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Geschichte als Scherbenhaufen – der „Parasit“ Igor Panin eröffnete eine Ausstellungsreihe in der Galerie „Borey“

Von   /  22. Januar 2013  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Der Künstler, Designer und Kurator Igor Panin hat mit seiner Werkgruppe „Alles aufgegessen“ eine Ausstellungsreihe der Galerie „Parasit“ in der Galerie „Borey“ eröffnet. Die „Galerie in der Galerie“ gibt den Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit, sich von einer ganz anderen Seite zu zeigen.

So chaotisch und destruktiv die Neunzigerjahre heute vielen Russen erscheinen, so kreativ und produktiv waren sie in der Kultur. In Petersburg und anderen russischen Städten bildeten sich damals Künstlervereinigungen, die teilweise bis heute bestehen.

Ihre Namen zeugen oft von Auflehnung, Protest und Suche nach etwas Neuem – typisch für die Zeit der „Postperestroika“: „Prothese“, „Schwere Kunst“ oder „Die neuen Dummen“, ein verwegener Haufen, zum dem der Ukrainer Igor Panin gehörte, der nach seiner Ausbildung als Maschineningenieur eine Kunstausbildung an der Petersburger Muchina-Akademie absolviert hatte.

Kunst als Reaktion auf das aktuelle Geschehen

Sie versuchen neue Wege in der Kunst zu finden und Antworten auf das aktuelle Geschehen. So servierten sie ihrem Publikum als eine Reaktion auf den Krieg in Jugoslawien eine „Blutmahlzeit“, indem sie die tiefrote Borsch-Suppe direkt auf das blütenweisse Tischtuch statt auf in die Teller leerten.

Trotz dieser Erneuerungsversuche war die russische Kunst damals noch stark akademisch geprägt, und auch Ausstellungsfläche für alternative Kunst fehlte. Die Galerie „Borey“ gehörte zusammen mit dem Kulturzentrum „Puschkinskaja 10“ die  ersten Podien für Andersschaffende. Mit Unterstützung der „Borey“-Leiterin Tatiana Ponamorenko wurde damals die Galerie „Parasit“ – ein Nutzniesser im Korridor der grossen Galerie gegründet.

Alle zwei Wochen neuer „Kunst-Vektor“

Alle zwei Wochen treffen sich die Künstler in der Galerie und geben ein neues Thema heraus. Innerhalb einer Stunde ist der neue Vektor vorgegeben. „Die wichtigsten Unterschiede zu einer üblichen Galerie sind das Fehlen eines Künstler-Rats und die Tatsache, dass hier jeder seinen ganz persönlichen Standpunkt zeigen kann“, erklärt Panin.

„Viele der Ausstellenden sind als akademische Künstler bekannt geworden und können hier etwas völlig anderes machen, so zum Beispiel der Theaterkünstler Alexander Schischkin. Jeder hat die Möglichkeit etwas gegen den Strom zu schwimmen, was Genre, Stil und Technik anbelangt“, so Panin.

Zehn Jahre „Untermieter“-Galerie

Nun feiert die „Untermieter-Galerie“ ihr 10-Jahre-Jubiläum, Grund genug für eine Ausstellungsreihe im kleinen Ausstellungssaal der Galerie. Panin, der in den letzten Jahren mehr hinter der Kulisse als Designer oder Kurator von Ausstellungen gearbeitet hat, ist wieder einmal in den Vordergrund getreten.

Sein Objekt „Alles aufgegessen“ (siehe Fotogalerie) ist so einfach wie gehaltvoll. Ein Tisch, beleuchtet von einer mickrigen Glühbirne, in deren Schein dutzende zerbrochener Bierflaschen liegen. Braun und grün leuchten die schartigen Splitter der „Baltika“-, „Newskoe“- und „Stepan Rasin“-Flaschen – scharf und bedrohlich auf der einen Seite, filigran und schmuckvoll auf der anderen Seite.

Ständiges Zerbrechen

„Für mich ist das der russische Existenzialismus“, kommentiert Panin. „Ein Bild Russlands, ein ständiges Zerbrechen, ein Scherbenhaufen.“ Zu dieser düsteren Vision kommen beim Anblick der messerscharfen Flaschenhälse Gedanken an Aggression, Schlägereien und Tod am Säufertisch.

Eigentlich lässt sich dieses Trümmermodell aber auch auf die ganze Weltgeschichte anwenden: Die Menschheit, die alles leerfrisst und -säuft und die Reste einfach liegen lässt, verantwortungslos und ohne Rücksicht auf die Folgen, Generation für Generation. Alles aufgegessen.

Ab heute: „Lenin ist der Nikolaus“

Heute um 18.00  betritt schon der nächste „Parasit“ Iwan Tusow mit seiner Werkreihe „Lenin ist der Nikolaus“ die Szene. Mit seiner Computergrafik nimmt er Lenin und seine Verklärung als Menschenfreund in der Sowjetzeit mit einem Satire-Märchen aufs Korn. „Lenin hatte Kinder sehr gern. Als er noch kein Grossvater war, sondern jung war, das war noch vor der Revolution, verdiente er sich als Nikolaus etwas dazu. Aber nachher hatte Lenin sehr viel zu tun.

Es vergingen viele Jahre. Aber der Wunsch, Nikolaus zu sein, verliess ihn nicht…“ So schreibt der Künstler zu seinen kleinen Bildern, auf denen Lenin-Nikolaus als eine Art Lego-Männchen abgebildet wird. „Deshalb ist Lenin im Gedächtnis von Millionen von Bürgern der Nikolaus, der uns jedes Jahr besucht und unsere Welt in ein Märchen verwandelt.“

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

22. Januar bis 2. Februar. „Lenin ist der Nikolaus“. Galerie Borey, Liteiny Prospekt 58, Tel. 275-38-37, Dienstag bis Samstag von 12.00 bis 20.00 geöffnet, Eintritt frei. www.borey.ru

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Galerie Borey im Januar – Igor Panin und Kunstauktion zugunsten autistischer Kinder

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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