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Typisch Russland: Fernsehfrühstück mit russischer „Plastikfamilie“

Von   /  26. Januar 2015  /  Keine Kommentare

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Von Eugen von Arb

Sonntagsfrühstück mit Fernseher – sowas kannte ich früher gar nicht. Aber in Russland ist es zu einer Gewohnheit geworden. Schuld daran ist sicher die Fernsehsucht meiner Frau, aber auch der verschlafene Charakter der Sendung „Solange alle zuhause sind“, die exakt mit meiner Aufwachzeit nach zehn Uhr zusammenfällt und mich noch etwas weiter dösen lässt.

Sie beschreibt sich selber als  Sendung mit „normalen Leuten“ für „normale Leute“, so eine Art Fernsehfamilie. Dabei sind es gar nicht normale Leute, sondern eine Art „Halbprominenz“, die man nicht in der Top-Sendezeit unterbringen kann. SängerInnen, SchauspielerInnen oder ihre Ex-GattInnen oder Kinder, die es in der Skala nicht ganz nach oben geschafft haben, aber trotzdem ihren Anteil an televisionärer Aufmerksamkeit einfordern.

Auch ihr Frühstück ist nicht echt, weil sie ja nicht essen dürfen, während der Moderator ihnen brave Fragen stellt, auf die sie brave Antworten geben müssen. Das geht nicht mit vollem Mund. Manchmal, wenn ich gerade mein Spiegelei oder Blinys (Pfannkuchen) kaue, proste ich ihnen voller Hohn mit der Teetasse zu. Immerhin dürfen ihre Kinder öffentlich Langeweile bekunden.

Eine Plastikfamilie. Das Fernsehfrühstück riecht nach nichts. Gestresste Schauspielerinnen spielen die Rolle der idealen Mutter und Hausfrau, obwohl die Torte auf dem Tisch sicher nicht selbst gebacken ist. Karrieresüchtige Regisseure mit 30 Jahre jüngeren Frauen geben sich als besorgte Familienväter aus, obschon sich die Familie wohl nur wegen der Sendung wieder einmal komplett versammelt hat.

Dann wirds ganz komisch: Die Waisenkinder sind an der Reihe. Ich werde wach. In jeder Sendung werden zwei Kinder aus einem Kinderheim in der russischen Provinz vorgestellt. Sie sind rührend herausgeputzt, und ihre Erzieherinnen preisen sie in den höchsten Tönen an. Sie malen oder sagen Gedichte auf. Ob sie jemand nimmt? Sicher ist alles gut gemeint, aber mir kommt jedes Mal die Tiersendung mit Heidi Abel in den Sinn.

Wie wenig die schüchternen Mädchen und Buben aus zerrissenen Trinkerfamilien in das zuvor angepriesene Familienbild mit den geblühmten Tassen um den Quarkkuchen herum passen! Mir ist, als hörte ich irgendwo Porzellan zerspringen.

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

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