Laden...
Sie sind hier:  Home  >  Aktuell  >  Aktuelle Artikel

„Für ausländische Unternehmen in Russland ist der Abwärtstrend vermutlich zu Ende“

Von   /  3. November 2016  /  Keine Kommentare

    Drucken       Email

Von Eugen von Arb

Die Talsohle der russischen Wirtschaftskrise scheint nun endlich erreicht zu sein, und im kommenden Jahr darf sogar mit einem bescheidenen Wachstum gerechnet werden, meint der Wirtschaftsexperte Daniel Rehmann. Russlands Wirtschaft lebt mehr schlecht als recht mit der Sanktionenpolitik – aber sie lebt. Dank dem billigen Rubel kann sie sogar vermehrt Produkte zu exportieren.

SPB-Herold: Wie ist die allgemeine Wirtschaftslage in Russland?

Daniel Rehmann: Die Wirtschaftslage hat sich stabilisiert. Es gibt zwar auch dieses Jahr noch eine leichte Rezession, aber es ist Erholung in Sicht. Der Erdölpreis ist wieder gestiegen, und es kann sein, dass es 2017/18 wieder eine positive Entwicklung gibt. Zwar nicht viel – so ein bis zwei Prozent. Dies kommt sehr auf den Erdölpreis an. Aber grundsätzlich ist wieder eine positive Entwicklung absehbar.

SPB-Herold: In welchen Bereichen?

Daniel Rehmann: Die Landwirtschaft hält sich immer noch sehr gut, und auch im Chemie-Sektor ist die Lage relativ positiv. Auch dort, wo der russische Staat investiert und modernisiert entwickelt sich die Wirtschaft. Auch die Möglichkeiten für die Unternehmen, Kredite zu bekommen und an die Finanzmärkte zu gehen, haben sich wieder verbessert.

SPB-Herold: Wegen des Rubelkurses?

Daniel Rehmann: Einerseits wegen des besseren Wechselkurses, andererseits wegen der Lockerung der Finanzrestriktionen. Vor zwei Jahren wurde russischen Unternehmen der Zugang zu den internationalen Finanzmärkten indirekt durch Sanktionen behindert – diese haben sich mittlerweile abgeschwächt. Der russische Staat hat Staatsanleihen aufgelegt, die überzeichnet wurden. Es ist ganz klar, dass hier wieder die Möglichkeit besteht, Geld im Ausland aufzunehmen.

SPB-Herold: Wie stehts um die Sanktionen?

Daniel Rehmann: Die Sanktionen wurde kürzlich wieder um ein halbes Jahr verlängert, aber es besteht schon ein gewisser Druck im Westen, die Situation längerfristig zu überdenken.

SPB-Herold: Gibt es Hoffnungen auf den Präsidentenwechsel in den USA?

Daniel Rehmann: Ich denke nicht, dass dies grosse Auswirkungen haben wird auf die wirtschaftliche Realität in Russland.

SPB-Herold: Aber vielleicht auf die Sanktionen?

Daniel Rehmann: Es könnte sein, dass dies Einfluss haben wird auf die Finanzsanktionen. Allerdings hat dies sehr viel zu tun mit Geopolitik, und in diesem Bereich ist es sehr schwierig, Voraussagen zu machen. Es ist sehr viel passiert seit 2014, und ich denke, es wird seine Zeit brauchen, bis sich die Lage zwischen Russland und dem Westen politisch und wirtschaftlich wieder normalisiert.

SPB-Herold: Wie geht es den ausländischen Unternehmen in Russland?

Daniel Rehmann: Für sie ist der Abwärtstrend vermutlich zu Ende. Dieses Jahr hat vor allem die Maschinenindustrie gelitten. Die Investitionen in Unternehmen in Russland sind zwar immer noch rückläufig. Ich rechne aber damit, dass es im nächsten Jahr durchschnittlich wieder ein leichtes Wirtschaftswachstum geben wird. Für jene Unternehmen, die in Russland geblieben sind, stellt sich natürlich die Frage wie es mit dem russischen Markt weitergehen wird. Soll man lokalisieren, investieren oder sich zurückziehen – diese strategischen Entscheidungen stehen jetzt vielerorts an.

SPB-Herold: Hat sich von russischer Seite etwas geändert?

Daniel Rehmann: Im internationalen Doing Business Rating hat Russland zwar wieder einige Punkte gut gemacht, aber insgesamt hat sich an den Rahmenbedinungen wenig geändert. Es gibt keine strukturellen Reformen – sicher nicht bis zu den Präsidentenwahlen 2018.

SPB-Herold: Wie sieht es mit den Import aus westlichen Ländern nach Russland aus?

Daniel Rehmann: Die meisten europäischen Länder haben immer noch ein Minus im Aussenhandel mit Russland. Das heisst, Russland hat sich bis zu einem gewissen Grad von der Weltwirtschaft abgekoppelt, bzw. deglobalisiert. In Russland sind in den letzten Jahren die Realeinkommen zurückgegangen, und dementsprechend ist der Konsum gesunken – das könnte sich im kommenden Jahr möglicherweise ändern.

SPB-Herold: Zur Autarkie-Strategie Russlands gehört eine Steigerung des Exports dank dem günstigen Rubel – geht diese Rechnung auf?

Daniel Rehmann: Tatsächlich haben gewisse russische Unternehmen begonnen, vermehrt zu exportieren, und dabei besitzt die Schweiz nach wie vor eine Sonderstellung, weil sie sich nicht an den Sanktionen beteiligt. Ein grosser Teil der russischen Rohstoffexporte nach Europa werden über die Schweiz abgewickelt. Über Handelsgesellschaften (‚Swiss auxiliary company‘) in der Schweiz werden auch Fertigprodukte aus Russland exportiert, wobei davon nicht nur grosse Unternehmen, sondern auch MUs Gebrauch machen.

SPB-Herold: Welche Waren werden exportiert?

Daniel Rehmann: Neben den traditionellen Rohstoffen, sind es Fertig- und Halfertigprodukte, grösstenteils Baustoffe, aber auch Komponenten für die Möbelindustrie, die in Russland billig produziert werden können. Es ist immer noch relativ wenig, aber ein Anfang ist gemacht.

Daniel Rehmann ist Russland-Kenner und Spezialist für die Integration ausländischen Firmen im russischen Markt.

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.russiacontact.ch

Weitere Artikel zu diesem Thema:

Russlands Wirtschaft: „Die Chinesen haben die Produkte aus der Schweiz oder Deutschland nicht ersetzt“

„Wer nicht in Russland produziert, kann von Grossaufträgen ausgeschlossen werden“

Daniel Rehmann: „Die Krise in Russland lässt sich nutzen“

    Drucken       Email

Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren...

Das Taurische Orchester zwischen Klassik und Rock, zwischen Vergangenheit und Gegenwart

mehr…