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Geheimdienst: Letzter Überlebender des Spionagenetzwerks „Rote Kapelle“ ist tot

Von   /  5. Januar 2009  /  2 Kommentare

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eva.- In Petersburg ist 96-jährig Anatoli Gurewitsch, der letzte Überlebende der Spionage-Organisation „Rote Kapelle“, gestorben. Unter diesem Codenamen wurden während des Zweiten Weltkriegs von der Gestapo einzelne Agentenringe zusammengefasst, die in verschiedenen europäischen Ländern für die Sowjetunion spionierten und gegen Hitlerdeutschland arbeiteten.

Gurewitsch nahm als Freiwilliger am Spanischen Bürgerkrieg teil und wurde danach in der Sowjetunion vom Geheimdienst als Funker und Chiffrierspezialist ausgebildet. Mit falschen Papieren ausgestattet gelangte er 1939 noch vor Kriegsbeginn nach Brüssel, wo er für den GRU unter dem Decknamen „Kent“ ein Agentennetzwerk aufbaute und per Funk Moskau mit Nachrichten versorgte. Unter anderem arbeitete er mit dem GRU-Agenten Leopold Trepper zusammen, der eine Organisation in Paris leitete.

Erstklassige Informationen, denen alle misstrauten

Die sowjetischen Agenten waren sehr erfolgreich und berichteten Moskau detailiert über die Vorgänge im von Nazi-Deutschland besetzten Europa. Unter anderem warnten sie Stalin bereits sehr frühzeitig vor Hitlers Plänen, die Russland anzugreifen. Die Geheimdienstleitung, die während der Säuberungen unter Stalin fast vollständig ausgewechselt worden war, misstraute jedoch den Informationen und ignorierte sie. Bis Kriegsende gelang es der deutschen Abwehr und Gestapo, fast die gesamte „Rote Kapelle“ zu zerschlagen, eine Grosszahl der Agentinnen und Agenten wurde verhaftet, gefoltert und umgebracht.

Auch Gurewitsch fiel 1942 in die Hände der Gestapo, etwas später wurde auch sein Partner Leopold Trepper verhaftet. Beiden gelang es jedoch die Deutschen irrezuführen und den Krieg zu überleben. Statt jedoch für ihre Verdienste für die Sowjetunion ausgezeichnet zu werden, sperrte man sie beide nach ihrer Rückkehr nach Moskau in der „Ljubjanka“ ein, und erst nach dem Tod Stalins 1953 kamen sie frei. Unter Chruschtschew verhaftete man Gurewitsch erneut, so dass er insgesamt 25 Jahre in Haft verbrachte. Erst 1991 rehabilitierte ihn der russische Staat und anerkannte seine Dienste.

Verworrene Schicksale der einzelnen Agenten und Gruppen

In einer kürzlich gedrehten Fernsehserie wurde auch sein Schicksal erzählt, allerdings bezeichnete Gurewitsch den Film als Lüge. Die Geschichte der einzelnen Agenten und Spionagegruppen, zu der auch das deutsche Netz um Harro Schulze-Boysen (siehe Bild) gehörte, ist sehr verworren und voller Widersprüche. Umstritten ist auch in vielen Fällen, wieviel ihrer Geheimnisse und Kontaktleute die verhafteten Spione unter der grausem Folter der Gestapo preisgaben.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. eva sagt:

    Lieber Herr Benda,

    danke für Ihren Kommentar – ich muss Ihnen in der Hinsicht Recht geben, dass in der Geschichte der Roten Kappelle und der Geheimdienste noch heute sehr viel unklar ist. Eine der verworrensten Geschichten ist das Verhältnis zwischen den verschiedenen Organisationen Nazideutschlands – Gestapo, Abwehr und SS haben ständig gegeneinander intrigiert und um Einfluss gekämpft. Man weiss heute, dass auch Heydrich in den eigenen Reihen viele Feinde hatte.

    Darum sind die Fronten sehr unklar, und es darf eigentlich nicht erstaunen, dass gewisse Leute von der „Gegenseite“ durch die Russen gedeckt wurden. Nicht nur die Russen, sondern auch die übrigen Siegermächte haben nach dem Krieg Kriegsverbrecher gedeckt, um sie für eigene Zwecke zu „verwenden“, während andere im Gefängnis landeten. Leider ist dies ein sehr schmutziges Kapitel in der Geschichte.

    Ich habe mich bei meinem Artikel am Wikipedia-Artikel orientiert und versuchte mich neutral auszudrücken. Ich habe vor einigen Jahren die Autobiografie von Leopold Trepper gelesen und kann mich daran erinnern, dass er darin „Kent“ ebenfalls stark belastet, von sich aber behauptete, niemanden verraten zu haben.

    Ich denke, dass sowohl er wie auch Gurewitsch nicht die ganze Wahrheit gesagt haben. Bedenken Sie, dass Guerwitsch irgendwie in Russland weiterleben musste und sich darum eine „Wahrheit“ ausdenken musste, die nicht gefährlich für ihn war. Über Pannwitz bin ich leider schlecht informiert. Eine gute Quelle ist Piekalkiewiczs Geschichte der Spionage und Geheimdienste. Leider habe ich sie im Moment nicht zur Hand.

  2. Stepan sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    Ihre Berichtserstatung über den Tod von A. Gurewitsch ist milde gesagt irreführend.

    Wie so kam A. Gurewitsch 1945 zurück nach Moskau in Begleitung von Heinz Pannwitz, der ein von den Tschechoslowaken durch einen „wanted report“, ausgestellt im Herbst 1945 in Frankfurt am Main, gesuchter Kriegsverbrecher war?

    Wieso ist weder er noch Gurewitsch in Russland von Stalin hingerichtet worden?

    Es gab so viele, die für unvergleichbar kleinere „Taten“ in dieser Zeit in Ljubljankas Kellern endeten.

    Pannwitz, der Henker von Lidice, derjenige, der die tschechoslowakischen Attentäter von Heydrich zur Strecke brachte, ist von Stalin für Jahre in der SU unter falschem Namen vor den tschechoslowakischen Justizbehörden versteckt gehalten worden? Er wurde für seine Taten, gegen die tschechoslowakischen Patrioten nie vor Gericht gestellt.

    A. Gurewitsch war sein Vertrauter und Helfer. A. Gurewitsch hat die ganze Rote Kapelle aufliegen lassen und hat zehnte von seinen „Mitarbeitern“ auf dem Gewissen.

    Gurewitsch hatte mit Pannwitz schon im Sommer 1941, also noch vor dem deutschen Überfall auf die SU, bei seinem Bersuch in Prag Kontakkt aufgenommen und angefangen auch für Gestapo zu arbeiten. Er wurde dazu offensichtlich von Moskau autorisiert.

    Es war eine gemeinsame Aktion von Sowjets and Gestapo gegen die tschechoslowakische Regierung in London zu Zeiten des Molotow-Ribentrop Paktes.

    Später als die SU zu Alliierten gestoßen ist, wurde diese Zusammenarbeit, natürlich inoffiziell fortgesetzt und Pannwitz half Gurewitsch nach seiner Verhaftung in Marseille, und Gurewitsch half Pannwitz nach ihrer gemeinsamen Verhaftung in Österreich im 1945.

    Dies alles wurde von der sowjetischen Seite gebilligt und gedeckt.

    Gurewitsch lebte zwar sehr lange, die Wahrheit hat er aber offensichtlich bis zu seinem Tod nicht gesagt. Fürchtete er die KGB – NKWD noch bis heute?

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