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Geschichte: Johann Strauss und der „Musik-Bahnhof“ Pawlowsk

Von   /  24. November 2017  /  Keine Kommentare

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eva.- Die Eisenbahnstrecke St. Petersburg-Pawlowsk wird im nächsten Jahr 180 Jahre alt. Anlässlich dieses Geburtstags fand im Hotel „Ambassador eine Veranstaltung mit Vortrag, Musik und Tanz statt, mit der an den fast vergessenen Bahnhof mit integriertem Konzertsaal erinnert wurde.

Die meisten wissen, dass die erste öffentliche Eisenbahnstrecke Russlands von St. Petersburg nach Zarskoje Selo (Puschkin) und Pawlowsk führte. Ebenso bekannt ist, dass die Linie unter der Leitung des böhmischen Ingenieurs Franz Anton von Gerstner gebaut und 1838 eröffnet wurde.

Am 30. Oktober 1887 wurde die erste Teilstrecke vom Witebsker Bahnhof zur Zarenresidenz Zarskoje Selo eröffnet. Mit der atemberaubenden Geschwindigkeit von 40 Werst pro Stunde (rund 60 Km/h) legten die ersten Passagiere die 27 Kilometer nach Puschkin zurück.

Wagen- und Lokomotiven-Park aus England und Belgien

Für die erste russische Bahnlinien waren 6 Lokomotiven, 44 Passagier- und 19 Güterwaggons in England und Belgien gekauft worden. Schon am 22. Mai des nächsten Jahres wurde die verlängerte Strecke in der Residenzstadt Pawlowsk eröffnet.

Doch über den „Musik-Bahnhof“, den die Reisenden hier erwartete, wissen die wenigsten Bescheid. Um das Zugfahren in Russland attraktiv zu machen, hatte Gerstner angeregt, in Pawlowsk ein „Tivoli“, eine Vergnügungsstätte einzurichten. Konkret bedeutete dies ein Bahnhof mit Restaurant, Konzertsaal und Park, dessen Angebot möglichst viele Besucher anlocken sollte.

Endstation: Vergnügen

Nicht zufällig stammt das russische Wort für Bahnhof „Voksal“ vom englischen „Vauxhall“ ab, womit der berühmte Londoner Vergnügungspark gemeint war. Der neue Bahnhof wurde vom deutschstämmigen Architekten Stackenschneider Andrei Stackenschneider entworfen und wurde schnell zu einem Erfolgsprojekt.

Insbesondere während der Sommermonate reisten die vergnügungssüchtigen Gesellschaften an und verpassten oft den letzten Zug in die Stadt, um bis in die Morgenstunden zu tanzen. 1844 brannte das Holzgebäude nieder, wurde jedoch umgehend wieder aufgebaut und noch erweitert.

Walzerkönig Strauss zu Gast

Die laufende Vergrösserung wurde unter anderem durch den Walzerkönig Johann Strauss (Sohn), der in Pawlowsk ab 1856 während zehn Saisons auftrat und von dem russischen Publikum vergöttert wurde. Zahlreiche andere berühmte Musiker, darunter Glasunow und Schaljapin traten auf dieser Bühne auf. Auch nach der Oktoberrevolution wurden in Pawlowsk Konzerte gegeben.

Das Ende des „Musik-Bahnhofs“ besiegelte der Zweite Weltkrieg als die Anlage während der harten Kämpfe während der Leningrader Blockade in dieser Zone völlig zerstört wurde. Von der einstigen Pracht ist nur noch eine Laterne übrig geblieben, ein Denkmal erinnert an Johann Strauss. Der heutige Bahnhof von Pawlowsk ist viel bescheidener, und die Bahnstrecke hat ihre historische Bedeutung längst verloren.

Rekonstruktion bis zum 200-Jahre-Jubiläum?

Allerdings blieb sein Standort, direkt gegenüber vom Eingang zur prachtvollen Parkanlage von Pawlowsk unverändert. Auch die Konzerttätigkeit wurde durch das Museum in der Zarenresidenz Pawlowsk wieder aufgenommen – und Pläne für eine Rekonstruktion liegen ebenfalls bereits. Vielleicht gelingen ihre Realisierung bis zum 200-Jahre-Jubiläum des „Musik-Bahnhofs“.

Bild: Wikimedia Commons

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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