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Franz Hohler in St. Petersburg: „Alle Satiriker sind verwandt miteinander“

Von   /  11. März 2016  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Er ist für seine Vielseitigkeit, seinen Humor und auch für seine Widerborstigkeit bekannt, sein kleines und grosses Publikum kennt ihn als Schriftsteller, Kabarettisten und Satiriker: Franz Hohler. Begleitet von seiner Frau Ursula besuchte er Petersburg für eine Reihe von Lesungen, an denen er die ganze Vielfalt seines Schaffens vorstellte. Ob in der Bibliothek, oder im Uni-Hörsaal – stets schien er auf einer imaginären Bühne zu stehen, auf der er seine Geschichten spielte und die Zuschauer zum träumen, nachdenken und lachen brachte. Als Dolmetscherin machte Juliana Kaminskaja mit ihrem ganzen Charme und Humor sowie mit feinem Sprachgefühl Hohlers Werk auch dem russischen Publikum zugänglich, das mit Begeisterung reagierte. Nach seinen Auftritten im Hotel „Helvetia“, an der Herzen-Universität, in der Majakowski-Bibliothek und im Goethe-Institut gab er dem „Herold“ ein Interview.

SPB-Herold: Franz Hohler, nach Moskau sind Sie jetzt auch nach St. Petersburg die zweite Hauptstadt Russlands gekommen. Was ist es für ein Gefühl aus einem der kleinsten Länder ins grösste zu kommen?

Franz Hohler: Ja, man kann das auch anders sehen. Man kann auch fragen: Wie ist das Gefühl, aus einer der kleinsten grossen Städte in wirklich grosse Städte zu kommen? Ich war ja bis jetzt nur in Städten, und das gibt noch kein Gefühl für die Grösse eines Landes. Aber es gibt eine Gefühl für die Atmosphäre einer Stadt.

SPB-Herold: Und was ist Ihnen dabei aufgefallen?

Franz Hohler: Ich war vor 26 Jahren einmal in Moskau, und der Unterschied zu jetzt ist schon beträchtlich. Ich hatte den Eindruck, jedes dritte Gebäude in der Stadt sei eine Bank – schon fast wie Zürich. Das kommt einem sehr bekannt vor! (lacht). Man sagt sich – „Ach schau, Raiffeisen und Mc Donald’s sind auch schon da! Der Einzug der Globalisierung war sehr augenfällig für mich. Was einen an früher erinnerte, sind die Reglementierungen. Wenn Du einen falschen Weg einschlägst, dann ist sofort jemand da, der dir sagt, hier gehe es nicht durch. In Moskau hatte ich den Eindruck einer starken Präsenz von Ordnungskräften. Insgesamt eine lebendige Stadt, wobei mir Petersburg etwas fröhlicher und lockerer zu sein schien. Aber das sind oberflächliche und vordergründige Eindrücke.

SPB-Herold: Sie wollten während Ihres Petersburger Besuchs den Piskorewskoe-Friedhof besuchen, wo die Opfer der Leningrader Blockade begraben sind, und das Bild und das tragische Tagebuch des Mädchens Tania Sawitschewa sehen, dessen ganze Familie verhungerte. Warum war das so wichtig für Sie?

Franz Hohler: Erstens hat mich die Belagerung von Leningrad immer sehr beeindruckt – als ein besonders widersinniges Kriegsereignis, weil es allein gegen die Zivilbevölkerung gerichtet war und auf deren Auslöschung zielte. Ich wollte die Gräber sehen, um den Opfern zu gedenken und mich nicht sofort in den touristischen Mainstream einzureihen. Zweitens war ich sehr beeindruckt vom Tagebuch des kleinen Mädchens, das beschrieben hat, wie nach und nach seine ganze Familie ausgelöscht wurde. Ihr Schicksal hat mich an jenes der bosnischen Schriftstellerin Zlata Filipović erinnert, die als Kind und unschuldiges Opfer die Belagerung von Sarajewo während des jugoslawischen Bürgerkriegs erlebte. Ich bereite momentan eine Anthologie mit „einseitigen Geschichten“ vor und möchte Tanias Tagebucheinträge auch darin aufnehmen. Die letzten drei Sätze sind eine Geschichte, die von einem zehnjährigen Mädchen erzählt wird, und die wahr ist.

SPB-Herold: Sie schreiben für Kinder und Erwachsene – für wen lesen Sie lieber?

Franz Hohler: Für beide, sonst würd ich nicht für beide schreiben. Es kommt dann eben einfach auf den Moment an. Es ist nicht unbedingt leichter für Kinder zu lesen, besonders, wenn der Altersunterschied gross ist. Zwischen Siebenjährigen und Fünfzehnjährigen liegt schon eine ganze Welt.

SPB-Herold: Welche Welt?

Franz Hohler: Die Welt des Erwachsenwerdens, des Verlusts der Kindheit. Es fragt sich dann, ob es gelingt, die älteren Kinder, die schon halb erwachsen sind, noch einmal in den Erzählmodus der magischen Welt hineinzuziehen.

SPB-Herold: Gibt es diese magische Welt für die Erwachsenen nicht mehr?

Franz Hohler: Die gibt es durchaus, aber man muss sie ein wenig hervorkitzeln. Viele meiner Erzählungen kippen ins Fantastische, Absurde oder Märchenhafte. Zum Beispiel wie im Märchen „Das Zauberschächtelchen“ oder die „Spaghettifrau“. Sie sind durchaus auch Märchen für Erwachsene. Eigentlich freut es mich immer, wenn es mir gelingt, etwas zu schreiben, was sowohl für Kinder wie auch für Erwachsene verständlich ist und Spass macht.

SPB-Herold: Ihre Eltern waren Lehrer, viele Ihrer Texte werden in Schulbüchern abgedruckt – gingen Sie gerne zur Schule?

Franz Hohler: Ja, ich ging gerne zur Schule. Das fiel mir um so leichter, als dass ich ein guter Schüler war und eigentlich nie viel Hausaufgaben machen musste. Ich war manchmal voller Unverständnis für Kinder, die etwas nicht verstanden haben. Ich fand es so einfach. Ich ging sehr gerne in die Primarschule, später im Gymnasium war es dann schon sehr Abhängig von den Lehrern.

SPB-Herold: Wie wurde aus dem Musterschüler ein Rebell?

Franz Hohler: Das hat mich selber überrascht. Ich hab mich eigentlich gar nie als Rebell betrachtet. Aber ich hab dann meinen eigenen Weg gesucht und habe eigentlich immer gefunden, das sei normal, oder das stimme für mich. Ich zweifelte nie daran, dass man die Ansichten, die ich vertrat vertreten kann und war ein wenig erstaunt darüber, dass dies nicht alle so fanden. (lacht)

SPB-Herold: War das vielleicht auch ein wenig kindisch?

Franz Hohler: Ja, vielleicht war das etwas zu naiv. Es gab für mich Dinge, die waren so klar. Als ich mich beispielsweise über die Atomenergie informiert habe, fand ich, man sollte diese Art von Energieerzeugung, die Abfälle hinterlässt, welche über soviele Generationen hinweg strahlen, auf keinen Fall nutzen. Das war zu dieser Zeit eine Meinung, mit der man ziemlich rasch marginalisiert und in die linke Ecke gestellt wurde. Es war für mich ein gutes Erlebnis, als diese Meinung nach dem Unglück von Fukushima mehrheitsfähig wurde und der Bundesrat beschloss, aus der Atomenergie auszusteigen. Ich hätte mir den Ausstieg allerdings etwas schneller vorgestellt. Ähnlich war es auch mit dem Bankgeheimnis. Die Bankeninitiative in den Achtzigerjahren hatte keine Chance – und jetzt ist das Bankengeheimnis praktisch abgeschafft.

SPB-Herold: Sie sind als „Dünkischott“ gegen Atomkraftwerke geritten und attackierten die ganze bürgerliche Schweiz mit ihrer Satire. Heute sind sie populär – in Russland würde man sagen, ein „Volkskünstler“. Was ist passiert – sind sie gemässigter geworden, oder die Schweizer weniger bürgerlich?

Franz Hohler: Wahrscheinlich stimmt beides. Aber ich setze mich durchaus ein für politische Anliegen, die mir wichtig scheinen – zum letzten Mal geschah dies gegen die Durchsetzungsinitiative (Einschränkung der Rechte von Migranten in der Schweiz). Von der politischen Umgebung wird es heute vielleicht etwas normaler angesehen, dass man als Künstler seine Meinung einbringt. Was man politisch denkt, ist nie der ganze Mensch – das gilt gerade für jene Menschen, die eine andere Meinung vertreten als ich. Ich habe einmal an der politischen Talkshow „Arena“ am Fernsehen teilgenommen. Mein Meinungsgegner, ein Nationalrat der konservativen Volkspartei machte mir im Verlauf der Diskussion Komplimente zu meinem Buch und liess es anschliessend auch signieren. Heute bekam ich eine Mail von einem Leser, der mir schrieb, er sei begeistert von meinem Büchern. Er sei Rechtspopulist, aber das spiele keine Rolle. So etwas wäre vor 30 Jahren nicht passiert. Es war irgendwie klarer, dass man dort, wo man mit seiner Meinung stand, auch mit seiner Kunst stand.

SPB-Herold: Geht es vielleicht auch darum, dass Widerspruch mehr akzeptiert wird?

Franz Hohler: Seltsam ist ja, dass der Widerspruch eigentlich Teil unseres politischen Systems und unserer Überzeugung ist. Und dass Demokratie daraus besteht, dass verschiedene Meinungen geäussert werden und daraus ein Konsens entsteht. Vermutlich hat uns der Kalte Krieg damals mehr beeinflusst als uns bewusst war. Wir standen in einem Kräftefeld, das zwischen Links und Rechts vibrierte. Das war wie ein „Entweder, oder“, und es gab gar nicht viele Fragen, die durch dieses Schema nicht erfasst wurden. Das hat sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs geändert. Es war für mich eines der stärksten Erlebnisse meines Lebens, zu sehen, dass etwas, was man für so stabil gehalten hatte, innerhalb eines Jahres weggefegt wurde. Ausserdem tauchte mit der Diskussion über die Mitgliedschaft der Schweiz in der EU eine neue und grosse Frage auf, die alle Parteien spaltete und nicht mehr durch das alte System erfassbar war. Das war für mich ein Signal, dass diese Rechts-Links-Polarisierung nicht mehr funktioniert.

SPB-Herold: Wie hat sich die Satire während ihrer Karriere verändert – gibt es einen Unterschied zur russischen?

Franz Hohler: Die Satire hat sich in letzter Zeit Richtung Comedy verschoben. Die Bühnen werden stärker von Akteuren mit dicken Brillen und tiefsitzenden Bérets bevölkert, während die Satire, welche die Zustände und die Menschen auf ihre Schwachstellen hin abklopft, eher seltener geworden ist. Die Russen haben grosse satirische Romane geschrieben, Gogol „Die toten Seelen“, Bulgakow „Der Meister und Margarita“, Charms hat absurde Kürzestsatiren geschrieben, Sostschenko eher gemütvolle, verdauliche satirische Geschichten. Die heutigen Autoren kenne ich zu wenig, aber im dtv-Bändchen „Junge russische Literatur“ sind einige sehr witzige Stücke enthalten, in denen ein ähnlicher Geist der Satire weht, wie er auch bei uns zu spüren ist. Ich glaube, die satirische Haltung ist etwas Universelles. Alle Satiriker sind verwandt miteinander. Gehen Sie in irgendein Land der Welt und fragen Sie nach Satire. Sie werden immer eine Antwort bekommen.

SPB-Herold: Bulgakow, Paustowski und Charms sind ihre russischen Lieblingsautoren. Mir scheint, Charms steht Ihnen besonders nahe –  wenn Sie die Möglichkeit hätten, zusammen mit Daniil Charms ein gemeinsames Projekt zu machen, was würden Sie ihm vorschlagen?

Franz Hohler: Vielleicht etwas Ähnliches wie ich mit Jürg Schubiger, meinem verstorbenen Freund gemacht habe: Hin- und Her-Geschichten. Es gibt ein Buch von uns. Darin haben wir uns Geschichten geschrieben. Einer schreibt eine Geschichte, schickt sie dem anderen. Dieser nimmt ein Motiv daraus heraus und macht daraus eine neue Geschichte. So etwas würde ich mit Charms auch gerne machen.

SPB-Herold: In Ihrer Geschichte „Wie die Berge in die Schweiz kamen“, tauschen die Schweizer mit den Holländern Tulpen gegen Berge ein. Was könnten die Schweizer mit den Russen tauschen?

Franz Hohler: In Moskau war ich an einer Einladung der Schweizer Botschaft, wo man mir erzählt hat, dass sich eine Delegation von schweizer Gefängnisdirektoren mit ihren Kollegen trifft, um russische Gefängnisse zu besichtigen. Der Botschafter erklärte mir, dass dieser Austausch schon lange existiere und dass die Schweizer gesagt hätten, dass ihre russischen Kollegen zum Teil viel bessere Ideen im Strafvollzug für Jugendliche hätten, in dem sie zum Beispiel Fernschachturniere organisierten und zwar unter der Leitung des ehemaligen Weltmeisters Anatoli Karpow. Die Schweizer haben diese Idee aufgenommen. In diesem Fall war ich besonders überrascht, weil es ganz gegen das Klischee lief, dass schweizer Gefängnisse sicher viel besser seien als russische. Und so denke ich, gibt es immer Möglichkeiten, Ideen auszutauschen.

Dossier: Franz Hohler (geb.1943) wuchs in Olten in der Nordschweiz auf und begann bereits als Student an der Universität Zürich Kabarettprogramme zu schreiben.  1965 trat er erfolgreich mit seinem ersten Soloprogramm  „pizzicato“ auf, worauf er das Studium abbrach und sich ganz der Kunst widmete. Sein Werk umfasst unzählige Kabarettprogramme, Theaterstücke, Radio- und Fernseh-Produktionen, Kinderbücher, Kurzgeschichten und Romane für Erwachsene und Kinder. Eine ganze Reihe von Franz Hohlers Werken wurde ins Russische übersetzt.  Bekannt ist er aber auch als kritischer Beobachter  Charakteristisch für Hohlers Werk ist der Wechsel zwischen politischem Engagement und reiner Fabulierlust. Oft geht er auch von feinen Alltagsbeobachtungen aus, die unversehens ins Absurde kippen. Hohler begleitet sich bei seinen Auftritten in Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch oft selbst auf dem Cello. Hohler arbeitete immer wieder mit anderen Künstlern zusammen, beispielsweise mit dem Pantomimen René Quellet und dem Schauspieler und Kabarettisten Emil Steinberger.  Franz Hohler gehört heute zu den populärsten Autoren im deutschsprachigen Raum. Ebenso bekannt ist er aber auch als kritischer Beobachter des politischen Geschehens in seiner Heimat. Während der Achtzigerjahre engagierte er sich gegen die Atomenergie und ritt im Film „Dünki Schott“ (Don Quichotte) im Kampf gegen die Atomkraftwerke. Als er in einem Auftritt am Fernsehen die Schweizer Armee kritisieren wollte, wurde die Sendung gestrichen, was für einen landesweiten Skandal sorgte.

Bilder: Eugen von Arb/ SPB-Herold

www.franzhohler.ch

www.ursulahohler.ch

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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