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Fragen und Missverständnisse begleiten den 70. Blockade-Jahrestag

Von   /  27. Januar 2014  /  Keine Kommentare

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TOPTICKER.- Der 70. Jahrestag zum Ende der Leningrader Blockade wird von zahlreichen Widersprüchen, Missverständnissen und Diskussionen begleitet. Neben dem Verbot von Reklame deutscher Firmen im Stadtzentrum sorgte ein gestelltes „Kriegsbild“ auf einem Blockade-Plakat und das sonderbare Verschwinden eines Denkmals im Leningrader Gebiet für Verwirrung.

Wer in Petersburg lebt, hat sich an die Plakate gewohnt, die zum Gedenken an die Leningrader Blockade in der ganzen Stadt, auf Grossleinwänden, an Haltestellen und in der Metro aufgehängt werden. Es sind historische Fotos, auf denen der Moment des Siegs über die Wehrmacht und der Befreiung von der Belagerung festgehalten sind. Vor kurzem entdeckte jedoch der aufgeweckte Metro-Passagier Ewgeni Volodin, dass auf einem Bild ein Soldat in Nahaufnahme festgehalten ist, der in seiner Hand ein kleines Kreuz hält. Die Tatsache, dass ein Rotarmist während der Stalinzeit ein orthodoxes Kreuz um den Hals trug, machte ihn stutzig, und er wandte sich an die Lokalzeitung „Moi Rayon“.

Beten war nur heimlich möglich

Diese ging der Sache nach und befragte Experten danach, wie gross die Wahrscheinlichkeit sei, dass während des Zweiten Weltkriegs ein solches Bild entstanden sei. Der Journalist Daniil Kozubinski schloss dies aus – ein Soldat, der öffentlich ein Halskreuz gezeigt und gebetet habe, sei zu dieser Zeit mit allergrösster Wahrscheinlichkeit verhaftet und in den Gulag gesteckt worden.

Ausserdem hätte keiner der sowjetischen Kriegsberichterstatter solch ein Bild fotografiert, weil an der Front praktisch keine spontane Fotografien möglich gewesen seien. Auch der Kriegshistoriker Wjatscheslaw Krasikow schloss die Authenzität des Bildes aus und meinte, es sei wohl möglich gewesen, dass Soldaten heimlich gebetet hätten, doch hätte man dies immer vor den Politoffizieren verheimlichen müssen, die es in jeder Einheit gab.

„Soldatengebet“ entstand 2006

Gleichzeitig versuchte die Zeitung die Herkunft der Fotografie zu ergründen und wurde schliesslich fündig. Es stellte sich heraus, dass der junge Soldat nicht aus dem Spielberg-Streifen „Saving Private Ryan“ stammte, sondern aus dem Werk eines russischen Fotografen aus Armavir in Südrussland. Der 29.-jährige Shirak Karapetjan-Milshtein hatte mit dieser gestellten Aufnahme mit dem Titel „Soldatengebet“ von 2006 an einem Fotowettbewerb teilgenommen.

Mit dem Schwarzweissbild wollte er die Atmosphäre an der Front bei Kurs 1943 rekonstruieren. In der Bildunterschrift hielt er jedoch ausdrücklich fest, dass es sich um eine gestellte Aufnahme handelt. Offenbar hatte die Fotografie auch auf die Gestalter der Blockade-Plakate Eindruck gemacht, die das Motiv ohne Wissen des Autors für ihre Zwecke benutzten. Hätte man ihn gefragt, hätte er eingewilligt, sagte der junge Fotograf.

Mysteriöses „Verschwinden“ eines Denkmals

Eine weitere mysteriöse Geschichte ereignete sich am 25. Januar im Leningrader Gebiet. Als die Abgeordneten der städtischen gesetzgebenden Versammlung am 25. Januar zu der Eröffnung ihres aus eigenen Taschen gesponserten Denkmals am „Newski-Pjatotschok“ erschienen, war dieses auf einmal nicht mehr dort. Die Polizei ging zuerst  von Diebstahl aus. Nach fünfstündiger Suche meldeten sie den Fund des Denkmals auf der Baubasis neben der Ladogabrücke im Kirowsk-Bezirk. Es stellte sich heraus, dass es sich lediglich um ein Missverständnis zwischen der Stadt und dem Oblast Leningrad in der Frage des Standorts handelte, und das Denkmal fälschlicher Weise demontiert worden war.

Der Brückenkopf „Newski-Pjatotschok“ am Ostufer der Newa bei Kirow gehörte zwischen 1941-43 zu den blutigsten Schauplätzen der Leningrader Front. An dieser Stelle versuchte die Rote Armee den Blockadering zu durchstossen, wobei auf beiden Seiten zehntausende Soldaten ums Leben kamen. Mit dem Namen „Pjatotschok“ ist eine Fünfkopeken-Münze gemeint – damit wird auf die Winzigkeit des Brückenkopfs hingewiesen, dessen Verteidiger immer wieder unter grossen Verlusten von den Deutschen gegen die Newa zurückgedrängt wurden. (eva./kes.)

Bild: Eugen von Arb/ SPB-Herold

Das Original von Shirak Karapetjan-Milshtein finden Sie hier >>>

www.mr7.ru

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Fotogalerie: Die Blockade – das 900-tägige Trauma Leningrads

Anatoli Kaplan – schwarzweisser Chronist der Leningrader Blockade

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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