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Feindliche Übernahme oder: Wie können russische Firmen ihrer Konkurrenz die Hölle heiss machen?

Von   /  11. Februar 2016  /  2 Kommentare

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eva.- In einem Artikel analysierte die Petersburger Zeitung „Delovoi Petersburg“ (DP) kürzlich ein heisses Thema – die feindliche Übernahme eines Unternehmens mit Hilfe fiktiver Kontrollen durch Behörden und Gerichtsverfahren – auf Russisch „Reidersky Sachwat“ genannt. Dieses dunkle Kapitel der russischen Geschäftswelt gehört eigentlichen in die wilden Neunzigerjahre, ist aber mit der Krise und dem wachsenden Konfliktpotential wieder hochaktuell geworden. Heiss daran ist, dass es automatisch die Korrumpiertheit der Behörden voraussetzt – sie alle haben laut „DP“ ihren Preis.

Wer russische Zeitungen liest, stösst gelegentlich auf Meldungen, die von gross angelegten Kontrollen diverser Firmen oder Institutionen durch Finanzpolizei, Feuerwehr, Antiterrorbehörde usw berichten. Wer an die Richtigkeit all dieser Kontrollen glaubt, ist laut „DP“ naiv, denn sie sieht dahinter ein verbreitetes Mittel im Krieg unter Geschäftsrivalen.

Die Zeitung befragte dazu den russischen Geschäftsmann Dmitri Potapenko. Er wurde 2015 auf einen Schlag berühmt als er während eines Wirtschaftsforums in Moskau den Behördenvertretern die Leviten las, weil sie seiner Meinung nach das Business mehr behindern als fördern. Nach seinen Worten gibt es 36 Kontrollorgane, die eine Firma mit mindestens 600 verschiedenen Kontrollen „attackieren“ können.

„Kleine Unannehmlichkeiten“

Das Spektrum an „Massnahmen“ beginnt laut seinen Angaben auf der Stufe „kleine Unannehmlichkeiten“, die bereits für eine Summe von 10.000 bis 50.000 US-Dollar zu haben sind. Zu diesem Preis kann beispielsweise eine Buchhaltungsprüfung initiiert werden – der Tarif wird je nach „Nachhaltigkeit“ der Wirkung festgesetzt, beispielsweise wie lange die Arbeit des betreffenden Unternehmens dadurch unterbrochen wird oder wie viel Schaden dabei angerichtet wird.

Auf dieser Stufe wird der Firmenleitung klar gemacht, dass es ab jetzt nur noch schlimmer wird. Zur Lösung des „Problems“ gibt es zwei, bzw. drei Möglichkeiten: Die erste besteht darin, entweder seine Beziehungen bei den Behörden spielen zu lassen oder auf dieselbe Weise „zurückzuschlagen“. Die zweite Variante bedeutet, auf die Forderungen der Konkurrenz einzugehen und seine  Anteile zu einem viel zu tiefen Preis zu abzutreten. Und die dritte: Einfach beten, dass sich alles von selber löst.

„Kleine und grosse Probleme“

Weiter geht es mit „kleinen Problemen“ – gemeint sind damit ein Gerichtsverfahren, die dem Gegner „angehängt“ werden. Um vor Gericht für das gewünschte Resultat zu sorgen, sind je nachdem was auf dem Spiel steht und je nach Höhe der Instanz ab 10.000 bis 25.000 Euro oder mehr zur Bestechung nötig. Es versteht sich von selbst, dass die Preise mit zunehmenden Verfahren und „Vermittlern“ entsprechend ansteigen.

Die Kosten für „grosse Probleme“ beginnen bei 30.000 bis 40.000 Euro und mehr, nur um ein Strafverfahren gegen den Gegner auszulösen. Je nach dem Schweregrad der Beschuldigung und der allfälligen „Begleitmusik“ in der Presse durch „schwarze PR“ kann die Sache sehr teuer werden. Spätestens wenn der Direktor der „Opfer-Firma“ in Untersuchungshaft sitzt, wird er bereuen, nicht schon bei den ersten „Unannehmlichkeiten“ eingelenkt zu haben.

„Otkat“ – „Abfluss“ öffentlicher Gelder

Hat sich eine Firma erst einmal die Konkurrenz unter den Nagel gerissen, geht es darum, seine Position zu festigen und die Einnahmen zu steigern, denn mit diesem Ziel wurde das ganz Unternehmen ja gestartet. Die einfachste Methode besteht darin, sich als Monopolist Staatsaufträge zu überhöhten Preisen zu verschaffen.

Bei einer Verteuerung des Auftrags gegenüber den reellen Kosten von 30 bis 40 Prozent, werden alle Beteiligten (ausser dem Steuerzahler) zufrieden gestellt. Im Volksmund nennt sich dieses „Versickern“ von öffentlichen Geldern im Korruptionssumpf „Otkat“ („Abfluss“).

Fiktive Rechnungen von fiktiven Firmen

Es gibt auch Fälle, in denen öffentliche Aufträge nur teilweise oder gar nicht ausgeführt werden, das Geld aber dennoch kassiert wird. Dann benötigt man Tarnfirmen, welche die fiktiven Arbeiten in Rechnung stellen und das Geld an die richtigen Konten weiterleiten, von wo aus es in der Regel in Richtung Offshore verschwindet. Der bekannte Oppositionspolitiker und Blogger Alexei Nawalny engagiert sich mit seinem Fond „Kampf mit der Korruption“ gegen diese Praxis.

Da solche Betrugs-Schemas der russischen Justiz wohl bekannt sind, müssen neben den Kosten für die Strohfirmen Schmiergelder in Höhe von 0,5 bis 0,7 Prozent des Gewinns einberechnet werden. Wegen des Rubelkurszerfalls und der Inflation werden die entsprechenden „Tarife“ meist sofort in Dollar oder Euro festgelegt. Zum Abschluss des Artikels schreibt „DP“: Wer an den oben aufgeführten Zahlen zweifle, solle den Artikel als Kunstwerk betrachten.

Bild: „Gegen Brecheisen gibt es keine Mittel“ – so lautet ein populäres russisches Sprichwort (Foto: Eugen von Arb/ SPB-Herold)

www.dp.ru

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Über den Autor

Eugen von Arb lebt in St. Petersburg, ist Co-Herausgeber der SPZ Online.

2 Kommentare

  1. A. sagt:

    Die korrekte Übersetzung des Sprichwortes ist: „Gegen Brecheisen gibt es kein Mittel“ oder freier: „ist kein Kraut gewachsen“…

  2. realsatire sagt:

    Die bösen Unternehmen denen diese Unbill passiert, dienen ja dann auch nicht selten dazu, das Bild vom frechen kapitalistische Banditen aufzupolieren und der neue „Besitzer“ rettet die Arbeitsplätze.
    Kein Wunder das hier noch immer nicht zwischen Unternehmer mit dem Wunsch einen positiven gesellschaftlichen Beitrag zu leisten, und den echten Banditen bzw. Inhabern mit schnellem Fluchtwunsch beim ersten Angriff unterschieden wird.

    Das die wilden 90er wieder aufleben ist kein Wunder. Die Wirtschaft schrumpft rapide, der Rubel fällt, die normalen „Zuwendungen“ aus der Wirtschaft sinken, aber die Beamten haben immer noch hohe Budgets and privaten Ausgaben. Die freie Wirtschaft ist bei einer Staatsquote von über 75% aber eben einfach nicht wichtig für das Land.

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