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Hart aber Herzlich – Impressionen aus Berliner Sicht vom Finale des Föderations-Cups

Von   /  4. Juli 2017  /  Keine Kommentare

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Von Julia August

Rund 30 Jahre nach meinem letzten Besuch-  als Schülerin im damaligen Leningrad – gab es nun den Anlass, endlich wieder zu kommen. Nach Sankt Petersburg. Und ich war verliebt wie beim ersten Mal. Aber – wie sagt man so oft von Beziehungen „es ist kompliziert“.

Schon die Anreise mit einer sibirischen Airline – 6 Stunden verspätet. Da hatte der Confed-Service-Schalter laut Internet gerade geschlossen als wir landeten. Aber zunächst durfte ich ohnehin nicht durch die Passkontrolle, denn in meinem Fan-ID-Antrag, der ein Visum ersetzte,  war ein Tippfehler.

Ein Soldat nahm mir den Pass ab und marschierte stracks zurück Richtung Flieger, ein Umstand der mir in manch anderem Land mehr Sorgen gemacht hätte. Aber hier guckte man freundlich auf mein zartes Russisch, der englischsprachige Confed-Schalter-Dienst (überraschend geöffnet!) stellte die notwendigen Dokumente zusammen. Ja, die Ticketautomaten im Flughafen funktionierten gerade alle 4 nicht, aber da waren so viele nette Volonteers, die auch englisch sprachen, und uns die Tickets am Schalter ausdruckten.

Ja, nicht jeder Busfahrer wusste, dass die Fan-ID auch zum kostenlosen Bus fahren berechtigt, aber bitte, es gab extra Shuttle! Direkt vom und zum Stadion! Und die Metro- Service-Leute wussten Bescheid. Und alle anderen waren sehr freundlich. Die Busfahrt kostete weniger als ein Kaffee, auch innerhalb der Stadt ( 40 Rubel zZ ca. 0,65 €). Und alle waren geduldig und herzlich und sehr hilfsbereit.

Ja, schon unterwegs in der Stadt wurde deutlich, dass die russischen Gastgeber in absoluter Überzahl die Chilenen unterstützten. Aber wir hatten wir pro Tag gut drei Einladungen – bis nach Krasnojarsk, vielen Dank! – und so viele freundliche und interessierte Gespräche.

Ja, die Metro-Station vom neuen Stadion ist noch nicht fertig, aber die vorgeschlagene Metro Station Krestovskiy Ostrov  war eine interessante Alternative. Mit einem netten Café, wo man bei warmem Apfelkuchen das Spiel um den 3. Platz gucken konnte.  Ja, es gab dort nur eine Toilette für Männlein und Weiblein gleichermaßen (nicht zu empfehlen, schon allein wegen der Wartezeit von meist 3-4 Bedürftigen). Aber man konnte ja das Spiel schauen und wir sind Touristen, wir haben Zeit. Genug Zeit, um Richtung Stadion einen kleinen Umweg durch den Vergnügungspark Divo Ostrov zu machen, der neben für Autos gesperrten 1,5 km langen Allee liegt.

So empfehlenswert! Kosmonautentraining vom Feinsten! Für jeden, der sich traut! Mehrere Achterbahnen, verschiedenste Schaukeln und Geschosse in schwindelerregender Höhe und eine Rakete, die bei den rasenden Umdrehungen realistisch qualmte und die Frage aufwarf, ob sie bei uns vom TÜV zugelassen würde. Nun holt sich jeder seinen Thrill, wo er will, wir also in dem endlosen  Fanblock der Chilenen auf dem Weg zum Spiel. Die wenigen deutschen Fans haben sich manchmal untereinander mit Handschlag begrüßt.

Ja, das neue Stadion hatte schlechte Presse, und ist an manchen Stellen schon ein kleines bisschen kaputt. Aber es ist wirklich beeindruckend. Die Kontrollen waren sinnvoll und sachlich, im Vergleich zu Paris im letzten Jahr war die Polizei wenig offensiv vertreten.  Alle 5 Minuten wurde man von fröhlichen Volonteers persönlich begrüßt, abgeklatscht oder zum Tanzen aufgefordert.

Über das Spiel zu schreiben überlasse ich kompetenteren. Nur so viel: auch im Stadion unterstützten nahezu alle Gäste Chile, was oft wie „Chilli“ klang. Man konnte unterscheiden zwischen den echten Chilenen, die nachher auch echt traurig waren, und den Einheimischen, die zum Schluss die Deutschen auch ganz gern mochten. Es gab eine Herz erwärmende Abschlussfeier, getoppt von einem spannenden Spiel, getoppt von einem Feuerwerk nach Spielende, für das die Schnellstraße zwischen Himmel und Ostsee als Abschluss Ort gesperrt war. Dort entsteht gerade eine futuristische Kulisse zwischen Himmel, Meer und Schnellstraße.

Sankt Petersburg selbst ist im Juli absolut bezaubernd. Es ist warm und die Nächte sind noch recht hell. Blumengeschmückt und mit Fahnen, unbestritten eine der schönsten Städte der Welt. Von den prächtigen Boulevards bis den neoklassizistisch gefassten Kanälen, vom Bolschoi Theater bis zur Kellerbar, von der Eremitage bis zur coolen russischen Boutique.

Ja, man findet die Post nicht, selbst auf dem Newskiprospekt versteckt in einem Hauseingang, 2. Etage, einziger Hinweis der blaue Briefkasten an der Tür.  Aber dann fragt  man halt. Es sind die Schaffner, die auch in Bussen die Gäste nicht nur kontrollieren sondern auch betreuen, die Diensthabende auf der langen steilen Rolltreppe in die Metro, der Nachbar am Tisch oder im Stadion, die die Stadt auszeichnen. Piter, wie die Stadt hier heißt, ist wirklich herzlich.

Bilder: Julia August

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  • Veröffentlicht: 3 Wochen vor auf 4. Juli 2017
  • Von:
  • Zuletzt geändert: Juli 4, 2017 @ 1:35 pm
  • Rubrik: Aktuell, Sport

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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