Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

Gedenk-Aktion „Letzte Adresse“ in ganz Russland verbreitet

Von   /  27. August 2018  /  1 Kommentar

    Drucken       Email

eva.- Die Aktion „Letzte Adresse“, die vor vier Jahren in Moskau ins Leben gerufen worden war, hat sich mittlerweile in mehreren Dutzend russischer Städte verbreitet. Mit kleinen Gedenktafeln wird an die tausenden von Opfern der stalinistischen Willkür gedacht. Ihr letzter Wohnort vor ihrem Verschwinden wird gekennzeichnet – als Mahnmal für die junge Generation und als Ersatz für die mangelnde Geschichtsaufarbeitung durch den russischen Staat.

Vor dem Eingang eines Wohnhauses im alten Petersburger Stadtteil „Kolomna“ hat sich eine Gruppe von Leuten versammelt, die schweigend das einfache Ritual verfolgen: Ein Mann mit einem Elektroschraubenzieher befestigt eine kleine Aluminiumplatte, aus der ein kleines Quadrat ausgeschnitten wurde und mit einfacher Schrift die Lebensdaten eines Menschen eingraviert wurden: Ewgeni Iwanowitsch Tarskij – Hafenangestellter – geboren 1888 – verhaftet am 12.02.1938 – erschossen am 28. Juni 1938 – rehabilitiert 1957. Darunter hält eine weisse Rose ein stilles Andenken.

Daneben hängt bereits eine andere Platte – sie ist der lettischen Buffet-Angestellten Johanna Gedartowna Prejman gewidmet, die zwei Monate früher als Tarskii verhaftet und im Februar 1938 erschossen worden war. Wie die Journalistin Natalia Schkurenok verrät, wurde Prejman gemäss Archivunterlagen zweimal verhört – dabei gestand sie zweifellos unter Drohungen und Folter die unglaublichsten Verbrechen. Nebst Spionage soll sie die Vergiftung einer ganzen Schiffsbesatzung geplant haben.

Verhaftet und erschossen wegen ihrer Nationalität

Die Anschuldigungen gegenüber Ewgeni Tarski klingen ähnlich absurd – auch er soll spioniert haben, was auch immer sich die Stalins Schergen damals ausgedacht hatten, um die Erschiessungslisten aufzufüllen. Sehr wahrscheinlich fielen die beiden verschiedenen Verhaftungswellen zum Opfer – den so genannten „Nationalen Operationen“, in denen jeweils verschiedene Nationalitäten verfolgt wurden. So bestand die „Schuld“ der beiden wohl einfach darin, dass er polnische und sie lettische Wurzel hatte, punkt. Dass sie gleich alt waren und im selben Haus wohnten, war sicher Zufall – vielleicht kannten sie sich nicht einmal.

Bald wird eine dritte Tafel angebracht werden – dafür sorgen Pawel und Elena, eine junges Paar, das vor nicht langer Zeit in dieses Haus eingezogen ist. Mehr zufällig erfuhren sie vom Schicksal dieser Menschen und entschlossen sich, ihnen ein Denkmal zu setzen. Neben der Buffet-Angestellten, dem Hafen-Angestellten lebte hier noch der Professor und Hochschul-Dozent Boris Fjodorowitsch Didrichson, der in denselben Jahren abgeholt und erschossen wurde. Drei Menschen völlig verschiedener Herkunft und Biografie – ein gemeinsames furchtbares Schicksal.

Aktiv auch in anderen Ländern der Ex-Sowjetunion

Der Moskauer Fond „Die letzte Adresse“ ist angewiesen auf die Initiative solcher Menschen und auf ihre Spendenfreudigkeit. Jede dieser Aktionen kostet rund 4000 Rubel, rund 50 Euro. Obschon die Organisation ohne jegliche staatliche Hilfe auskommen muss, hat sich ihre Tätigkeit seit 2014 auf Regionen in ganz Russland ausgeweitet. Seither wurden in rund 500 Gedenktafeln in 30 Städten und Dörfern angebracht – neben Moskau und Petersburg auch in Perm, Twer, Barnaul, Taganrog, Orel, Nischni Nowgorod, Rostow am Don u.a.

Gleichzeitig schlossen sich der russischen Aktion auch ähnliche Organisationen in Weissrussland, der Ukraine, Armenien und in den baltischen Staaten an. In St. Petersburg am Newski-Prospekt wurde kürzlich auch eine Gedenktafel für den deutschstämmigen Fotografen Viktor Bulla angebracht, dem Sohn aus der bekannten Fotografen-Dynastie, welche über Jahrzehnte das russische Leben dokumentierte.

Gegen Verherrlichung und Verklärung der Stalinzeit

Wie die „Stolpersteine, die in Deutschland an die jüdischen Opfer der Nazizeit erinnern, wirken die kleinen Metallschilder in der Ex-Sowjetunion gegen das Vergessen und Wegschauen gegenüber der Verbrechen während der Stalinzeit. Sie versucht auch anzukämpfen gegen die Verklärung und Verherrlichung des grausamen Diktators und seinen mörderischen Handlangern, die durch den Kreml momentan gefördert oder zumindest toleriert wird.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.poslednyadres.ru

Weitere Artikel zu diesem Thema:

„Die letzte Adresse“ – Erinnern in einer Zeit des Vergessens

Gedenkstein für Fotografen Viktor Bulla (1883-1938) angelegt

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    Ich hoffe das diese Erinnerungsplaketten nicht von irgendwelchen falschen Patrioten wieder abgerissen werden. Viele wollen das ja gar nicht wissen und für andere ist Stalin kein Massenmörder sondern ein Held.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Russland-Blog: Megapolis Moskau – Begegnung mit Bulgakow

mehr…