlossenem Widerstand einerseits und geschicktem Taktieren andererseits gelungen ist, ein weitgehend normales Verhältnis zu seinem grossen Nachbarn bewahren.

Zu verdanken sind die gutnachbarlichen Beziehungen vor allem einer Figur – dem Staatspräsidenten und General Carl Gustaf Emil Mannerheim (1867-1951). Ihm gelang es mit viel Weitsicht, Verhandlungsgeschick und einer bisweilen harten Hand, die Unabhängigkeit seines Landes durch zwei Kriege zu retten, ohne zwischen den ideologischen Blöcken aufgerieben zu werden.

Dies war nur nur möglich, weil er die Russen kannte, denn vor der Oktoberrevolution und Finnlands Unabhängigkeit von Russland durchlief Mannerheim in St. Petersburg eine militärische Ausbildung und kämpfte während des ersten Weltkriegs auf der Seite Russlands.

Dies und seine brilliante Rolle als politischer und militärischer Führer brachte ihm auch auf russischer Seite viele Verehrer ein, zu denen unter anderen der russische Kulturminister Wladimir Medinsky gehört. Dieser enthüllte im vergangenen Juni zusammen mit dem Leiter der Präsidentenadministration Sergei Iwanow eine Gedenktafel an der Petersburger Militärhochschule, die Mannerheim absolvierte.

Ein ungewöhnlicher Akt in einer ungewöhnlichen Zeit, denn bei aller Freundschaft hat sich Finnland während der Ukraine-Krise deutlich zur Position des Westens bekannt und spricht zeitweise sogar von einem möglichen Nato-Beitritt. Daher gehört es für viele Russen zum feindlichen Lager, und der Protest gegen das Mannerheim-Denkmal blieb nicht aus.

Allen voran liefen die Kommunisten und die nationalistische Bewegung „Anderes Russland“ gegen die Tafel Sturm. Noch immer nehmen sie Mannerheim seine Rolle im von Russland provozierten Winterkrieg 1939/40 und seinen Pakt mit Hitlerdeutschland übel, mit dem Finnland 1941 gemeinsam die Sowjetunion überfiel.

Dreimal wurde die Gedenktafel mit dem „Faschisten“ Mannerheim seither mit roter Farbe bespritzt – erst beim letzten Mal wurde ein Aktivist von „Anderes Russland“. Doch die Tafel hängt immer noch dort. Mittlerweile konnten die Gegner sogar beweisen, dass das Denkmal ohne jegliche behördliche Genehmigung montiert wurde und fordern seine sofortige Entfernung.

Doch bei den Nachforschungen stellte sich gleichzeitig heraus, dass die Militärschule, an dessen Wand Mannerheim in Bronze glänzt, ein föderales Subjekt ist, für das die Regierung in Moskau und nicht die Stadt Petersburg zuständig ist. Damit biss sich die russische Bürokratie wieder einmal in den eigenen Schwanz – und bewahrte das Relief bis auf weiteres vor der Demontage.

Dies und die Tatsache, dass der Kulturminister plant, eine Reihe wissenschaftlicher Aufsätze über Mannerheim zu veröffentlichen, lassen die Chancen auf einen Verbleib des Denkmals deutlich steigen. Und während die Russen leidenschaftlich diskutieren, blickt der legendäre Feldherr zuversichtlich über den kleinen irdischen Streit hinweg in die Zukunft.

Bild: Eugen von Arb/SPB-Herold

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Der sowjetisch-finnische Winterkrieg 1939/40

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

4 Kommentare

  1. Danke für Ihre Ergänzung. Ich glaube allerdings kaum, dass Finnlands „edles“ Verhalten vor Leningrad Mannerheim vor einer Anklage als Kriegsverbrecher geschützt hat. Stalin hätte ihn bestimmt gerne am Galgen gesehen. Die Finnen, haben ihre Haut 1944 wiederum sehr geschickt durch den Separatfrieden mit der Sowjetunion gerettet. Darin wurden sie unter anderem dazu verpflichtet, die Deutschen aus Lappland zu vertreiben. Das entlastete die russische Front, und Finnland, bzw. Mannerheim konnte auf diese Weise das Gesicht wahren und sich aus der Rolle der Täter und Kriegsverlierer retten.

  2. John Anderson sagt:

    Der Durchschnittsrusse hat bestimmt keine Ahnung von finnischen Gefangenenlagern 1918 – es handelt sich ja um eine rein finnische Angelegenheit, und zur selben Zeit ereignete sich in Russland unvergleichlich dramatischere Sachen.

    Der eigentliche Grund, warum das Denkmal von vielen Russen abgelehnt wird, wurde seltsamerweise im Artikel gar nicht erwähnt. Es geht da um die Belagerung von Leningrad 1941-44, eine der ikonischen Ereignisse während des „Großen Vaterländischen Krieges“. Die finnische Armee war für den nördlichen Teil des Belagerungsrings zuständig, und heutige Mannerheimgegner betrachten den finnischen Oberbefehlshaber als teilverantwortlich für den Tod einer Million Menschen in der belagerten Stadt.

    Dabei wird aber vergessen, dass Mannerheim die finnischen Streitkräfte nur bis zur alten finnisch-sowjetischen Grenze vorrücken ließ. Dadurch entstand nördlich der Stadt eine etwa 30 km breite friedliche Zone, die bestimmt dazu beigetragen hat, dass so viele trotz allem überleben konnten. Dieser Beschluß Mannerheims hat Hitler sehr geärgert. Auf Stalin hat er aber Eindruck gemacht, was wahrscheinlich dazu beitrug, dass Mannerheim nach dem Krieg nicht als Kriegsverbrecher angeklagt wurde.

  3. Danke für Ihre Ergänzung.

  4. Thomas M. Wandel sagt:

    „und einer bisweilen harten Hand“ (eva): „wurde zum Nationalhelden des weißen Finnlands.[4] Seine erste Maßnahme war die Entwaffnung der russischen Garnisonen von 5.000 Mann in der Provinz Österbotten.[1] Gleichzeitig ergriffen finnische Sozialdemokraten in Südfinnland die Macht. In dem sich anschließenden Bürgerkrieg besiegten die bürgerlichen „Weißen“ unter Mannerheims Oberbefehl die aufständischen „Roten“ im Frühjahr 1918 in der Schlacht um Tammerfors/Tampere. In den Bürgerkriegskämpfen fielen etwa 5.200 Soldaten und insgesamt rund 30.000 Finnen auf beiden Seiten.[5]
    Weißer Terror[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
    Nach dem Zusammenbruch des „roten Finnlands“ wurden 70.000 bolschewistische Sympathisanten in Konzentrationslager verbracht, darunter Frauen und Kinder, von denen in den folgenden sechs Monaten 12.000 starben.[6] Obwohl Mannerheim persönlich keine Grausamkeiten vorzuwerfen waren, ist nicht vorstellbar, dass er über die Zustände im größten Konzentrationslager, der Festung Suomenlinna, nicht informiert war: Hier wurden 3000 „Rote“ erschossen, gehängt, bajonettiert und erschlagen. Zwar ordnete er die Tötungen nicht an, unternahm aber auch kaum etwas dagegen. Zu der Zeit erhielt er den Spitznamen „der blutige Baron“. Mannerheim war Monarchist und überzeugt, dass es genügte, die roten Führer zu erschießen und die Arbeiter sofort wieder in die Fabriken zu bringen.[7]“ (Zitat Wikipedia) Soweit zur vielleicht verständlichen Distanz mancher Russen gegenüber Mannerheim…

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