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Fischermanns Orchestra: „Wir kamen wegen der Musik nach St. Petersburg, nicht wegen des Wodkas“

Von   /  19. Juni 2013  /  1 Kommentar

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Von Eugen von Arb

Das Fischermanns Orchestra war vom 31. Mai bis am 3. Juni auf Tournee in St. Petersburg. In acht Konzerten stellten sich die 17 Improvisationsmusiker dem russischen Publikum vor – parallel zu den Auftritten wurde ein Experimentalfilm gedreht. Der St. Petersburger Herold befragte den Bandleader Thomas Reist über seine Eindrücke von der Russland-Reise.


SPB-Herold: Das Fischermanns Orchestra hat bereits ganz Europa durchquert und Konzert an den verschiedensten Orten gegeben – was war das Besondere an der Konzertbühne Petersburg?

Thomas Reist: Unsere WHITE NIGHTS TOUR 2013 führte uns eine Woche nach Piter. Für das Fischermanns Orchestra war dies die erste Tournee, welche sich auf eine einzige Millionenmetropole beschränkt. Es hat sich künstlerisch total gelohnt, mit dem Orchestra während einer Woche in St Petersburg aufzutreten.

SPB-Herold: Eure Musik hat zwar sehr viel Drive, kann aber sehr ungewohnt klingen – welchen Eindruck hattet Ihr von den Publikumsohren der Kulturhauptstadt Russland, eher verschlossen-konservativ oder offen für Innovatives?

Thomas Reist: Wir waren vom Konzertpublikum positiv überrascht. In all den fremden Ländern lässt es sich oft nicht zum voraus ausmachen, wie die Leute auf das Fischermanns Orchestra reagieren. Besonders beim Konzert mit dem St Petersburg Improvisors Orchestra hatten wir überraschend junges und interessiertes Publikum.

SPB-Herold: Ein Strassenorchester gehört auf die Strasse – doch mit Freiluftkonzerten auf belebten Plätzen ist es in St. Petersburg eher schwierig, weil die Polizei keine spontanen Ansammlungen liebt. War das neu für Euch, oder gab es ähnliche Situationen in anderen Ländern?

Thomas Reist: In Russland muss alles nach Reglement laufen, sonst gibt es Probleme. Auch andere Länder haben gegenüber spontanen Strassenkonzerten eine sehr restriktive Haltung: Zum Beispiel ist es in Spanien seit einigen Jahren gänzlich verboten, spontane Strassenkonzerte zu veranstalten, was doch eher überrascht.

SPB-Herold: Ihr hattet acht Konzerttermine und ein Filmprojekt in einer Woche zu bestreiten – habt Ihr von Petersburg überhaupt etwas mitbekommen?

Thomas Reist: Wir haben viel von St Petersburg erlebt und gesehen. Der Kontakt zu unseren Publikum und besonders zu unseren russischen Freunden, welche auch an dieser grossen Geschichte beteiligt waren, war sehr sehr herzlich. Die Woche war anstrengend, doch muss dazu gesagt werden, dass gerade unsere Projekte das Orchestra über so viele Jahre zusammenhalten.

SPB-Herold: Bei Stress und Hitze ist es sicher manchmal schwierig, die Disziplin aufrecht zu erhalten – was macht der Chef-Fischermann, wenn sich die eine Hälfte der Band in einer freien Minute auf ein kühles Bier freut und die andere einen schwierigen Einsatz nochmals proben will?

Thomas Reist: Wir kamen wegen der Musik nach St Petersburg, nicht wegen des Wodkas.

SPB-Herold: Ihr hattet ein gemeinsames Konzert mit dem Petersburger Improvisationsorchester – was passiert bei so einem Treffen – musikalisch und menschlich?

Thomas Reist: Das Konzert mit dem St Petersburg Imrovisors Orchestra war umwerfend. An der gemeinsamen Probe am Nachmittag haben wir die beiden Orchestras gegenübergestellt und uns gegenseitig einige Stück vorgespielt. Danach haben wir beschlossen aus den beiden Orchestras ein Grosses machen und am Abend schlussendlich mit einem ca. 25-köpfigen Orchestra auf zu treten. Es sind bei dieser Zusammenkunft einige Kontakte entstanden, auf welche man gespannt sein kann. Die Zukunft wird es uns zeigen.

SPB-Herold: Funktioniert ein russisches Improvisationsorchester anders als eines aus der Schweiz?

Thomas Reist: Das St Petersburger Improvisors Orchestra arbeitet mit ähnlichen Dirigierzeichen wie das London Improvisors Orchestra. Die Dirigiertechnik des Fischermanns Orchestra fand ihren Ursprung in der Zeichensprache des kürzlich verstorbenen amerikanischen  Improvisationsmusikers Butch Morris. Es mussten ein paar grundsätzliche Unterschiede geklärt werden, danach legten wir los – eine galaktische Sprache!

SPB-Herold: Man sagt zwar, Musik kenne keine Grenzen, doch sind die Sprachbarrieren in Russland bisweilen hoch – gab es während der Konzerte und Dreharbeiten Verständigungsprobleme, oder waren es vielleicht eher Mentalitätsbarrieren?

Thomas Reist: Das ist eine sehr schwierige Frage. Für ein grosses Projekt wie die WHITE NIGHTS TOUR 2013 eines war, braucht es viele Köpfe, welche für eine Idee einstehen. Doch sind es dabei x-verschiedene Perspektiven und Motivationen. Ohne Vertrauen, positive Energie und Liebe wäre sowas nicht möglich.

SPB-Herold: Gab es Begegnungen, aus denen in der Zukunft weitere Projekt entstehen werden?

Thomas Reist: Auf jeden Fall ! Ich kann im Moment nicht sagen, wann und wo. Vielleicht wäre es auch schön, einmal ein russisch-schweizerisches Projekt bei uns in den Alpen zu machen?!

SPB-Herold: Während des Fischermann-Besuchs wurde eine musikalische Liebesgeschichte mit dem Petersburger Schauspieler Sergey Dreyden gedreht – wo und wann wird man sie sich ansehen können?

Thomas Reist: Unsere Filmemacher Jan Buchholz und David Röthlisberger sind am Beginn der Postproduktion des ersten experimentellen Spielfilms vom Fischermanns Orchestra. Der Film wird bis im Herbst fertig sein und dann hoffentlich an verschiedenen Filmfestivals in Europa und Russland gezeigt. Die Zusammenarbeit mit unseren Schauspielern Tatjana Schapovalova (St. Petersburg), Sergey Dreyden (St Petersburg) und Kohei Yamaguchi (Tokio, Japan) war umwerfend!

SPB-Herold: Die Tage in Russland sind schnell vergangen, und im Juli steht bereits eine Tournee in Kolumbien auf dem Programm – kriegt man da keinen kulturell-musikalischen Jet-lag?

Thomas Reist: Ich hoffe nicht.

SPB-Herold: Viele Musiker des Fischermanns Orchestras unterrichten an Schweizer Musikschulen. Wie ist es, wenn man von einer fremden Musikkultur an die Arbeit zurückkehrt – bereichert es den Unterricht, oder ist es manchmal auch etwas schwierig, sich zuhause wieder zurecht zu finden?

Thomas Reist: Unsere Tourneen bereichern unseren Alltag auf jeden Fall. Als Musiker ist man es sich gewohnt unterwegs zu sein – einzig die endlosen Tage in Piter haben dem Fischermanns Orchestra ein bisschen zu schaffen gemacht !

SPB-Herold: Neben den Auslandstourneen hat das Fischermanns Orchestra auch in der Schweiz einen strengen Probenplan – wie gehen die „Fischerfrauen“ und die Familien mit dem zeitintensiven Engagement ihrer Partner um?

Thomas Reist: Ich hoffe das Fischermanns Orchestra lässt zu, dass seine Mitglieder auch älter werden. Beim Älterwerden birgt das Leben einige Überraschungen, die es zu entdecken gibt. Und genau dieser Entdecker-Geist treibt die Mitglieder immer wieder an und lässt eine Dringlichkeit aufkommen welcher man sich schwer entziehen kann. Oft denke ich an russische Seeleute, welche einige Monate weg sind – so weit sind wir zum Glück noch nicht.

www.fischermanns-orchestra.ch

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

1 Kommentar

  1. realsatire sagt:

    (anarchistische) ungebändigte improvisations Musik in St. Petersburg? Eine tolle Idee für Vielfalt und unabhängigkeit des Geistes zu streiten – wieder den Millonovs und anderen Kleingeistern, die Heimat, Religion missbrauchen um menschenfeindlich oder rassistischen motivierte Ausgrenzung zu betreiben.
    Weiter so Fischermänner!

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