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Gastarbeiter verlassen wegen Krise massenhaft Russland

Von   /  20. Dezember 2014  /  Keine Kommentare

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mm. – Das Deutsche Wort „Gastarbeiter“ wird im Russischen mit gleicher Bedeutung verwendet, aber es ist derweil fast ein Schimpfwort. Es bezeichnet die Heerscharen von Arbeitsmigranten welche aus ehemaligen Sowjetrepubliken nach Russland kommen und dort meist unter prekären Arbeitsbedingungen und zu relativ geringem Lohn arbeiten. Diese bilden das Rückgrat der Bauindustrie in Russland und weiter Teile der russsischen Wirtschaft.

Sie erledigen auch in anderen Bereichen die Arbeiten, für die sich kein oder nicht ausreichend russische Arbeitnehmer finden. Obwohl die Gastarbeiter so wichtig für die Wirtschaft sind erfahren sie durch Staat und Gesellschaft keine Anerkennung. Statt  dessen wird  Ihnen wird mit vielen Vorurteilen begegnet. Eine solide Portion  Alltagsrassismus schlägt den meisten dunkelhäutigen Migranten entgegen. Auch die fortlaufende Unterstellung von Illegalität und Kriminalität durch Behörden und Bevölkerung wird durch die Art der Berichterstattung in den Medien nicht relativiert. Rechte Nazionalisten provozieren immer wieder Hetzjagden auf die vermeintlichen „Verbrecher“, und wie in den USA reicht das entsprechende Aussehen um fortlaufend von den Sicherheitsorganen kontrolliert zu werden.

Rubelkrise und Sprachtests

Im Zuge der Rubelentwertung und aus Anlass eines neuen Gesetzes zur Prüfung der Kenntnis  der Russischen Sprache und russischer Geschichte, verlassen jetzt die Gastarbeiter Massenhaft das Land. Der Test wird ab dem 1. Januar obligatorisch und muss vom Antragsteller selbst bezahlt werden.

Vertretern der Diaspora befürchten das bis zu 25% der Arbeiter das Land verlassen, und in Ihrer Not und durch allfällige Kredite in Harter Dollar gezwungen sind sich neue Beschäftigung in anderen globalen Hotspots zu suchen.

Neue Aufgaben als Legionäre

Karomat Shapirov von der Organsation der Tadschikischen Arbeitsmigranten befürchtet auch das einige bislang legal beschäftigte Arbeitnehmer in die Illegalität abtauchen. Er betont das nicht der Rubelverfall sondern vor allem die neuen Tests der Hauptgrund für den Massenexodus sind.

Pro Arbeitnehmer koster die Prügung um die 30000 Rubel und es gibt praktisch keinen seiner Landsmänner, der soviel Geld zur freien Verfügung hat. Er befürchtet weiter, das einige der so getriebenen Landsleute mit der Waffe in der Hand als Legionäre in die angrenzenden Konfliktregionen reisen anstatt sich von den hiesigen Behörden kriminalisieren zu lassen.

Da die Migranten in „Dollar“ rechnen und die Rubel immer in die US Währung konvertieren bevor das Geld nach Haus senden trifft Sie der aktuelle Rubelkurs hart. Viele von Ihnen haben Kredite in Dollar aufgenommen die sie mit dem Verdienst jetzt nicht mehr abgelten koennen.

Vier Millionen „Illegale“

Wie der russische  föderale Migrationsdienst berichtet geht er in einer aktuellenBestandsaufnahme davon aus, das die Hälfte aller Arbeiter in Moskau und St. Petersburg arbeiten und von diesen wiederum ca. 70% illegal arbeiten.  Die Behörde schätzt das 4 Millionen Arbeiter ohne Papiere als illegale im Land arbeiten.

Die Arbeitseinkommen der Arbeiter haben durch die Rubelentwertung massiv gelitten. Da die Löhne zumeist sofort in Dollar konvertiert werden und nach Hause gesendet werden hat der Kursverlust von 50% extreme Auswirkungen auf die Einnahmen der Arbeiter aber auch Ihrer Heimatländer. Der durchschnittliche Lohn in St. Petersburg betrug vor der Krise ca. 300$.

Die Hälfte weniger Geld für die Heimat

Gemäs der russischen Zentralbank wurden in der ersten Hälfte 2014 aus St. Petersburg über 204 Tausend Bargeldüberweisungen zu einem Gesamtbetrag von 2,8 Billionen Rubeln von Personen ohne eigenes Bankkonto ausgeführt. (2.8 Milliarden Rubel waren am 1.6.2014   60.48 Millionen Euro.   (1 Euro entsprach ca. 46,30 Rubel).

Die Überweisungen der Arbeiter sind dabei ein wesentlicher Anteil am Cash-Flow, da die Arbeiter Ihrer Familien üblicherweise zuhause  lassen. Die grössten Empfängerländer sind dabei Tadschikistan, Usbekistan und die Ukraine. Die Statistik für das 3. Quartal 2014 ist noch nicht veröffentlicht, aber der Transfer von Geldern in die GUS ist um ca. 50% seit August gefallen.

Eine tuere neue Hürde – die Prüfung von Sprache, Recht und Geschichte

Das neue Gesetzt welches ab 1. Januar in Kraft tritt, betrifft alle Antragsteller für eine temporäre Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis. Davon ausgenommen sind lediglich die hochqualifizierten Arbeitnehmer. Der Test umfasst sowohl die russische Sprache, die russische Geschichte und die grundlegenden Gesetze die es in Russland zu beachten gilt.

Im Sprach-Test werden 100 Fragen gestellt von denen 2 Drittel oder 66 korrekt beantwortet werden müssen. Bei den Tests zur Geschichte und russischem Recht müssen jeweils 20 Fragen beantwortet werden. Von den Tests ausgeschlossen sind lediglich Rentner , Kinder und Behinderte. Bisher benötigten die Arbeiter lediglich eine zeitlich Begrenzte Aufenthaltserlaubnis und eine Arbeitslizenz welche zumeist vom Arbeitgeber organisiert wurde.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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