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Gipfel in St. Petersburg zur Rettung des Amurtigers

Von   /  29. August 2010  /  Keine Kommentare

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TOPTICKER.- Vertreter von 13 Staaten werden im September bei einem Treffen in St. Petersburg den Schutz des Tigers diskutieren. Im Vorfeld des Tiger-Gipfels stellt sich erneut die Frage, was die Welt ohne einen gemeinsamen Plan zum Schutz der Großwildkatzen und ohne die Tiger verlieren würde. Im russischen Fernen Osten wurden drei Tiger mit eigenartigem Verhalten aufgespürt. Das Besondere an den Tieren war ihr Mut: Sie näherten sich dicht an die Dörfer und schienen keine Angst vor Menschen zu haben.


Die Amurtiger sind generell nicht aggressiv. Sie können den Menschen lange beobachten, ihm nachschleichen, weichen aber vor einem direkten Zusammentreffen aus. Im Gegensatz zu ihren großen bengalischen Verwandten und den kleinen angriffslustigen Sumatra-Tigern sind die riesigen Wildkatzen, die die Regionen Primorje und Chabarowsk bevölkern, relativ friedlich und greifen den Menschen nur dann an, wenn ihnen Gefahr droht.

Der Amurtiger ist bis zu 220 cm lang und wiegt bis zu 200 Kilogramm. Er ist zwar nicht der größte Tiger (die bengalischen sind größer), ist aber am widerstandsfähigsten (er verträgt Schnee und Kälte). Außerdem ist am freundlichsten gegenüber den Menschen. „Niemand weiß, warum, doch bei uns gibt es keine Tiger, die speziell Menschen jagen würden“, sagt Wladimir Krewer, Koordinator des Artenvielfaltprogramms der Naturschutzorganisation WWF.

An die Stelle des Tigers würde der Wolf treten

Der Tiger hat einen festen Platz im Ökosystem des Fernen Ostens. Er gehört zu den größten Raubtieren auf dem Land. Seine Beute besteht aus alten und kranken Tieren, wodurch die Population besser wird. Wenn der Tiger ausgerottet werden sollte, ginge die Zahl der Huftiere, nämlich der Hirsche und Wildschweine, in den Wäldern drastisch zurück – und das nicht nur wegen Epidemien von Tierkrankheiten. „Wenn der Tiger weg wäre, würde der Wolf an seine Stelle treten“, sagt Wladimir Krewer. „Das Verhalten der Tiger und der Wölfe als Raubtiere ist vollkommen verschieden. Der Tiger tötet so viele Hirsche, wie er fressen kann. Der Wolf tötet so viele, wie er töten kann“. Der Schluss liegt auf der Hand. Obwohl der Tiger Huftiere auf seiner Speisekarte hat, hilft er dabei, das Gleichgewicht unter ihnen zu bewahren.

Der Tiger ist ein Symbol für die Gesundheit des Ökosystems im Fernen. Er steht auf der Spitze der ökologischen Pyramide: Wenn es ihm schlecht geht, dann geht es dem gesamten Ökosystem schlecht. Das Waldsterben und das Abholzen kann den Tiger an den Rand des Aussterbens bringen. Die wichtigsten Futtergebiete für die Huftiere sind Laubwälder mit Pinien, Eichen und Eschen. Wenn ein Wildschwein Pinienkernen und Eicheln in so einem Wald frisst, dann wird sich auch ein Tiger auf der Suche nach Fleisch in der Nähe einfinden. Logischerweise kommt es dann bei einer Abholzung der Pinien und Eichen dazu, dass die Huftiere ihre Futtergründe verlieren und folglich auch die Tiger hungern. Außerdem wird die Jagd im gerodeten Wald viel einfacher.

Illegale Jagd während der Krisenjahre

Die 1990er Jahre waren für den „Herrn der Taiga“ eine besonders schlechte Zeit. Chinesische Heiler gaben den russischen Wilderern 6000 bis 15.000 US-Dollar für den unausgeweideten Körper eines großen Männchens. In der chinesischen Medizin gelten Salben, Pillen, Pulver und anderes mehr, die aus den Körperteilen des Tigers hergestellt werden, als Wunderheilmittel. In China gibt es nur noch wenige Tiger. Leider waren die russischen Tiger nicht weit entfernt. Die Bewohner der Regionen Primorje und Chabarowsk, die nach den radikalen Wirtschaftsveränderungen der 1990er arbeitslos wurden, begannen als Wilderer sich zu verdingen. „Die Grenzen zur Volksrepublik China waren ziemlich offen, der Zoll war nicht bereit, den Schmuggel von Tigerkörperteilen zu bekämpfen, weil es keine sowjetischen Erfahrungen dieser Art gegeben hatte. So kam es, dass in der Region Primorje 50 bis 80 Tiere im Jahr erschossen wurden“, sagt Wladimir Krewer. Der Tiger steht seit langem im Roten Buch, der russischen Liste der bedrohten Arten. Die Tigerjagd wurde 1947 in der Sowjetunion verboten.

Die Zahl der Amurtiger ist erst in den letzten Jahren etwas stabiler geworden und geht nicht so schnell zurück. Sie liegt bei rund 480 bis 530 Tieren (rund ein Fünftel aller Tiger der Welt). Die Tiger werden im Winter nach ihren Spuren gezählt. Sie werden jedes Jahr an bestimmten Waldabschnitten, die speziell für die Erforschung des Tigers abgesteckt wurden und nur 13 Prozent seines Areals betragen, gezählt. Einmal im Jahrzehnt wird die gesamte Population erfasst. Je stärker sich das Klima verändert, desto schwieriger ist es, die genaue Zahl der Population zu nennen. In den vergangenen Jahren ist die Schneedecke ungewöhnlich tief, nicht alle Spuren konnten verfolgt werden.

Trotzdem sind 500 Tiger im Fernen Osten keine schlechte Zahl. Zumal der Tiger in freier Natur ein großen Lebensraum braucht: das Habitat eines Männchens liegt durchschnittlich bei 1380 Quadratkilometer und das eines Weibchens 400 Quadratkilometer groß. Die Habitate von erwachsenen Tieren überschneiden sich nahezu nicht.

Noch ein Dreissigstel des früheren Bestandes übrig

In diesem Jahr, dem Jahr des Tigers nach dem orientalischem Kalender, ist es höchste Zeit, darüber zu sprechen, wieso die Zahl der Tiger in der Welt im letzten Jahrhundert fast dreißigfach geschrumpft ist. Vor einem Jahrhundert gab es rund 100 000 Tiger – jetzt gibt es 3000 bis 4000 Tiere. Drei Unterarten sind völlig verschwunden, nämlich der Turantiger (kaspischer Tiger), der Bali- und der Javatiger. Mittlerweile gibt es nur noch Amur-, Sumatra-, Bengal-, südchinesische und indochinesische Tiger. China hat seine Tiger beinahe komplett ausgerottet. In Indien ging die Zahl der Tiger von 1995 bis 2005 von 3500 auf 1000 bis 1300 Tiere zurück.

Die wichtigste Aufgabe des Gipfels vom 15. bis 18. September ist, eine globale Strategie zum Erhalt des Tigers zu konzipieren. Die Ministerpräsidenten von 13 Ländern werden erwartet. Jedes Land wird seine eigene Tigerschutzstrategie präsentieren. „Im Endeffekt erwarten wir eine gemeinsame Deklaration der Regierungschef der Teilnehmerländer, in der sie das gemeinsame Ziel formulieren, bis zum kommenden Jahr des Tigers (2022) den globalen Tigerbestand zu verdoppeln“, sagt Wladimir Krewer. Doch verschiedene Länder müssen sich unterschiedlich starke Bemühungen an den Tag legen. Jedes Land bekommt selbstverständlich eine eigene Quote für die Aufstockung der Population. Einige Länder werden ihren Tigerbestand vielleicht sogar verdreifachen müssen.

Bestand von 500 auf 800 Tiere erhöhen

Die Situation in Russland ist gar nicht so schlecht. „Nach dem jetzigen Zustand der Habitate müsste die Anzahl der Tiger bis zu 600 Tieren betragen“. Genau so viel könne die Taiga im Verbreitungsgebiets der Tiger an Futter bereitstellen, sagt der WWF-Koordinator. Die Zahl der Tiger könnte auch auf 700 bis 800 Stück angehoben werden, wenn die Naturnutzung rationalisiert und die Jagdwirtschaft verbessert werden würde.

Im vergangenen Sommer wurde der Global Recovery Action Plan zum Schutz des Tigers ausgearbeitet. Das Programm sollte alle Pläne der Länder zum Schutz des Tigers berücksichtigen und weltweite Richtlinien enthalten. Zu diesen Fragen zählt der illegale Handel, die Aufbewahrung und der Transport von Tigerfellen, Körperteilen und daraus gefertigten Erzeugnissen sowie internationale Finanzmechanismen zum Schutz des Tigers und Aufklärungsarbeit.

17 Millionen Dollar für das Rettungsprogramm


Wie viel Geld wäre im Idealfall zum Schutz des Tigers nötig? Nach Einschätzung des WWF wären für die kommenden zwölf Jahre 17 Millionen Dollar nötig. Wie das finanziert werden soll, ist aber eine große Frage. Der Staatshaushalt wird selbst samt den NGOs solch eine Summe nicht stemmen können. „Wir würden im Rahmen der Programme zum Armutsabbau, die beispielsweise zwischen Indien und Großbritannien, Indonesien und den USA, Russland und Deutschland gelten, einen Teil der Gelder in die Regionen umleiten, wo die Tiger leben“, sagt Krewer.

Die Umwelt- und die Armutsprobleme hängen häufig miteinander zusammen. Was Russland betrifft, so muss das Programm sowohl den Tigern als auch den Udehe, einem indigenen Volk in den Regionen Primorje und Chabarowsk, zugute kommen. Die Interessen der Tiere und der Menschen sollen sich nicht widersprechen. Sowohl die Umwelt- als auch die Wirtschaftsbedürfnisse sollen berücksichtigt werden.

Schutzgebiete sollen geschaffen werden

Ein anderes Finanzierungsprojekt ist die Formel „12x12x12“: „Zwölf Länder stellen für zwölf Jahre zwölf Millionen Rubel oder, noch besser, zwölf Millionen Dollar bereit. Eine Antwort der Regierung lässt auf sich warten. Bei so einem Programm müssen wir mit Großunternehmen zusammenarbeiten, was natürlich mit Unterstützung der Regierung viel einfacher wäre“, sagt Krewer.

Die russische Delegation wird beim Gipfel vorschlagen, Schutzgebiete für die Tiere zu schaffen. Dies sieht nicht nur eine rationale Waldnutzung, sondern auch Verbesserung der Jagdwirtschaft vor. Die Jagdwirtschaft ist in der Lage, zu prüfen, wie die Einnahmen dank kleiner Investitionen erheblich steigen können. Wenn die Jagdwirtschaften mehr Futter anschaffen, zusätzliche Futterfelder für die Huftiere anlegen, Futtertröge und Salzsteine aufstellen und Heu für besonders harte Winter vorrätig haben, wird die Zahl der Huftiere ansteigen. Wenn es mehr Hirsche gibt, können mehr Jäger kommen, und die Jagdwirtschaft bekommt mehr Geld.

Viele Jagdwirtschaften sind heute nicht bereit, diese Investitionen zu tätigen, weil die entsprechenden Kenntnisse und Erfahrungen der Sowjetzeit verloren gegangen sind. Experten bemühen sich, diese Methoden den Jägern wieder zu vermitteln. So werden die Menschen satt, ohne die Tiger zu beeinträchtigen.

Russland hatte 1996 die erste Artenstrategie ins Leben gerufen. Sie wurde im darauffolgenden Jahr im Rahmen des Föderalen Zielprogramms „Erhalt des Amurtigers“ umgesetzt. Im Verbreitungsgebiet des Tigers wurde ein Netzwerk von Naturschutzgebieten geschaffen. Sie alle helfen, die Tiger von den Wilderern zu schützen und sie überlebensfähiger zu machen.

Russisch-chinesische Zusammenarbeit

Doch die Schutzgebiete sollten ausgeweitet werden, um eine lebensfähige Population der Tiger zu erhalten. Das gehört auch zu den Grundgedanken der russischen Tigerschutzstrategie, die beim Gipfel vorgelegt werden soll. Unter anderem soll ein russisch-chinesisches grenzübergreifendes Reservat am Strelnikow-Bergrücken (Rayon Hassan der Region Primorje) und in der Provinz Jilin. Zu diesem Reservat soll der russische Nationalpark „Leopardenland“ gehören, zu dem zwei bestehende Nationalparks zusammengelegt werden sollen. Die russischen Forscher stehen mit ihren chinesischen Kollegen im ständigen Erfahrungsaustausch. Die Wissenschaftler der Volksrepublik bemühen sich, die Population der Tiger in der freien Natur wieder aufzubauen.

Die Strategie für den Erhalt des Amurtigers sieht auch große Aufklärungsarbeit vor. Für den Tiger muss mit Büchern, Filmen und Fernsehshows geworben werden. Die Arbeit mit Kindern ist auch sehr wichtig.

Der Tag des Tigers könnte im größeren Maßstab gefeiert werden. Gegenwärtig wird er nur in Wladiwostok am Pazifik gefeiert. Doch es ist ein internationaler Feiertag, den die Länder, in denen Tiger leben, in diesem Januar bei der ersten Ministerkonferenz in Thailand zum Erhalt des Tigers verkündet haben.

Wie zählt man Tiger?

Beschleunigt wurde die neue Strategie im Grunde von Putin, der vor zwei Jahren das Naturschutzgebiet am Ussuri besuchte und dort eine Tigerin zur Gesicht bekam.

Wohl alle russischen Medien hielten den Moment fest, als der Premier die „schlafende Schönheit“ mit einem Kuss verabschiedete.

Um die medizinische Untersuchung zu erleichtern, wird der Tiger betäubt. Putin wurde im Naturschutzgebiet gezeigt, wie mit den Tigern verfahren wird. Die Tigerin wurde mittels einer speziellen Schlinge „fixiert“, anschließend schoss der Premier mit einer Betäubungsspritze auf die Riesenkatze. Dann legte Putin der Tigerin ein Halsband mit dem GPS-System an und beteiligte sich an der Vermessung ihrer Länge. Die Forscher zählten den Puls des Tieres und nahmen eine Blutprobe.

Dem Regierungschef wurden auch versteckte Fotokameras gezeigt, die zur individuellen Identifizierung der Tiger genutzt werden. „Es gibt nicht viel davon, sie sind teuer, doch bei der Erfassung der Tiere gehört ihnen die Zukunft“, erläuterte Wladimir Krewer. Jeder Tiger hat eine einmalige Fellmusterung, die fotografiert wird. Für jedes Tier wird eine Art Ausweis erstellt.

Die Tigeridentifizierung mittels molekular-genetischer Methoden ist bislang wenig verbreitet. Die Methode beruht auf einer DNS-Analyse. Die Struktur der DNS-Fragmente ist bei jedem Tier anders, ihre Erforschung lässt nicht nur die Tiere identifizieren, sondern auch Verwandtschaften zwischen ihnen feststellen.

Beobachtung der Tiger mit modernster Technik

Um zu klären, woher zum Beispiel ein Tiger gekommen ist, müssen Funk- oder Satellitenbeobachtung eingesetzt werden. Bereits seit 1992 werden den Tigern Funkhalsbänder angelegt. Gegenwärtig finden sie noch im Sichote-Alin-Gebirge, im Naturschutzgebiet Lasowski und in den Nationalparks Anjujski, „Udegen-Legende“ und „Ruf des Tigers“ Anwendung.

Doch Funkhalsbänder gelten als überaltert und nicht so effizient. Vor allem aber sei es so, sagt Wjatscheslaw Roschnow, Vizedirektor des Instituts für Probleme der Ökologie und Evolution der Tiere, dass auch Tiger mit Funkhalsbändern von Menschenhand getötet werden, weil „der heutige Wissensstand und die zugänglichen Apparate es nicht nur einem Fachmann, sondern auch den Wilddieben erlauben, den Aufenthaltsort eines ‚gekennzeichneten‘ Tigers festzustellen“.

Satellitenhalsbänder mit GPS-Navigation und einem Sender werden heutzutage bevorzugt. „Sie werden helfen, die Amur-Tiger nicht zu erforschen, sondern auch zu retten“, ist Roschnow überzeugt. Wissenschaftler verfolgen die Wanderwege der Tiger mit dem Internet. Im Rahmen des Programms „Tiger“, das von der russischen Regierung unterstützt wird, wollen die Wissenschaftler auf zwei Modell-Territorien der südlichen Primorje-Region – in den Naturschutzgebieten Ussuri und Lasowski – allen Tigern GPS-Halsbänder anbringen.

Wie fängt man einen Tiger?

In alten Zeiten nahm an einer Tigerjagd eine ganze Familie – Vater, Sohn, Brüder, Neffen – teil. Die Blutsverwandtschaft galt als Sicherheitsgarantie für die Menschen bei der riskanten Jagd. Das Tier wurde mit Baldriantropfen angelockt, die auf jede Katze nahezu unfehlbar wirken.

Sobald eine Pfote des Tiers in einer Schlinge und sein Kopf festgebunden ist, ergibt sich der „Herr der Taiga“ im Gefühl der Ohnmacht gegenüber den Menschen: Es legt sich auf den Rücken. Dann liegt er still, festgebunden, in einem Haus unter der Sitzbank. Kaum zeigt sich jedoch ein Hund in der Nähe, fletscht der „Ergebende“ die Zähne und knurrt. Eine Katze eben…

Hunde gehören zur Tigernahrung. Nicht zufällig nutzen die Jäger sie als Köder. Unter Umständen verschmähen die Tiger auch Bärenfleisch nicht. Der Tiger ist in der Lage, einen Weißbrustbären zu besiegen (diese Unterart ist kleiner als der Braunbär). Mit einem Braunbär hat es der Tiger dagegen schwerer. Was den Menschen angeht, so meidet der Amur-Tiger eine zu große Nähe. Er kann zwar den Menschen heimlich beobachten, aber einem unerwarteten direkten Zusammenstoß wird das Tier in der Regel ausweichen.

Russischer Tiger „eingeschüchtert“

Das ist nun einmal ein „russischer Charakterzug“ des Amur-Tigers, eigen übrigens auch anderen wilden Tieren. Die Tiere in Russland sind äußerst vorsichtig. In den Jahrhunderten der grausamen Jagd hat es der Mensch beinahe geschafft, die Tiere „genetisch“ einzuschüchtern.

In den Nationalparks Nordamerikas oder Afrikas etwa lassen die Tiere den Menschen recht nahe heran (man kann zum Beispiel mit einem Auto an eine ruhende Löwenfamilie heranfahren oder an eine ihr Junges stillende Hirschmutter herankommen). In Russland dagegen „misstraut“ das Tier grundsätzlich dem Menschen und hält sich lieber versteckt. Denn besonders mutige Tiere können wenn nicht von Menschenhand getötet, so doch von einem Wagen überfahren werden. So „geschickt“ und sorglos sind russische Fahrer.

Was die Wilddiebe betrifft, so steht auf die Tötung eines Tigers in einem Naturschutzgebiet eine Geldstrafe von bis zu 500 000 Rubel (1 Euro = ca. 39 Euro) oder sogar eine Freiheitsstrafe. Während aber früher im russischen Fernen Osten etwa 1700 Tierhüter im Einsatz waren, sind es heute höchstens 40 Personen, die mit wenig Rechten auf die Tiger aufpassen. Sie können nicht einmal ein Protokoll erstellen. Zu einem Protokoll gehören nämlich zwei Zeugen – sie in der fast menschenleeren Taiga zu finden, ist allerdings schwierig. Vielleicht wäre es sinnvoll, zu den Praktiken aus der Sowjetzeit zurückzukehren, weil es zahlreiche Inspektoren jeder Art, darunter auch gesellschaftliche, gab. Alle hatten das Recht, ein Protokoll zu erstellen… Viele Experten sind überzeugt: Gesetzesänderungen tun not.

Kaspische Nachkommen des Amur-Tigers

In Kasachstan ist beschlossen worden, die Population des Turan-(Kaspi-)Tigers am Balschasch-See wiederaufleben zu lassen. Für das Projekt werden russische Amur-Tiger hinzugeholt. Russische Wissenschaftler beteiligen sich als Berater an dem Vorhaben. Zum historischen Gebiet des Turan-Tigers gehörten das zentralasiatische Tien-Schan-Vorgebirge, Turkmenien, Usbekistan, Afghanistan, Kasachstan und zum Teil der Kaukasus.

Die letzten Turan-Tiger wurden Ende der 1970er Jahre gesehen. Eine DNS-Analyse ergab, dass der Amur- und der Turan-Tiger sich genetisch am ähnlichsten sind und eine der zähesten Arten sind. Deshalb wird der „russische“ Tiger an den Balchasch-See kommen und bei der Wiederbelebung der Population der „kasachischen“ Tiger helfen. (rian)

Bild: Wikimedia Commons

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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